# taz.de -- Transfergerüchte in der Türkei: Fußballsommer zum Schämen
       
       > Der Journalismus über Transfergerüchte hat gerade auf türkischen Portalen
       > wenig mit der Realität zu tun. Leider ist er trotzdem unwiderstehlich.
       
 (IMG) Bild: Zidane zu Beşiktaş? In der Türkei kursieren die abstrusesten Spekulationen
       
       Fußball-Shaming ist schon lange ein Thema. Ob man nun das
       [1][Champions-League-Finale] schaut – ein gigantisches Werbeevent, bei dem
       der Sieger oft durch die Größe des Geldbeutels bestimmt wird – oder sich
       für die türkische Nationalmannschaft begeistert, [2][während die Regierung
       ganz offen die Opposition zerschlägt:] Es lässt sich nicht leugnen, dass
       Fußball längst nicht mehr nur der Unterhaltung dient. Wer daran teilnimmt,
       unterstützt auch vieles, was in dieser Welt schiefläuft. Daher das Shaming.
       Man kann es rationalisieren, relativieren oder die Ohren verschließen. Am
       Ende trifft einen die Stimme aus dem eigenen Inneren am härtesten.
       
       Mit dieser Stimme habe ich mich arrangiert, auch wenn sie sich immer wieder
       meldet. Womit ich allerdings weiterhin zu kämpfen habe, ist die wohl
       schlimmste Form des Fußballjournalismus, der sich allein um
       Transfergerüchte dreht.
       
       Die türkischen Nachrichten haben den Bezug zur Realität längst verloren.
       Regierungsnahe Medien zeichnen täglich das Bild einer Türkei, die nur in
       den Köpfen ihrer Unterdrücker existiert. Lügen über mögliche Transfers sind
       im Vergleich dazu völlig harmlos. Die meisten Menschen nehmen sie wohl
       nicht ernst – mit Ausnahme älterer Onkel, die jede Schlagzeile für bare
       Münze nehmen. Ich erinnere mich an einen Onkel, der täglich mit zwanzig
       Namen bombardiert wurde. Gegen Ende der Sommerpause war er derart
       verzweifelt, dass er förmlich darum bettelte, das Transferfenster möge
       endlich schließen.
       
       Diese sogenannten Geschichten scheren sich nicht um die Realität, und
       wenige der Konsumenten scheinen sich daran zu stören. Niemand wird für das
       Veröffentlichen erfundener, selbstreferenzieller Geschichten zur
       Verantwortung gezogen, die aus Sätzen bestehen, denen meist sogar das
       Subjekt fehlt. Was zählt, ist der Klick.
       
       ## Zidane, wer denn sonst?
       
       Und wer klickt nicht auf einen Artikel, der Beşiktaş mit … Zinédine Zidane
       in Verbindung bringt!? Ich jedenfalls nicht. Dabei weiß jeder, dass Zidane
       schon seit Jahren auf den Job als französischer Nationaltrainer wartet.
       Trotzdem klicke ich. Das Medium behauptet, sein Jahresgehalt von 30
       Millionen Euro sei das Hindernis. Ja klar. Selbst in Frankreich hat [3][man
       sich darüber lustig gemacht.]
       
       An anderer Stelle heißt es, dass Rafa Leão AC Mailand verlassen wolle, um
       in einer Topliga zu spielen. Prompt erscheinen Meldungen, wonach
       Galatasaray und Fenerbahçe um ihn buhlen würden, während der Rest der Welt
       ihn mit der Premier League in Verbindung bringt. Bei Fenerbahçe wird es
       noch absurder. Am Wochenende wird dort ein neuer Präsident gewählt, und die
       Kandidaten überbieten sich bereits mit Transferversprechen. Die Fans
       bekommen es also doppelt ab: Hakan Safi kündigt zwei Weltklassespieler an,
       nennt aber keine Namen. Stattdessen sagt er: „Wenn man im Internet
       nachschaut, kann man sehen, wer es sein könnte.“ Klasse.
       
       Vielleicht ist das Peinlichste an der ganzen Sache, dass ich türkischen
       Transfermeldungen im Alltag gar nicht ausgesetzt bin. Ich habe keine
       besondere Vorliebe für eine bestimmte Quelle von Falschmeldungen. Nicht
       unähnlich einem Onkel öffne ich etwa einmal pro Woche Google, tippe „Türkei
       Fußball Transfer News“ ein und klicke auf irgendetwas. Und ich schäme mich
       dafür. Das wird ein langer Sommer.
       
       1 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Ali Çelikkan
       
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