# taz.de -- Repression gegen russische Forscher: Putins Ideologen im Kampf gegen Aristoteles
> In Russland bedrängt der Geheimdienst FSB akademische Philosophen. An
> ihnen will man ein politisches Exempel statuieren.
(IMG) Bild: Der griechische Philosoph und Wissenschfler der Antike Aristoteles (384–322 v. Chr.)
Zwei deutsche Schiffe verließen im Herbst 1922 den Hafen von Petrograd. An
Bord waren Philosophen, Historiker und Soziologen, die aus Sowjetrussland
ausgewiesen wurden. Später ging diese Aktion, von der mehr als 250 Menschen
betroffen waren, als das „Philosophenschiff“ in die Geschichte ein. Denn
unter den Passagieren befanden sich bedeutende Vertreter der russischen
Philosophie.
Für [1][Lenin waren Intellektuelle], die marxistische Ideen nicht
unterstützten, keine Opponenten, sondern politische Gegner. Er forderte,
diese „Spione und Verderber der lernenden Jugend“ zu verfolgen und außer
Landes zu schaffen. Wie Trotzki sagte, habe man sie ausgewiesen, weil es
„keinen Grund gab, sie zu erschießen, aber unmöglich war, sie zu dulden“.
Die Ausgewiesenen ließen sich später in Berlin oder Paris nieder und
leisteten bedeutende Beiträge zur internationalen Wissenschaft. Die
Vertreibung der intellektuellen Elite unterbrach die Entwicklung des freien
philosophischen Denkens in Russland für Jahrzehnte.
Noch tragischer war das Schicksal jener Wissenschaftler, die im Land
geblieben waren. Viele wurden später Opfer politischer Repressionen.
## Stundenlange Verhöre von Wissenschaftlern
Ein Jahrhundert später kehrt die Geschichte in Russland in erstaunlich
vertrauter Form zurück. Immer häufiger werden einzelne Wissenschaftler oder
ganze Forschungseinrichtungen als „unpatriotisch“ oder „extremistisch“
diffamiert. Das Ziel ist dasselbe geblieben: die ideologische Kontrolle.
Das jüngste Opfer dieser Entwicklung ist das Institut für Philosophie der
Russischen Akademie der Wissenschaften. Am 19. Mai durchsuchten Beamte des
„Zentrums zur Bekämpfung von Extremismus“, einer FSB-Struktur, frühmorgens
die Wohnungen von zehn Wissenschaftlern. Danach wurden sie zu stundenlangen
Verhören gebracht. Unter ihnen befand sich auch der 87-jährige Direktor des
Instituts, Professor Guseinow.
Alle Betroffenen waren an einem Projekt zur Neuübersetzung von Aristoteles
ins Russische beteiligt. Die Anklage gegen sie wirkt geradezu absurd:
Angeblich seien die Projektziele nicht erfüllt worden. Natürlich geht es
nicht um Verwaltungsfehler und nicht um unzureichende Projektberichte. Die
wissenschaftlichen Beiträge wurden veröffentlicht, die Berichte eingereicht
und akzeptiert. Die Leiterin des Projekts, Svetlana Mesyats, sitzt
inzwischen unter Hausarrest, den anderen wurde die Ausreise aus Moskau
untersagt.
## Druck nationalistischer und ultrakonservativer Kräfte
Der wahre Grund für die Verfolgung liegt woanders. Man will ein politisches
Verfahren als einen rein administrativen Vorgang tarnen und an den
Philosophen ein Exempel statuieren. Das Institut steht seit Jahren unter
dem Druck nationalistischer und ultrakonservativer Kräfte. Seit 2021 gibt
es Versuche, die Leitung neu zu besetzen und die wissenschaftliche Arbeit
zu kontrollieren.
Dem Institut wird vorgeworfen, „Zuflucht für Verräter, ausländische Agenten
und Extremisten“ zu sein. Zu den lautstärksten Kritikern gehören
[2][Alexander Dugin] und Konstantin Malofejew – ein nationalistisch
gesinnter Medienmagnat mit engen Verbindungen zur russisch-orthodoxen
Kirche.
[3][Dass ausgerechnet das Aristoteles-Projekt ins Visier geraten ist], hat
eine fast symbolische Bedeutung. Einige Vertreter des nationalistischen
Lagers betrachten die Beschäftigung mit Aristoteles als verdächtig, weil
sie in ihm einen Wegbereiter westlicher politischer und intellektueller
Traditionen sehen.
Der Fall der Aristoteles-Forscher ist weit mehr als eine neue Episode der
Repressionen. Wenn selbst die Übersetzung eines antiken Philosophen als
feindlich erscheint, dann richtet sich der Kampf längst nicht mehr gegen
einzelne Wissenschaftler. Er richtet sich, wie vor 100 Jahren, gegen das
freie Denken selbst.
3 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Irina Scherbakowa
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