# taz.de -- Restauration der ungarischen Demokratie: Hundert Tage Fegefeuer
       
       > Rundfunk, Justiz, Präsidentenamt – Ungarns neuer Regierungschef Péter
       > Magyar fackelt das System Orbán schneller ab als erwartet.
       
 (IMG) Bild: Amnesty International kritisiert eine seiner Säubrungsaktionen: Péter Magyar bei einem Kabinettstreffen in Ópusztaszer
       
       Wo anfangen? Das fragte sich Péter Magyar vielleicht, als er am 12. April
       mit seiner Tisza-Partei als strahlender Sieger aus der ungarischen
       Parlamentswahl hervorging. Überraschend schnell räumte [1][Viktor Orbán,
       nach 16 Jahren an der Macht], seine Niederlage ein. Magyar wiederum
       kündigte an, sein Versprechen einzuhalten: die Rückabwicklung der Ära
       Orbán, die er später martialisch als „Operation Fegefeuer“ bezeichnete.
       
       Nach 100 Tagen im Amt lässt sich sagen: Der Neue hält Wort, in einem Tempo,
       das auch erfahrene Ungarnbeobachter überrascht. Kaum ein Bereich der
       Orbán-Ära blieb von Magyars „Fegefeuer“ verschont, Medien, Justiz,
       Staatspräsidentenamt, Außenpolitik. Viele der Reformen, die Magyar
       versprach, sind schon umgesetzt. Möglich macht das seine
       Zweidrittelmehrheit im Parlament, die auch Verfassungsänderungen erlaubt.
       
       Für Aufsehen sorgte besonders die Reform des öffentlich-rechtlichen
       Rundfunks. [2][Anfang Juli setzte Magyar die Nachrichtensendungen des
       staatlichen Senders M1 aus], „so lange, bis unabhängiger Journalismus
       wieder gewährleistet ist“. Das Führungspersonal wurde ebenso neu bestellt
       wie die Chefredaktion des Senders. Auch andere mediale Pfeiler, die Orbáns
       Macht stützten, riss Magyar ein, er beendete etwa das Fördersystem für
       Printmedien. Werbeaufträge für die Plakatfirma ESMA, über die jahrelang
       Orbáns Wahlwerbung lief, ließ er streichen.
       
       Wenig später folgte die Justiz. Erster Verfassungsrichter, der gehen
       musste, war Csaba Hende, der zuvor 20 Jahre lang für Orbáns Fidesz im
       Parlament saß. Weitere erzwungene Wechsel am Verfassungsgericht stehen im
       Herbst bevor. Magyar will zudem die Korruption der Orbán-Jahre aufarbeiten
       und veruntreutes Geld zurückholen. Dazu entstand ein neues Amt.
       
       ## Es gibt auch Kritik an Magyar
       
       Auch auf EU-Ebene zahlen sich die Reformen aus, die eingefrorenen EU-Mittel
       von fast 20 Milliarden Euro wurden nach der Abschaffung der berüchtigten
       Orbán-Stiftungen freigegeben.
       
       Der symbolträchtigste Schritt war in letzter Zeit wohl die Entmachtung von
       Staatspräsident Tamás Sulyok, einem Orbán-Vertrauten. Per
       Verfassungsänderung beendete Magyars Mehrheit sein Mandat vorzeitig. Sulyok
       kritisierte das scharf, unterzeichnete die Änderung am Ende aber doch.
       Anfang August einigte sich die Tisza-Fraktion auf den Spitzenjuristen
       András Baka und wählte ihn zum neuen Präsidenten.
       
       Baka war 16 Jahre lang Richter am Europäischen Gerichtshof für
       Menschenrechte und ab 2009 zwei Jahre lang Präsident des Obersten
       Gerichtshofs Ungarns. Weil er Orbáns Justizreform öffentlich als
       „verschleierte Säuberung der Justiz“ kritisierte, wurde er 2011 abgesetzt.
       [3][Nun, an der Spitze des Staats, erfährt Baka eine späte
       Wiedergutmachung.] In seiner Antrittsrede warnte er davor, dass nie wieder
       eine Partei den Staat an sich reißen dürfe. Bei Gesetzen will er genau
       hinsehen.
       
       Doch es gibt auch Kritik an Magyars Vorgehen. Amnesty International Ungarn
       teilte zwar den Befund, dass Sulyok kein unabhängiger Präsident war, hält
       das Vorgehen gegen ihn aber für rechtsstaatlich bedenklich. Eine
       Stellungnahme des Europarats wollte Magyar ebenso wenig abwarten wie eine
       Prüfung durch das Verfassungsgericht selbst.
       
       ## Wird er seine eigene Machtfülle begrenzen?
       
       Mitunter heißt es, Magyar bekämpfe die von ihm beschworene „Mafia“ mit
       ihren eigenen Werkzeugen: beschleunigte Mehrheitsbeschlüsse,
       maßgeschneiderte Verfassungsartikel, Personalentscheidungen im Eiltempo.
       Magyars Fürsprecher argumentieren, dass genau dies unvermeidlich ist, um
       Rechtsstaat und Demokratie zu reparieren.
       
       Für September hat Magyar eine landesweite Debatte über eine gänzlich neue
       Verfassung angekündigt. Als Lackmustest gilt, ob die neue Regierung auch
       das Wahlrecht reformiert. Schließlich war es das von Orbán für den eigenen
       Vorteil zugeschnittene Wahlsystem, das Tiszas Zweidrittelmehrheit mit bloß
       53 Prozent aller Listenstimmen möglich machte.
       
       Magyar hat die Amtszeit des Ministerpräsidenten – also seiner selbst – auf
       acht Jahre begrenzt. Weil die Regelung rückwirkend gilt, ist damit auch
       eine Rückkehr Orbáns verunmöglicht. Ob Magyar seine eigene Machtfülle
       darüber hinaus begrenzt, wird sich zeigen.
       
       15 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Wirtschaftskrise-in-der-Tuerkei/!6198945
 (DIR) [2] /Entschuldigung-des-OeRR-in-Ungarn/!6194383
 (DIR) [3] /Ungarn-auf-Reformkurs/!6203231
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Florian Bayer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Ungarn
 (DIR) Österreich-Ungarn
 (DIR) Peter Magyar
 (DIR) Viktor Orbán
 (DIR) Demokratie
 (DIR) Europäische Union
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Ungarn
 (DIR) Ungarn
 (DIR) Ungarn
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Magyar präsentiert neuen Kandidaten: Orbán-Kritiker soll Ungarns neuer Präsident werden
       
       Die Schachgroßmeisterin Judit Polgár hat einer Nominierung als
       Staatsoberhaupt eine Absage erteilt. Jetzt soll ein ehemaliger
       Höchstrichter einspringen.
       
 (DIR) „Befreiung von der Mafia“: Magyar räumt mit der Brechstange auf
       
       Ungarns neuer Premier will mit dem Maßnahmenpaket „Fegefeuer“ das
       Orbán-System zerschlagen. Doch für die Art seines Vorgehens erntet er
       Kritik.
       
 (DIR) Verfassungsänderung in Ungarn: Magyar erhöht Hürden für Orbán-Comeback
       
       Die Amtszeit des Ministerpräsidenten wird auf acht Jahre begrenzt, was
       rückwirkend für Viktor Orbán gilt wie künftig für Amtsinhaber Péter Magyar.