# taz.de -- False-Flag-Vermarktung der Band Geese: Algorithm kills the Indiehype
> Der kometenhafte Erfolg der New Yorker Band Geese wurde von einer
> KI-Bot-Firma angezettelt. Chronologie eines Skandals.
(IMG) Bild: Wenn die KI-Blase platzt, werden noch mehr Helme benötigt: Geese
Man konnte schon misstrauisch werden: Ein derart kometenhafter Aufstieg wie
der, den die US-Progrockband Geese in den letzten Monaten vollführt hat,
schien eigentlich nicht mehr möglich. Urplötzlich waren sich alle einig,
dass die New Yorker Band Gitarren und Rebellentum wieder gesellschaftsfähig
gemacht hat.
Obwohl bereits lange vor der Covidpandemie eher Pop- und Rapstars statt
Rockbands große Hallen füllten. Zudem hatte sich „Indie“, eigentlich eine
ökonomische Entscheidung, seit Ende der 1990er als Genrebezeichung und
Demarkationslinie zwischen den Generationen etabliert.
Für einen Moment war sie wieder zum Greifen nahe, die große, scheinbar
alles einende kulturelle Erzählung, auf die sich die Jugend trotz aller
sonstigen Unterschiede verständigen kann. Auch eine ausverkaufte
Deutschlandtour im Frühjahr 2026 zeigte: Der Hype um Geese ist
globalisiert. Wird das Quartett aus Brooklyn also die Nachfolge [1][der
Strokes] antreten?
Geese existiert bereits seit 2018, doch erst das letzte, das vierte Album
„Getting Killed“ schlug 2025 ein. Nun kommen Details ans Licht, [2][die
diese sagenhafte Aufstiegsgeschichte] um eine unrühmliche Facette
erweitern: Hinter dem Großerfolg steckt nicht etwa der entbehrungsreiche
Grind jahrelangen Tourens im Minivan, [3][sondern eine PR-Agentur namens
„Chaotic Good“,] zu deren Dienstleistungen auch die Entwicklung von
„narrativen Kampagnen“ gehört.
## Binnen Sekunden
Mit KI werden zahllose vermeintlich authentische Accounts in sozialen
Netzwerken angelegt, die durch positive Kommentare und Interaktionen den
Eindruck erwecken, die Fanbase der Band sei in Wirklichkeit viel größer.
Tritt Geese live auf, flutet ein Botnetzwerk Kommentarspalten in sozialen
Medien binnen Sekunden und lobt ihre Musik hundertfach in den höchsten
Tönen.
Diese durch KI-Modelle gestalteten Interaktionen werden durch die
Algorithmen sozialer Netzwerke als menschlich bewertet und schließlich
viral von echten Menschen ausgespielt. Spielt die Band zu Beginn einer
solchen Kampagne also noch in einem Raum voller Roboter, mischen sich
mithilfe anderer Roboter langsam immer mehr echte Menschen ins Publikum.
Die sind eigentlich nur noch ab dem Punkt der Wertschöpfungskette
notwendig, an dem es um Profite geht. Bislang [4][können KI-Modelle viel
generieren], Bild, Text und Code – jedoch kein echtes Kapital. Im
Gegenteil: Die KI-Blase ist mindestens doppelt so groß wie die
Dotcom-Bubble der frühen Nullerjahre, aber aufgrund hoher Ressourcenkosten
und dürftiger Rendite mindestens ebenso fragil.
## Justin Bieber und Dua Lipa
Der Geese-Scoop schlug erwartungsgemäß hohe Wellen, denn um welche
Stratosphären es hier geht, wird beim Blick auf die Klientenliste deutlich:
Neben Geese zahlen Superstars wie [5][Justin Bieber] und [6][Dua Lipa] für
die Dienste von Chaotic Good. Dass strategisches Vorgehen unter falscher
Flagge einen nicht unerheblichen Widerspruch zur Idee von Rock ’n’ Roll
aufreißt, merkte man indessen auch beim Management der New Yorker Band:
Kurz nach Bekanntwerden verschwanden alle Hinweise auf Geese von der
Chaotic-Good-Webseite.
Ebenso erwartungsgemäß riefen die Enthüllungen die Apologeten der
neoliberalen Kulturfabrik auf den Plan, die mit der üblichen
Überheblichkeit gratulierten, Kritiker:Innen an der schamlosen
Vermarktung von Popmusik hätten nun endlich verstanden, was Kommerz sei.
Ist Geese also bloß smarter Player im Metaverse?
Dann würde man ja nur das alte Lied von der Alternativlosigkeit des Status
quo nachsingen. Geese entspricht genau der Art von drückebergerischem
Komplizentum, [7][das der britische Kulturkritiker Mark Fisher in seiner
Flugschrift „Kapitalistischer Realismus“ als kulturelle Logik des
Spätkapitalismus identifiziert]. Sie scheint beinahe auf „zellulärer Ebene“
mit uns und allen gesellschaftlichen Vorgängen verwachsen zu sein.
## Künstlich verknappt
Wie auch in herkömmlichen Produktionsverhältnissen wird dabei geleugnet,
dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den Bedingungen, unter denen
künstlerische Werke produziert werden, und der Erfahrung ständigen Mangels,
in die Künstler, Publikum und Werk gebracht werden.
In dieser menschenleeren, von Siliziumsandstürmen heimgesuchten Einöde gibt
es außer den großen Medienmonopolen und ihren Zulieferern wie Chaotic Good
nur Verlierer. Welcher Fan lässt sich schon gerne erzählen, blind durch das
künstlich hergestellte Rockparadies von KI-PR getorkelt zu sein? Welcher
Kritiker kann jetzt noch zurückrudern und zugeben, dem neuesten Schwindel
der Musikindustrie aufgesessen zu sein?
Man hat die vermeintlichen Gatekeeper der Vergangenheit (Journaille, A&R,
Promotion) durch gewissenlose Online- Vermittlungsformen ersetzt, in deren
Maschinenwelt man lieber Content sagt statt Kunst: Wo viel Geld investiert
wird, muss künstlerischer Erfolg planbar werden, und Inhalt wird zur
Variablen. Den im kapitalistischen Realismus unerträglichen Zustand, dass
der Wert von Kunst eben nicht ohne Weiteres quantifizierbar ist, hat man
durch den Betrug ersetzt, mit viraler Reichweite gelänge dies auf
„demokratische“ Weise doch.
## Wahrheit ist aus der Mode
Zur Wagnis von Kunst gehört jedoch auch die Möglichkeit, ungehört zu
bleiben, missverstanden zu werden und vielleicht auch mit einem
glaubwürdigen Lied zu scheitern, weil sich der Zeitgeist um Wahrheiten
nicht mehr schert.
Wie sehr das unsere Wahrnehmung schon jetzt verändert, sieht man am
Beispiel der kanadischen Band Angine de Poitrine. Die Mathrock-Weirdos aus
Québec erfahren im Vorfeld ihrer bevorstehenden Tour im Herbst gerade einen
ähnlichen Hype wie Geese zu Jahresbeginn. Dass uns eine unwahrscheinliche
Kombination wie Mathrock und Mainstream-Alarm nun mit einem Unbehagen
zurücklässt, ist die eigentliche „narrative Kampagne“ von Chaotic Good.
Wie „Indie“ klingt auch die Formel „Don’t Believe the Hype“ heute wie eine
Floskel, obwohl sie so notwendig ist wie nie zuvor. Nur: Als gültige
Wahrheit wird sie uns der Algorithmus kaum in den Feed spülen.
10 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Beim-Fallen-zugeschaut/!502650&s=strokes/
(DIR) [2] /Das-Phaenomen-Geese-Was-macht-die-Band-so-besonders/!6160837
(DIR) [3] https://cheekmedia.substack.com/p/geese-a-musical-psy-op-and-life-on
(DIR) [4] /KI-Remixtools-bei-Spotify-Urheberrechte-und-Kuenstlerschutz-bisher-ungeklaert/!6182190
(DIR) [5] /Coachella-Festival-2026/!6168174
(DIR) [6] /Neues-Album-von-Dua-Lipa/!6008392
(DIR) [7] /Kulturkritische-Flugschrift/!5063742
## AUTOREN
(DIR) Yannic Walter
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