# taz.de -- Bissige Gesellschaftssatire „Sheep“: Die Krone der Schöpfung blökt
> Eine Schafherde träumt vom Paradies, ohne zu ahnen, dass ihr
> Sehnsuchtsort der Schlachthof ist. „Sheep“ ist eine Satire auf
> Überlegenheitsdenken und andere menschliche Eigenheiten.
(IMG) Bild: Schaf Lara aus „Sheep – Eine unbequeme Wahrheit“
Das Schaf erfreut sich in der Popkultur gerade besonderer Beliebtheit: Mit
„Glennkill: Ein Schafskrimi“ etwa ist derzeit ausgerechnet Hugh Jackman als
Schäfer zu sehen, dessen Herde nach seinem rätselhaften Tod selbst die
Ermittlungen aufnimmt. Während der zuckrige Klamauk von Regisseur Kyle
Balda vor allem unterstreicht, dass sich mittlerweile aus wirklich allem
ein Krimi machen lässt, schlägt die neue deutsch-österreichische
Comedy-[1][serie „Sheep“] einen deutlich schärferen Humor an.
Wohl allein schon, weil das Regieduo Alexander Reinberg und Leni Gruber
(gemeinsam mit Sebastian Huber auch für das Drehbuch verantwortlich) eine
Prämisse wählte, die mehr mit der bitteren Realität zu tun hat: Die Herde,
dargestellt von echten statt computeranimierten Schafen, deren Mäuler in
der Postproduktion verblüffend präzise zum Sprechen gebracht wurden, lebt
auf einem niederösterreichischen Bauernhof – und träumt von der großen
Reise zum „Obermoser“.
Schließlich kennen die Schafe den Ort aus der Werbung als Idyll mit satten
Wiesen, strahlendem Sonnenschein und glücklichen Artgenossen. Dass dort in
Wahrheit der Schlachthof wartet, ahnt zunächst keines von ihnen. Im
Gegenteil: In einer Hybris, die der menschlichen erstaunlich nahekommt,
halten sie sich für die Krone der Schöpfung. Gleich zu Beginn verkündet
Matriarchenschaf Lara, der Birgit Minichmayr ihre wunderbar markante Stimme
leiht, die Schafe hätten die Welt bevölkert und lebten in Sicherheit,
während andere Lebewesen den Widrigkeiten der Natur ausgeliefert seien.
Inszeniert wird diese trügerische Selbstvergewisserung nicht zufällig als
augenzwinkernde Variation auf die legendäre „Dawn of Man“-Sequenz aus
Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“. Auch hier erklingt Richard
Strauss, während Lara das bequeme Leben der Schafe preist: Der Elektrozaun
schütze sie vor Gefahren, die domestizierten Menschen sorgten zuverlässig
für Nahrung und Unterkunft. Dass der Elektrozaun sie am Entkommen hindert
und der Bauer sich lediglich um seine „Ware“ sorgt, dringt zu einem
Weltbild, das die eigene Überlegenheit als Gewissheit versteht, gar nicht
mehr durch.
## Die Wahrheit schmeckt nach Wurst
Entsprechend groß ist der Widerwille, dem Außenseiterschaf Oliver (Merlin
Sandmeyer) Glauben zu schenken, als es am Vorabend des nächsten Transports
zum „Obermoser“ eine grausige Entdeckung macht: Die Menschen essen Schafe.
Mehr noch: Sie verarbeiten sie zu Wurst, manchmal – „Diese Psychopathen!“ –
sogar in Teddybärform. Die Warnung wird vom Rest der Herde schnell als Neid
abgetan, schließlich gehört Oliver schon wieder nicht zu den
„Auserwählten“, wurde vom Bauern (Markus Schramm) also nicht mit Farbe für
den Transport markiert.
Bei dieser überaus treffsicheren Satire auf den Konformismus aber bleibt
„Sheep“ nicht stehen. Über nur fünf kurze Folgen hinweg gelingt es, einen
herrlich eigensinnigen Figurenkosmos zu entwickeln, der vom
„Luftpumpenhans“ – einem Schaf, das wie Hodor aus „Game of Thrones“ nur ein
Wort kennt – bis zu einem von [2][Jella Haase] gesprochenen Waldschaf
reicht, das Pilze konsumiert und die Zukunft sehen kann. Fast nebenbei
hinterfragt die Serie so auch den Fleischkonsum und die erstaunliche
Fähigkeit, alles Unbequeme auszublenden, was mit ihm untrennbar verbunden
ist.
Dass Leni Gruber und Alexander Reinberg aus derlei bestechenden Gedanken
keine bloße Thesenrevue, sondern die wahrscheinlich witzigste Serie des
bisherigen Fernsehjahres machen, ist das wohl größte Kunststück von
„Sheep“.
5 Aug 2026
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(DIR) [1] https://www.zdf.de/serien/sheep-100
(DIR) [2] /Schauspielerin-Jella-Haase/!6000617
## AUTOREN
(DIR) Arabella Wintermayr
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