# taz.de -- Film „Funeral Casino Blues“: Geister, die durch Bangkok driften
       
       > Im Spielfilm „Funeral Casino Blues“ wählt der Regisseur Roderick Warich
       > einen formbewussten, offenen Ansatz. Assoziationen gehen bei ihm vor
       > Action.
       
 (IMG) Bild: Lebendig oder doch nicht? In „Funeral Casino Blues“ weiß man das nicht so genau
       
       Sie sind nicht (mehr) dort, wo wir sind. Und doch sind sie nicht weg, sie
       schimmern durch die Realität hindurch, hinterlassen, ob verstorben,
       verschwunden oder immer schon imaginiert, ihre Spuren und begleiten uns und
       vor allem unsere Gedankenwelt: die Geister. Im deutschen Kino geraten sie
       dank eines Filmemachers wie [1][Christian Petzold nicht in Vergessenheit.
       Wie kein Zweiter hat der der Berliner Schule zugerechnete Regisseur von
       metaphorischen Geistern und lebendigen Gespenstern erzählt].
       
       Auch Roderick Warich findet in seinem inhaltlich wie formal produktiv
       mäanderndem Film „Funeral Casino Blue“ einen ganz eigenen Zugang zum
       Geisterhaften. Sein Film, der gleich einer nächtlichen Elegie in die
       neonlichtgetränkte thailändische Hauptstadt Bangkok eintaucht, erzählt von
       (ökonomisch) Getriebenen, von der Anonymität im urbanen Turbokapitalismus
       und vom Verschwinden und kommt dabei selbst als Geist daher: Der Film ist
       schwer zu fassen und doch total faszinierend.
       
       Die Geschichte entzündet sich, und das hat etwas Augenzwinkerndes, an der
       Suche nach Feuer. Als Wason (Wason Dokkathum) in dem Apartmenthaus, in dem
       er lebt, an der Rezeption auf Jen (Jutamat Lamoon) trifft, reicht die junge
       Frau hinter der Rezeption ihm Streichhölzer – ein Moment, in dem die Zeit
       kurz stillzustehen scheint. Jen arbeitet in dem Hotel und trifft sich als
       bezahlte Teilzeitfreundin vor allem mit „Farang“, wie die westlichen
       Ausländer in Thailand genannt werden. Mit dem eingenommenen Geld
       unterstützt sie ihre auf dem Land lebende Familie.
       
       Nachdem Barkeeper Wason ihr bei einem übergriffigen Typen zur Hilfe kommt,
       kommen die beiden sich näher und Wason fährt Jen fortan zu ihren Dates.
       Verbunden sind sie auch durch den finanziellen Druck, denn Wason hat
       Schulden bei einem zwielichtigen Typen. Was genau das für eine Beziehung
       zwischen den beiden ist, macht „Funeral Casino Blues“ dennoch nie ganz
       konkret. Sie könnten auf dem Weg sein, ein Paar zu werden, und zugleich
       wirkt Wason, wenn er Jen mit seinem Motorrad durch die Nacht fährt, auch
       wie ein großer Bruder.
       
       ## In Bildern und Stimmungen gedacht
       
       Vieles bleibt in der Schwebe in diesem Film, der nicht klassisch
       plotgetrieben oder psychologisch gedacht ist, sondern von der Form, den
       Bildern und Stimmungen her. Sein Film sei allerdings, erzählt Roderick
       Warich bei der Weltpremiere in der Sektion Orizzonti auf dem Filmfest in
       Venedig, sehr „clean“ gebaut. „Wir versuchen im Schnitt zu verstecken, dass
       wir Plotpunkte setzen. Das hat ein bisschen was mit meinem
       Robert-Altman-Einfluss zu tun: in der Peripherie zu existieren und ein
       bisschen vor sich hin zu schwimmen“, meint der Regisseur.
       
       Der 1983 in Köln geborene Warich hat in Ludwigsburg Drehbuch studiert und
       bereits sein Regiedebüt „2557“ in Bangkok gedreht. Bekannt geworden ist er
       als Co-Autor für Timm Krögers Debüt „Zerrumpelt Herz“ und dessen
       retrobewusstes Multiversumspektakel „Die Theorie von Allem“, das im
       Wettbewerb von Venedig Premiere feierte. Auch an [2][Sandra Wollners
       Drehbuch zu „The Trouble with Being Born“] hat er mitgeschrieben, bei ihrem
       letzten Film „Everytime“, der in Cannes mit dem Hauptpreis der Sektion „Un
       Certain Regard“ geehrt wurde und letzte Woche startete, war er als
       dramaturgische Beratung beteiligt.
       
       Warich, Wollner und Kröger sind gemeinsam mit Produzentin Viktoria Stolpe
       Teil der 2018 gegründeten Produktionsfirma „The Barricades“ – quasi als
       Gefäß, in dem das Kollektiv agiert. Alle haben in Ludwigsburg studiert und
       unterstützen einander seit Jahren bei ihren Arbeiten.
       
       „Durch unsere Zusammenarbeit haben wir gemerkt, dass wir alle ähnliche
       Interessen haben“, erzählt Warich. „Vor allen Dingen sind wir daran
       interessiert, Film als audiovisuelles Medium zu verstehen und nicht als
       etwas, das nur an ein Drehbuch gebunden ist.“ Natürlich sei das Drehbuch
       als strukturgebendes Element wichtig, aber Film heiße eben auch: Musik,
       Bild, Licht, Atmosphären, Form. Sie alle stehen für einen formbewussten,
       offenen Ansatz, bei dem das Kino zur Assoziationsmaschine wird.
       
       Seine Liebe für den Kontinent und das asiatische Kino teilt Warich mit
       seinem Freund und weiteren Co-Produzenten Dominik Rockenmaier, der viele
       Leute in Bangkok kennt und eine Beziehung dort führte. „Wir sind nach
       Thailand gefahren, weil wir beide große Hongkong-Film-Fans sind und etwas
       in Asien realisieren wollten“, erinnert sich der Regisseur an die Zeit vor
       seinem Debüt „2557“. „Wir haben mit Spucke und Kaugummi einen Film gemacht,
       der auf Festivals lief“, meint Warich.
       
       Bei „Funeral Casino Blues“ war es die Geschichte selbst, die ihn erneut
       nach Bangkok brachte. Die Idee seines zweiten Films, der westliche
       Protagonisten komplett außen vor lässt und mit seiner Länge von zweieinhalb
       Stunden im Slow-Cinema-Modus für deutsche Verhältnisse episch daherkommt,
       ist einem Bild entsprungen. „Es gab immer dieses Bild, ich weiß gar nicht,
       wo es herkommt, mit einem Mann, der eine Frau auf dem Motorrad zu Dates
       fährt“, erzählt Warich. Wobei sein Film ganz bewusst den darin impliziten
       Voyeurismus meidet und sogar umkehrt, wenn Jen später direkt in die Kamera
       schaut.
       
       Als Inspirationsquellen für „Funeral Casino Blues“ nennt er die „Taiwanese
       New Wave“ und hier ganz besonders die Regisseure Hou Hsiao-hsien und
       [3][Edward Yang]. Auch Filme wie „Miami Vice“ oder das Kino Wong Kar-Wais
       und [4][David Lynchs] haben ihn stark beeinflusst, ihre Filme „In the Mood
       for Love“ und „Mulholland Drive“ sind für Warich mit das Beste von Anfang
       der 2000er Jahre.
       
       Weitere Referenzen, vor allem für den von Retrosynthesizern dominierten
       musikalischen Teppich, waren Computer- und Playstationspiele und Animes.
       „Der Film sollte sich anfühlen wie ein dokumentarischer Anime mit
       Lynch-affiner Romantik, die ein bisschen dunkler und kaputter ist. Aber
       natürlich ist niemand Lynch außer Lynch.“
       
       ## In der Schwebe zwischen den Genres
       
       In seinen drei Kapiteln entwickelt „Funeral Casino Blues“ einen
       düster-romantischen Sog, ohne zu sehr ins Melodram zu kippen. Und auch wenn
       eine Waffe eine zentrale Rolle spielt und der Film Entwicklungen nimmt, die
       an eine Gangsterballade denken lassen, bleibt er doch durchweg in der
       Schwebe zwischen verschiedenen Genres. Das zentrale Motiv ist das
       Geisterhafte. „Es war von Anfang an klar, dass es um Geister gehen wird“,
       erzählt Warich.
       
       Dieses Geisterhafte schreibt sich in die Figuren ein, die recht isoliert
       durch ihre Existenzen driften und nach und nach auch in die
       Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Überwachungskameras, die den Film begleiten.
       Irgendwann bewegt sich auf einem solchen Überwachungsvideo ein
       gespenstischer Schatten durch Räume, Türen öffnen sich wie von Geisterhand.
       Spätestens mit Jens Verschwinden und der Suche von Wason und ihrer
       Mitbewohnerin Pim (Jutarat Burinok) sind die Spuren ihrer Abwesenheit
       überall. Was ist mit ihr passiert?
       
       Gegen Ende scheinen die Grenzen zwischen Leben und Tod in „Funeral Casino
       Blues“ so konkret wie abstrakt ausgehebelt. Gibt es sie überhaupt? Oder
       sind die Figuren immer schon lebende Tote auf der Suche nach ein bisschen
       Glück? Wenn schließlich, wie zu Beginn, rötlich leuchtende Baumwipfel über
       die Leinwand ziehen und Mobys Song „My Weakness“ zu hören ist, fragt man
       sich: Was habe ich da gerade gesehen? Und das ist absolut als Kompliment zu
       verstehen.
       
       11 Aug 2026
       
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