# taz.de -- Bosnien und Herzegowina: Dervo Sejdic kämpft unbeirrt für die Rechte der Roma
       
       > Am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus während der
       > deutschen Besatzung 1942 bis 1945 erinnert Dervo Sejdic, wie grausam Roma
       > gejagt und getötet wurden.
       
 (IMG) Bild: Kämpft gegen Diskriminierung von Minderheiten: Dervo Sejdic hier in Sarajevo
       
       Es hat lange Jahre gedauert, jetzt ist es so weit. Dervo Sejdic, der
       bekannteste Vertreter der Roma in Bosnien und Herzegowina, wird heute von
       bosnischen Medien und ausländischen Diplomaten hofiert. Der 1956 in Visoko
       geborene und mit 15 Geschwistern aufgewachsene Dervo Sejdic wird nicht mehr
       nur als Minderheitenvertreter, sondern jetzt auch als einer der wichtigsten
       Bürgerrechtler des Landes wahrgenommen. Denn gemeinsam mit dem Juden Jakob
       Finci hat er ein wichtiges Urteil am Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg
       erwirkt.
       
       Doch an diesem Sonntag, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des
       Nationalsozialismus während der deutschen Besatzung 1942 bis 1945, spricht
       er vor allem über das Schicksal der Volksgruppe der Roma während dieser
       Zeit. Zehntausende Roma wurden damals von den [1][hitlertreuen kroatischen
       Ustascha] und dem serbischen Nedicregime verfolgt. Die Rechtsradikalen
       ermordeten ganze Familien auf offener Straße. Die Ustaschen ermordeten im
       kroatischen [2][Konzentrationslager Jasenovac] mindestens 19.000 Roma, die
       in Serbien gefangenen Roma wurden von den Deutschen direkt nach Auschwitz
       weitergeleitet.
       
       „Roma waren vollkommen rechtlos“, sagt Dervo. „Wer Roma auf der Straße
       traf, konnte sie schlagen oder töten“, erklärt er. Gefangene Roma hätten
       nicht einmal eine KZ-Nummer in die Haut gebrannt bekommen, wie bei allen
       anderen Gefangenen üblich, sondern nur die Nummer des Waggons, der sie
       dorthin gebracht hatte.
       
       Man sieht es Dervo an, wie es angesichts all dessen in ihm rumort.
       Überlebende Roma wurden durch den Sieg der Titopartisanen 1945 befreit.
       Dervo wuchs im Titostaat auf. Minderheiten wurden in diesem Staat nicht
       mehr diskriminiert. Dervo Sejdic wurde der „erste Roma-Polizist in
       Jugoslawien“, wurde Teil einer Spezialtruppe, die zu Beginn des letzten
       Krieges 1992 das Gebäude des Staatspräsidiums schützte. Er blieb auf der
       Seite der Verteidiger Sarajevos und damit Bosniens. Seine Frau wurde durch
       eine Granate getötet.
       
       Nach dem Krieg las Sejdic die in Dayton verhandelte und letztlich von der
       internationalen Gemeinschaft oktroyierte Verfassung. „Ich fragte mich, wo
       komme ich da eigentlich vor?“ Da konnte er lesen, dass die Macht im Staate
       nach rein ethnischen Kriterien aufgeteilt war, dass Positionen im Staate
       ausschließlich den drei verfassungsmäßigen „konstituierenden Völkern“
       vorbehalten waren, also den Bosniaken, den Kroaten und den Serben.
       
       Alle anderen fallen durch das Raster, Roma oder Juden, aber auch Menschen,
       die sich einfach nicht national definieren wollen. Dagegen zogen Sejdic und
       der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Jakob Finci, vor den Europäischen
       Gerichtshof in Straßburg. Am 22. Dezember 2009 [3][kam das Urteil]: Die
       Regelung sei diskriminierend und verstoße gegen die Europäische
       Menschenrechtskonvention. Das Gericht forderte Bosnien und Herzegowina auf,
       seine Verfassung und sein Wahlrecht zu ändern, um allen Bürgern unabhängig
       von ihrer ethnischen Zugehörigkeit das gleiche passive Wahlrecht zu
       garantieren.
       
       Doch das Urteil wurde nie umgesetzt. Die herrschenden Nationalisten
       blockieren alle Reformen und die internationale Staatengemeinschaft ist
       gespalten. Vor allem Russland stützt die [4][serbischen Extremisten]. Der
       Bürgerrechtler Dervo Sejdić aber führt den Kampf für die Demokratisierung,
       Gleichberechtigung aller Bürger und die Rechte von Minderheiten unbeirrt
       fort.
       
       3 Aug 2026
       
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