# taz.de -- Auftakt in türkischer Süper Lig: Crashout, Macker und jede Menge Ragebait
       
       > Die türkische Liga startet mit einem Aufsteiger, der einen kurdischen
       > Namen trägt. Das sorgt für mehr Aufregung als die großen Klubs aus
       > Istanbul.
       
 (IMG) Bild: Türkisch-kurdisches Politikum: Fans bei der Party zum Aufstieg von Amedspor in die Süper Lig
       
       Die Sommerpause im Fußball ist vorbei – sofern man das überhaupt eine Pause
       nennen kann. Die Süper Lig beginnt in zehn Tagen. Das ist wirklich „Süper“
       – ein Wort, das es offenbar auf [1][die Shortlist für das Jugendwort des
       Jahres geschafft hat]. Ironischerweise passt das Wort weniger zur
       türkischen Topliga als andere Begriffe auf der Shortlist: Crashout, Macker
       oder Ragebait. Hier also einige Dinge, auf die man in der kommenden Saison
       der Süper Lig achten sollte.
       
       Nach einigen Jahren mit ständigen Veränderungen sieht es so aus, als würde
       Beşiktaş unter dem italienischen Trainer Vincenzo Italiano endlich wieder
       eine ordentliche Mannschaft zusammenstellen. Bislang sind sie noch nicht
       aus der Europa League ausgeschieden. Das letzte Mal, dass Beşiktaş seinen
       Fans solche Hoffnung machte, war vor fast zwei Jahren, als sie Galatasaray
       im türkischen Supercup mit 5:0 abschossen – nur um kurz darauf komplett
       auseinanderzufallen.
       
       Seitdem hatte Beşiktaş fünf Trainer und war nie wirklich konkurrenzfähig.
       Andererseits können sie auch in zwei Tagen deutlich [2][gegen den
       tschechischen Klub FC Hradec Králové] verlieren und dann doch aus der
       Europa League ausscheiden: Crashout.
       
       Die zweite Geschichte ist die Rückkehr des einzig wahren Aziz Yıldırım zu
       Fenerbahçe. Fenerbahçe leidet unter dem Atatürk-Komplex, wie ich ihn nenne.
       Weil man davon ausgeht, dass Atatürk Fenerbahçe-Fan war und die überwiegend
       säkulare Anhängerschaft ihn schmerzlich vermisst, sucht der Verein immer
       nach einer starken, legendären Führungsfigur. Und niemand ist legendärer
       als [3][Aziz Yıldırım], der Macker von Fenerbahçe.
       
       Wütend, kompromisslos, unberechenbar – und höchst unterhaltsam. Zwanzig
       Jahre lang war er Präsident von Fenerbahçe. Als er 2018 schließlich
       abgewählt wurde, verglichen das manche mit einem Sturz Erdoğans. Danach
       folgten acht Jahre ohne Meisterschaft. Und jetzt ist er zurück und auf
       Rache aus. Der Verein hatte zuvor hohe Schulden aufgenommen, und alles
       wurde auf die Meisterschaft gesetzt.
       
       Doch Galatasaray war am Ende zu stark. Jeder wird dieses Jahr versuchen,
       die Bayernisierung von Galatasaray zu verhindern – eine fünfte
       Meisterschaft in Folge wäre Rekord. Wenn es jemand schafft, dann würde ich
       mein Geld allerdings eher auf Trabzonspor setzen.
       
       Kommen wir zur dritten und meiner Meinung nach wichtigsten Geschichte der
       diesjährigen Süper Lig: Amedspor steigt in die Süper Lig auf. Allein die
       Aussprache des Vereinsnamens sorgt bei Rassisten in der ganzen Türkei für
       einen Kurzschluss. Ein Name, der für Rassisten ganz ohne Absicht Ragebait
       ist. Amed ist der kurdische und historische Name von Diyarbakır, der
       größten mehrheitlich kurdischen Stadt der Türkei. Aber wehe, man nennt sie
       Amed statt Diyarbakır, dann ist man gleich Terrorist.
       
       Allein die Tatsache, dass Amedspor den Aufstieg geschafft hat, wird Folgen
       für die türkische Gesellschaft und Politik haben. Ein Faktor, der eine
       ansonsten geradlinige Anti-Amedspor-Haltung kompliziert macht, ist der
       angeblich laufende, hochgradig intransparente und [4][im Schneckentempo
       voranschreitende Friedensprozess] zwischen der AKP-Regierung und
       verschiedenen Teilen der kurdischen Bewegung, der zur Auflösung der PKK
       geführt hat.
       
       Umso erstaunlicher ist es, den Vorsitzenden der MHP und der Grauen Wölfe,
       Devlet Bahçeli, zu hören, der noch vor drei Jahren sagte, es gebe keinen
       Ort namens Amed, und nun den Aufstieg des Vereins feiert. Rassismus gegen
       Kurden ist im Land allgegenwärtig. Schon eine sehr kleine Veränderung der
       politischen Lage wird sich unmittelbar auf die Stadien übertragen, und die
       Türkei wird schneller auf ihre Werkseinstellungen zurückgesetzt sein, als
       deutsche Jugendliche ein neues Wort lernen.
       
       3 Aug 2026
       
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