# taz.de -- Nouveau Réalisme in Kunsthalle Mannheim: Er hängte sich die zersprengte Karre ins Wohnzimmer
> Die Kunsthalle Mannheim zeigt in einer Ausstellung die Aktions- und
> Objektkunst des Nouveau Réalisme. Es geht um die Verkrustungen der
> Nachkriegsgesellschaft.
(IMG) Bild: Weißer Alfa Romeo auf weißem Grund: Armans „White Orchid“ von 1963
Für Autofans könnte der Anblick ein Schock sein. In der Ausstellung
„Radikal. Real“ in der Kunsthalle Mannheim ist ein Alfa Romeo zu sehen –
als komprimierter Schrott-Kubus, eine Skulptur von César. Unbehagen könnte
auch das Wrack eines eleganten, weißen MG-Sportwagens auslösen. Es hängt
wie ein Bild an der Wand, von Ferne einem ramponierten Insekt ähnlich, bei
näherer Betrachtung ein rostiges Knäuel verschlungener Röhren mit
gesplitterter Frontscheibe.
Der französisch US-amerikanische Künstler Arman, eigentlich Armand Pierre
Fernandez, sprengte den Wagen 1963 in Kooperation mit dem Düsseldorfer
Galeristen Alfred Schmela und Einwilligung des Besitzers Charles Wilp in
einem Steinbruch bei Ratingen in die Luft. Der Fotograf und Werbefachmann
Wilp hängte sich das Resultat der Kunstaktion ins Wohnzimmer – wohl als
Inspiration für seine Arbeit. Heute ist es Teil der Sammlung des Museums
für Moderne Kunst in Frankfurt.
„Das Auto galt als Heilsversprechen für so vieles“, sagt Luisa Heese, die
Kuratorin der Schau in der Mannheimer Kunsthalle, die sich der Gruppe der
Nouveaux Réalistes und seinem internationalen Netzwerk widmet. Es sei Arman
darum gegangen, die geschlossene Oberfläche aufzubrechen und damit auch die
Frage zu stellen, warum wir uns so stark über Dinge definieren. Sie zitiert
Roland Barthes, der das Automobil als Kathedrale der Gegenwart bezeichnet
hat. Mehr noch: „Diese Aktion sagt uns noch immer, wie sehr wir uns über
Kontexte, über Dinge definieren.“
## Die Wahrnehmungsfähigkeit des Realen
Die Neuen Realisten setzten der individuellen Empfindung der Künstler des
Informels der 1950er Jahre eine kollektive, aber vielfältige Analyse
entgegen. Gegründet auf Anregung des Kunstkritikers Pierre Restany 1960 in
Nizza, verschrieben sich die das Manifest unterzeichnenden Mitglieder der
Gruppe einem „neuen Realismus“. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Yves
Klein, Pierre Restany, Arman, [1][Daniel Spoerri], [2][Jean Tinguely] und
Jacques de la Villeglé. Der Nouveau Réalisme wurde laut Manifest als „neue
Annäherung der Wahrnehmungsfähigkeit an das Reale“, verstanden.
Wie ein magnetisches Feld hatten sich in Europa fünfzehn Jahre nach dem
Zweiten Weltkrieg alle Lebensbereiche auf den Konsum ausgerichtet. Heute
durchzieht diese Entwicklung alle Lebensbereiche. Man muss vielleicht nicht
mehr [3][wie Niki de Saint Phalle auf mit Farbbeuteln präparierte
Gipsreliefs] schießen, und in einem Akt von Aggression ein neues
bildgebendes Verfahren erfinden. Es waren nicht die Relikte von
Saint-Phalle-Aktionen, die Berühmtheit erlangten. Um die Welt gingen die
Bilder einer jungen Frau, die den Bildgrund attackierte – symbolisch für
eine verkrustete Gesellschaft.
Sie war die einzige Frau, die zum Kern der Pariser Künstlergruppe gehörte.
Temporär stießen aber auch Künstlerinnen dazu, deren Namen heute in Europa
so gut wie vergessen sind. Dazu gehört Feliza Bursztyn, eine kolumbianische
Bildhauerin, die Skulpturen aus Schrott schweißte. Oder die argentinische
Konzeptkünstlerin Marta Minujín. Sie verbrannte 1963 in der Aktion „La
Destruccíon“ im Hof der Impasse Ronsin ihr komplettes, bis dahin
geschaffenes Werk. Dort hatten Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle ihr
Atelier.
Das Werk von Chryssa, einer griechisch-US-amerikanischen Künstlerin, weckte
das Interesse des Kritikers Pierre Restany. Er lud sie 1961 zu einer
Ausstellung in Paris ein. Sie sammelte Teile ausgedienter Leuchtreklame,
die sie in abstrakte Lichtzeichnungen transformierte.
## Zerstörung spielt eine zentrale Rolle
Der Akt der Zerstörung spielt im Nouveau Réalisme eine zentrale Rolle. Auch
die Affichistes, die Teile von Plakatwänden oder komplette Werbetafeln
demontierten und in die Schichten der übereinander geklebten Werbegrafiken
hineinarbeiteten, schufen auf diese destruktive Weise neue Bilder. Sie
legten, wie etwa Raymond Hains, Fragmente frei. Manchmal ergaben sich
daraus neue abstrakte Decollagen, mal erzählten die Fragmente neue
Geschichten. Die Kunst der Affichistes beschränkte sich nicht auf Paris.
Der Berliner Medienkünstler Wolf Vostell strebte eine inhaltliche
Verdichtung an. In „Ihr Kandidat“ von 1961 kombinierte er geschickt Wahl-
und Produktwerbung.
Daniel [4][Spoerri hingegen wollte] erlebte Gegenwart feiern und das
Vergängliche festhalten. Er setzte dem alltäglichen Akt der
Nahrungsaufnahme ein sinnliches Denkmal. Der eigentlich als Tänzer und
Pantomime ausgebildete Künstler ersann eine eigene, an Stillleben
angelehnte Methode, um das reale Leben einzufangen. Er fixierte nach einem
Essen, allein oder mit Freunden, das gebrauchte Geschirr, Aschenbecher und
Gläser mit allen Rückständen und hängte sie als „Fallenbilder“ an die Wand.
„Die Aneignung des Wirklichen war ein Phänomen, das man damals nicht nur in
Paris beobachten konnte“, fasst Luisa Heese zusammen. Es sei interessant zu
sehen, wie diese Protagonisten zusammengekommen seien, welche Verbindungen
es gegeben habe. Auch Arbeiten von Christo, [5][Claes Oldenburg] oder
Jasper Johns tauchen in dieser Schau auf. Die Ausstellung erinnert an die
lebendige Kunstszene der 1960er Jahre, wirkt dabei aber ungemein zeitgemäß.
2 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Carmela Thiele
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