# taz.de -- Buchautoren als Ziel von KI-Betrug: Schmeichelnd, wortgewandt und fake
       
       > Onlinebetrüger haben es neuerdings auch auf Buchautoren abgesehen. Die
       > Methoden sind oft raffiniert und perfide. Ein Erfahrungsbericht.
       
 (IMG) Bild: Für einen Moment dachte unsere Autorin, sie sei tatsächlich zum „Natucket Book Festival“ auf der Atlantikinsel eingeladen
       
       Nicht mit mir …“, dachte ich, erleichtert darüber, nicht reingefallen zu
       sein. Eine E-Mail von einer angeblichen „Sophia Williams“ war in meinem
       Posteingang aufgetaucht. Der selbstbewusste Betreff lautete:
       „Positionierung von [1][‚Jim Jarmusch: Music, Words and Noise‘], stärkere
       Verankerung in der Filmwissenschaft, der Soundtheorie und bei einem
       cinephilen Publikum.“ Mein vor über zehn Jahren in London veröffentlichtes
       Buch über das Kino des Independent-Regisseurs stand nie auf
       Bestsellerlisten, und das ist nicht weiter schlimm. Bei aller
       Zufriedenheit, dass sich nach all den Jahren jemand zum Thema überhaupt
       meldete, war mein erster Gedanke zur E-Mail von Frau Williams: Die Sache
       stinkt.
       
       Aus reiner Neugier trotzdem schnell zu Ende gelesen. Sie behauptet, „mehr
       Sichtbarkeit“ anbieten zu können, um mein Buch strategischer zu vermarkten
       und die Nische der Leser, die sich für das Thema interessieren könnten, zu
       erweitern. Geld also. Sicherlich für sie, eventuell auch für mich.
       
       Doch warum würde ein „echtes“ Angebot mit einer hochtönenden und etwas
       hölzernen Inhaltsangabe der Themen meines Buchs beginnen? Darunter Sätze
       wie: „Das Buch bietet eine originelle und intellektuell anregende
       Neuinterpretation des Gesamtwerks von Jim Jarmusch, indem es den Klang
       nicht als bloß unterstützendes Element, sondern als zentrale
       strukturierende Kraft filmischer Sinnproduktion begreift.“ Fünf lobend
       beschreibende Absätze von Frau Williams fühlten sich zu übertrieben an, um
       mich von ihren Marketingtalenten zu überzeugen.
       
       ## Korrespondenz als Warnung online veröffentlicht
       
       Trotzdem wollte ich herausfinden, wer oder was dahintersteckte. Eine kurze
       Recherche reichte, um zu bestätigen, dass es womöglich überhaupt keine
       solche Sophia Williams gibt. Wie ich bald entdeckte, hatte die
       amerikanische Autorin Claudia Ricci auch ein Angebot von Frau Williams
       bekommen. Sie war deutlich weiter gegangen als ich und hatte mit Williams
       das Gespräch gesucht. Erst nach mehreren E-Mails war es schließlich ein
       dubioser und technisch gescheiterter Zoom-Call, der Frau Ricci zum Zweifeln
       brachte, worauf sie die Kommunikation abbrach. Sie veröffentlichte danach
       die komplette Korrespondenz online, um andere zu warnen.
       
       Etwas über einen Monat später interessierte sich wieder jemand für mein
       Buch. Die E-Mail stammte diesmal von Tim Ehrenberg, dem Marketingdirektor
       des „Nantucket Book Festival“. Seit 15 Jahren zieht das Festival Autoren
       und Literaturbegeisterte auf die exklusive Atlantikinsel des
       US-Bundesstaats Massachusetts, die als Luxus-Sommerkolonie vieler
       Wohlhabender gilt. Ich hatte noch nie von dem Festival gehört und es schien
       mir unwahrscheinlich, dass man sich dort für mein [2][Jarmusch-Buch
       interessieren könnte. Allerdings erlebt der 73-jährige Regisseur im Moment
       eine Art Comeback].
       
       Also prüfte ich, ob es diesen Herrn Ehrenberg auf Nantucket wirklich gibt,
       was das Festival für einen Ruf hat, ob Freunde in den USA es kannten. Die
       Antworten waren alle positiv. Dazu kam, dass es nicht um ein Angebot
       irgendwelcher Marketingdienste ging, sondern um eine Einladung für eine
       „Spotlight-Session“ über mein Buch. Anders als bei der E-Mail von „Frau
       Williams“ war der Text von Herrn Ehrenberg gut aufgebaut, knapp und
       glaubwürdig. Schon ein bisschen zu lobend, aber das klang nach den üblichen
       amerikanischen Übertreibungen.
       
       Für einen ziemlich langen Augenblick freute ich mich. Kurz, jedoch
       wohlwollend antwortete ich Herrn Ehrenberg, dass ich gern mehr über sein
       Angebot erfahren wollte. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie
       begann mit enthusiastischen Worten über mein Interesse und die vielen
       Möglichkeiten, die eine Anwesenheit auf dem Festival, selbstverständlich
       auch eine virtuelle, bieten würde. Sie endete aber mit einer ganz konkreten
       Frage: Wäre ich bereit, eine Standard-Produktionspauschale von $ 75 zu
       zahlen? Falls ja, würde er mir das entsprechende Formular zusenden und mein
       „Platz an der Sonne“ wäre gesichert.
       
       ## Immer neue „Einladungen“ zu Literaturfestivals
       
       Eigentlich wäre spätestens dies der Moment gewesen, um zu merken, dass es
       sich um einen schamlosen Scam handelte. Trotzdem wurde mir dies erst klar,
       als kurze Zeit später eine weitere „Einladung“ auftauchte. Diesmal aus
       England, und zwar vom „Theakston Old Peculier Crime Writing Festival“ in
       Harrogate. In der Nachricht stand sogar ein Absatz, der vertrauenerweckend
       wirken sollte, um klarzustellen, dass sich das Publikum dort nicht nur für
       Krimis und Thriller interessiert, sondern auch für Film-Sachbücher wie
       meins. Die ursprüngliche Freude wich wachsender Wut.
       
       Phishing-E-Mails kommen selten allein, und wie mich die Erfahrung dann
       lehrte, oft von @gmail.com-Adressen. Es dauerte nicht lange, bis ich
       weitere ähnliche Nachrichten bekam, angeblich aus Kanada – „Wordfest“,
       Calgary – und danach sogar aus Australien – „Mudgee Readers’ Festival“.
       
       Das kanadische Festival hat inzwischen auf seiner Webseite eine offizielle
       Stellungnahme veröffentlicht, die Autoren vor KI-Betrug warnt. Sie würden
       ausschließlich über Verlage einladen und niemals Gebühren verlangen. Auf
       meine Frage, warum ausgerechnet Autoren in letzter Zeit das Ziel solcher
       Scams geworden sind, antwortete Paula Turcotte, zuständig für die
       Jugendprogrammgestaltung des Festivals, es sei ihr Eindruck, dass „Autoren
       aufgrund der prekären Lage in der Verlagsbranche ausgenutzt werden; sogar
       Penguin Random House war bereits Ziel solcher Betrugsversuche.“
       
       „Besorgniserregend und skrupellos“ findet die Lage auch Rebecca Saunders,
       die mit dem australischen „Mudgee Readers’ Festival“ zusammenarbeitet und
       deren „Doppelgängerin“ mich ebenfalls „eingeladen“ hatte. „In einer Zeit,
       in der Schriftsteller ohnehin schon unter erheblichem finanziellen Druck
       stehen, sind Betrugsversuche, die ihre Hoffnungen auf Festivalauftritte und
       den Kontakt zu Lesern ausnutzen, besonders grausam.“
       
       Wenn man dazu bedenkt, dass es heutzutage durch aggressive
       Self-Publishing-Kolosse wie Amazon sehr einfach geworden ist, ein Buch ganz
       ohne Verlag online zu stellen, versteht man, dass die Scammer immer mehr
       potenzielle Opfer finden: Laut einer im National Bureau of Economic
       Research publizierten Studie haben sich von 2022 bis Ende 2025, einem
       Zeitraum, in dem Large Language Models (LLM), also KI-generierte
       Sprachmodelle, immer weiterentwickelt worden sind, die monatlichen
       Online-Buchveröffentlichungen auf Amazon auf über 300.000 Titel
       verdreifacht.
       
       16 Aug 2026
       
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