# taz.de -- Hans Ulrich Obrist über mystische Gärten: „Wir wollten eine Situation der Verlangsamung schaffen“
> Der Vatikan würdigt auf der diesjährigen Venedig-Kunstbiennale die
> Mystikerin Hildegard von Bingen. Warum und wie, erzählt Starkurator Hans
> Ulrich Obrist.
(IMG) Bild: Für den Heiligen Stuhl Meredith Monk oder Patti Smith hören im „Giardino Mistico“ des Karmeliterklosters Scalzi in Venedig
taz: Herr Obrist, Sie haben für den Pavillon des Vatikans „Holy See“ in
Venedig eine Klangausstellung konzipiert, die dem Werk der
mittelalterlichen Nonne Hildegard von Bingen gewidmet ist. Sie galt als
Heilerin, Mystikerin und Universalgelehrte. Dazu hat sie zahlreiche
Kompositionen geschrieben. Wie sind Sie auf sie gekommen?
Hans Ulrich Obrist: Ich bin in der Ostschweiz aufgewachsen und der erste
kulturelle Ort, in den mich meine Eltern gebracht haben, war die
Klosterbibliothek in St. Gallen aus dem 9. Jahrhundert. Da konnte man mit
Filzschuhen durch diese Hallen gehen und wie in einer Zeitreise diese
mittelalterlichen Handschriften einsehen. Später bin ich dort als Student
auf ihre Schriften gestoßen. Gemeinsam mit dem Kurator Ben Vickers haben
wir festgestellt, dass sich weltweit Künstlerinnen und Künstler auf das
Werk von Hildegard von Bingen beziehen und so ist die Idee dieser
Ausstellung entstanden.
taz: Was fasziniert Sie an Hildegard von Bingen?
Obrist: Zuerst war es ihre Musik, die habe ich schon sehr früh gehört. Dazu
kam, dass sie in ihrer Zeit eine Universalgelehrte war. Sie war
Schriftstellerin, Heilerin, Naturgelehrte und hat sich intensiv mit
Kräutern, Heilpflanzen und der Natur auseinandergesetzt. Sie war eine
einflussreiche öffentliche Figur, hat ein Kloster geleitet, Bücher über
Mystizismus geschrieben und Musik komponiert. [1][Dazu hat sie sich in
einer von Männern dominierten Kirche] gegen große Hindernisse durchgesetzt.
Aus heutiger Sicht ist sie eine wichtige feministische Figur, dazu kommen
ihre spirituelle und ökologische Dimension.
taz: Die Ausstellung ist im „Giardino Mistico“ gelegen, dem „Mystischen
Garten“ des Karmeliterklosters Scalzi in Venedig. In diesem sonst nicht
öffentlichen Klostergarten werden seltene Lagunen-Weinsorten kultiviert,
alte Obst- und Olivenbäume, aber auch eine Vielzahl von Heilkräutern. Wie
kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Vatikan?
Obrist: Vor drei Jahren bin ich dem derzeitigen Kulturminister des
Vatikans, Kardinal José Tolentino de Mendonça, begegnet. Er hat mir von
diesem mystischen Garten in Venedig erzählt, den er uns zeigen will. Uns
hat von Anfang an fasziniert, dass diese paradiesische Oase, dieser Garten
mit Heilkräutern und Pflanzen, unmittelbar am lärmigsten und auch
umtriebigsten Ort von Venedig liegt. Am Hauptbahnhof, wo Hunderttausende
von Reisenden jedes Jahr eintreffen und abfahren. Und plötzlich ist man in
dieser Stille. Da wurde uns klar, dies ist der Ort, den wir immer gesucht
haben.
taz: Danach trafen Sie Ihren Freund, [2][den im März verstorbenen Künstler,
Philosophen und Filmemacher Alexander Kluge], um über das Projekt zu
sprechen. Dabei kam es auch zu dem Titel der Ausstellung „The Ear is the
Eye of the Soul“.
Obrist: Wir haben uns jedes Jahr am 1. Januar im Engadin in Sils Maria
getroffen. Immer um drei Uhr am Nachmittag, um die Themen des Jahres zu
besprechen. Das war ein Ritual. Ich wusste, dass auch er sich seit Langem
mit dem Werk Hildegard von Bingens beschäftigte. Er hatte auch die Idee,
sich ihrem Werk über Klang zu nähern und für den Titel der Ausstellung:
„The Ear is the Eye of the Soul“. Seine zwölfteilige Videoarbeit zu
Hildegard von Bingen, die jetzt am zweiten Standort des „Holy
See“-Pavillons im Castello in Venedig zu sehen ist, ist sein letztes Werk,
an dem er noch [3][bis kurz vor seinem Tod gearbeitet hat]. Mit Ben Vickers
haben wir eine Liste von Künstlerinnen und Künstlern erstellt, von denen
wir wussten, dass sie sich bereits mit der Musik von Hildegard von Bingen
Musik beschäftigt haben. [4][Wie Meredith Monk] oder Brian Eno. Die
Klangarchitektur mit den fließenden Übergängen kam schließlich vom
Soundwalk Collective des Musikers und Filmemachers Stephan Crasneanscki und
dem Produzenten Simone Merli.
taz: Sie haben 20 Klangarbeiten ausgewählt, die jeder Besucher und jede
Besucherin über Kopfhörer erleben kann. Dabei kann man in seinem eigenen
Rhythmus durch den Garten schlendern, vorbei an Blumen und Kräutern.
Darunter ist auch ein [5][Klangkunstwerk der nigerianisch-amerikanischen
Künstlerin Precious Okoyomon], die sich in ihren Arbeiten mit den
kolonialen Einschreibungen in Landschaften beschäftigt. Wie kam es dazu?
Obrist: Mit Precious arbeite ich schon seit zehn Jahren zusammen. Wir haben
auch oft über Hildegard von Bingen gesprochen. Sie hat Glasglocken
gegossen, um Natur und Klang als spirituelles Ritual zu verbinden. Der Wind
bringt die Glocken und das Windspiel zum Klingen. Gleichzeitig hört man
Olivier Messiaens „Quartett für das Ende der Zeit“ und Worte der „Lingua
ignota“, einer von Hildegard von Bingen entwickelten Geheimsprache. Wir
wollten mit den Glasglocken auch eine skulpturale Präsenz in die
Ausstellung einbringen.
taz: D ie Musikerin und Dichterin Camae Ayewa, die unter dem
Künstlerinnennamen Moor Mother auftritt, hat, wie Precious Okoyomon, einen
afrodiasporischen Hintergrund. Inwieweit war dies ein Thema für Sie?
Obrist: Es ging uns vor allem um den spirituellen Zugang und wir haben
[6][in den Texten von Moor Mother] eine Resonanz zu den Themen von
Hildegard von Bingen gesehen. Sie war auch sofort an der Figur von
Hildegard von Bingen und ihrem holistischen Ansatz der Ganzheitlichkeit
interessiert. Uns hat zudem auch der Zugang des afroamerikanischen
Komponisten Julius Eastman zu Hildegard von Bingen interessiert, mit seiner
Verbindung von spiritueller Musik und Minimalismus.
taz: Für die Ausstellung sind neue Auftragsarbeiten entstanden, unter
anderem von Jim Jarmusch, FKA Twigs oder dem Chor der
Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Eibingen. Wie konnten Sie die
Bezüge zum Ort des Klostergartens herstellen?
Obrist: Alles ist im Dialog mit den Künstlern und Künstlerinnen entstanden.
Wir haben Meredith Monk besucht und dann gemeinsam mit ihr entschieden, ihr
bereits bestehendes Werk zu Hildegard von Bingen wieder zu sichten. Das war
ihr wichtig, aber alles andere sind neue Werke. Es war uns auch wichtig,
Dichter einzubeziehen, neben Patti Smith etwa den Chilenen Raúl Zurita mit
seinen Gedichten über Traumata, Natur und Heilung – oder die Britin Bhanu
Kapil, die [7][über Blumen als Metapher für Feminismus, Migration] und
Wachstum nachdenkt.
taz: Es ist das erste Mal, dass der Vatikan mit Hildegard von Bingen eine
Frau auf einer solch großen Bühne wie der Kunstbiennale in Venedig ehrt.
Welche Rolle spielte dabei auch die Arbeit der ungarischen Nonne,
Philosophin und Wissenschaftlerin Maura Zátonyi, die als Professorin in Rom
lehrt und das Gesamtwerk von Hildegard von Bingen erstmals vollständig
zugänglich gemacht hat?
Obrist: Maura Zátonyi, die im ehemaligen Kloster von Hildegard von Bingen
in Eibingen lebt, war tatsächlich eine Schlüsselfigur für dieses Projekt.
Sie ist eine der großen Expertinnen zu Hildegard von Bingen und hat auch
ihren umfangreichen Briefwechsel dokumentiert. Das ist ein wirklich sehr
wichtiges Buch, das wir jetzt auch übersetzen lassen wollen. Und noch ein
Punkt, weshalb Hildegard von Bingen heute wichtig ist: Wir leben in einer
Zeit totaler Informationsexplosion. Gleichzeitig wird alles immer
polarisierter und es gibt keinen Dialog mehr. Daher wollten wir eine
Situation der Verlangsamung schaffen, wo Konzentration und Zuhören im
Mittelpunkt stehen.
taz: Welche Rolle spielt das Gehen in der Installation?
Obrist: Eine große Rolle. Ich denke an die „Spaziergangswissenschaft“ von
Lucius Burckhardt und die Schriften von Robert Walser. Wie wir durch
achtsames Gehen unsere Umwelt wahrnehmen. Die Ausstellung ist wie ein
Spaziergang mit Stepping Stones. Dadurch kommt auch der Zufall ins Spiel
und es ist ein offenes System.
taz: Was wird nach der Venedig-Biennale mit Soundinstallation geschehen?
Obrist: Als Kurator denke ich seit Langem, dass man an Projekten nicht
einfach nur für eine Biennale arbeitet, sondern dass man einen Pavillon
auch als langfristige Idee versteht, als Recherche. Wir wollen weitere
Künstler_innen und Musiker_innen treffen. Wie etwa [8][Judy Chicago, die
Hildegard von Bingen in ihr berühmtes Werk „Dinner Party“] einbezogen hat.
Wir wollen über die Idee der Kurzfristigkeit hinausgehen. So haben wir
bereits mit mehreren Museumsleiter_innen gesprochen, ob sie die
Installation auch in ihre Gärten bringen können. Für jede neue
Installation, die wir machen werden, kommen dann neue Künstler_innen dazu.
Als ein planetarer Soundgarten.
3 Aug 2026
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