# taz.de -- Hitze in der Türkei: Zwischen Betonburgen und dem Bosporus
       
       > Auch in Istanbul schwitzen sich die Menschen durch die Sommerhitze. Wer
       > kann – also die Mittel- und Oberschicht – weicht in Feriendomizile am
       > Meer aus.
       
 (IMG) Bild: Abkühlen im Bosporus: an einem Sommertag in Istanbul, 28. Juli 2026
       
       Es ist Anfang August, die heißeste Zeit im Jahr. Obwohl die
       Wettervorhersage 33 Grad angekündigt hatte, ist es direkt am Bosporus in
       Istanbul angenehm kühl. Ein starker Wind vom Schwarzen Meer, die Menschen
       hier nennen ihn „Poyraz“, weht den Bosporus hinunter ins Marmarameer und
       sorgt für Temperaturen weit unter den angekündigten. Große Platanen helfen
       außerdem dabei, dass es auch im Ort überwiegend schattig und angenehm
       bleibt.
       
       Doch die wenigsten der bald 20 Millionen Menschen, die im Großraum Istanbul
       leben, erfreuen sich derart angenehmer Bedingungen. Die meisten der immer
       weiter ins Umland wuchernden Vororte sind Betonburgen, in denen kaum ein
       Baum steht und die sich in der Sommerhitze entsprechend aufladen. Der vor
       einem Jahr verhaftete [1][Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu]
       hatte schon vor Jahren versprochen, in diesen Vierteln Grünflächen und
       Parks anlegen zu lassen. Einige dieser Projekte konnte er realisieren –
       doch seit [2][seiner Verhaftung] und der Hunderter weiterer Mitarbeiter der
       Stadtverwaltung stocken die Projekte. Die Verwaltung der Stadt läuft nur
       noch im Notstandsmodus.
       
       Die Hitze zählt da zu den kleineren Problemen. Auch wenn es dazu keine
       offiziellen Zahlen gib: [3][Die Anzahl der Hitzetoten] dürfte weit unter
       den Annahmen liegen, die es in Deutschland während der letzten Hitzewellen
       gab. Das liegt natürlich daran, dass sich das Leben in der Türkei seit
       Langem der Sommerhitze angepasst hat. Von Mitte Juni bis Mitte September
       schaltet das gesamte Land einige Gänge runter. Schulen und Universitäten
       haben drei Monate Ferien, auch die Justiz macht eine längere Gerichtspause,
       das Parlament tagt nicht und die gesamte öffentliche Verwaltung ist dünner
       besetzt. Wer arbeiten muss, tut das gewöhnlich in klimatisierten Räumen,
       das gilt natürlich auch für Krankenhäuser, Pflegeheime und so weiter.
       
       Die Städte, insbesondere Istanbul, werden in dieser Zeit auch auffallend
       leerer. Die Massenmigration vom Land in die Metropolen ist ja oft gerade
       mal eine Generation her. Viele Familien haben noch enge Kontakte in die
       Dörfer ihrer Eltern und Großeltern und kehren im Sommer für die heißen
       Monate dorthin zurück. Die Mittel- und Oberschicht weicht in ihre
       Feriendomizile am Meer aus.
       
       ## Bislang keine Monsterfeuer, aber Wassermangel
       
       Allerdings macht sich gerade dort der [4][Klimawandel] in den letzten
       Jahren besonders bemerkbar. Die Orte an der Mittelmeerküste und auch in der
       südlichen Ägäis werden mittlerweile so heiß, dass der Aufenthalt im Juli
       und August dort kein Spaß mehr ist. Temperaturen von mehr als 40 Grad
       machen das Leben im Ferienhaus unerträglich, dann bleiben einige doch
       lieber in den heißesten Wochen in Istanbul.
       
       Dazu kommen die [5][immer stärker zunehmenden Waldbrände.] In der Türkei
       hat es Ende Juli, Anfang August an knapp 300 Orten entlang der Mittelmeer-
       und Ägäisküste gebrannt. Man hat in den letzten Jahren in die Früherkennung
       von Bränden investiert, durch mehr Feuertürme und Drohnen werden die Wälder
       besser überwacht als früher. Die meisten der Feuer konnten deshalb schnell
       gelöscht werden. Einige entwickelten sich dennoch zu Großfeuern, die
       tagelang brannten. Glücklicherweise kam es in diesem Jahr noch nicht zu
       solchen Monsterfeuern wie in Frankreich oder Spanien – aber der Sommer ist
       ja noch lang.
       
       Mittelfristig das größte Problem ist aber die Wasserversorgung. Die
       sommerlichen [6][Dürreperioden] werden länger und die Winter und
       Frühjahrsregenfälle immer unregelmäßiger. Zu römischen, byzantinischen und
       auch noch zu osmanischen Zeiten hatte Istanbul große unterirdische
       [7][Zisternen], in denen das Wasser für die Sommermonate gespeichert wurde.
       Die gibt es schon lange nicht mehr. Stattdessen wird die Stadt jetzt mit
       Wasser versorgt, dass teils über Hunderte Kilometer weit herantransportiert
       wird. Da das in regenarmen Jahren schon jetzt nicht mehr reicht, wird nun
       über eine große Meerwasserentsalzungsanlage nachgedacht.
       
       5 Aug 2026
       
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