# taz.de -- Neue Zahlen: Hitze tötet mehr Menschen als je zuvor
       
       > Das Robert-Koch-Institut bilanziert fast 10.000 Todesopfer für dieses
       > Jahr. Trotzdem lassen Verwaltungen kühlende Stadtbäume fällen.
       
 (IMG) Bild: Viele, aber längst nicht alle deutschen Hitzetoten sind im Rentenalter
       
       Sie müssen das einfach tun: Bei steigenden Temperaturen verdunsten Linden,
       Buchen oder Platanen immer mehr Wasser, weil ihre Blattinhaltsstoffe bei zu
       großer Hitze geschädigt werden. Die Energie für diese Verdunstung entziehen
       die Bäume ihrer Umgebung – diese Umgebung kann eine gesunde Linde so um bis
       zu fünf Grad herunterkühlen.
       
       Deshalb ist mehr als unvernünftig, was der Berliner Senat gerade im Bezirk
       Mitte plant: 35 gesunde, etwa 80 Jahre alte Linden sollen dort gefällt
       werden. Kein Einzelfall: In Berlin-Reinickendorf sollen im Zuge der
       Straßenmodernisierung [1][116 Bäume gefällt werden], in Hamburg-Altona geht
       es an der Sternbrücke 37 Bäumen an den Stamm, auf der Liebesinsel vier
       Sumpfzypressen.
       
       Besonders absurd scheinen die Pläne vor dem Hintergrund der aktuellen
       Zahlen zu Hitzetoten. Das Robert-Koch-Institut RKI hat am Donnerstag seinen
       neuen „[2][Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität]“ vorgestellt.
       Demnach sind in diesem Jahr schon fast 10.000 Menschen in Deutschland an
       der Hitze gestorben – so viele wie noch nie. Bislang galt der Hitzesommer
       2018 als Katastrophe, damals kamen nach RKI-Erhebung 8.900 Menschen ums
       Leben.
       
       In diesem Jahr sind es nun 9.800 Menschen – und zwar zur Halbzeit des
       Sommers. Denn die RKI-Zahlen haben immer 11 Tage Rückstand auf die aktuelle
       Entwicklung, der neue Wochenbericht bilanziert die Sterbefälle bis zum 19.
       Juli.
       
       ## Gefahr für Erkrankte, Ältere, Schwangere, Kleinkinder
       
       „Besonders gefährdet sind chronisch Kranke, alte Menschen, Schwangere oder
       Kleinkinder“, sagt Henny Annette Grewe vom Public Health Zentrum Fulda.
       Tatsächlich waren nach den Daten des RKI mehr als 5.000 der Toten älter als
       85 Jahre. Wobei Hitze selbst selten unmittelbar zum Tod führe, „zumeist ist
       es eine Kombination aus hohen Temperaturen und bereits bestehenden
       Vorerkrankungen“, so Grewe – Lungen- oder Nierenerkrankungen
       beispielsweise, oder ein schwaches Herz.
       
       „Menschen mit Demenz oder [3][anderen psychischen Beeinträchtigungen]
       reagieren oft nicht angemessen auf Hitze“, sagt Grewe. Aber auch junge
       Menschen würden die Gefahr unterschätzen, so die Expertin: „Hitze ist in
       Europa das größte Problem, das der Klimawandel bringt.“ Nach den Daten des
       Robert Koch-Institutes hatten 640 Hitzetote das Rentenalter noch nicht
       erreicht.
       
       Allein bei der Hitzewelle Ende Juni starben 4.310 Menschen binnen einer
       Woche. Zuletzt gab es solche Dimensionen während der Hochphase der
       Coronapandemie. Am letzten Freitag im Juni war im Saarland ein neuer
       deutscher Temperaturrekord gemessen worden: 41,3 Grad im Schatten. Am Tag
       darauf folgten dann 41,5 Grad im Jerichower Land, Sachsen-Anhalt, bevor am
       letzten Sonntag des Monats das Thermometer in der Brandenburger Lausitz auf
       41,7 Grad kletterte. „Wir müssen die Städte begrünen, Bäume kühlen durch
       ihre Verdunstung beachtlich“, sagt Expertin Grewe, die mehr Tempo beim
       Stadtumbau fordert.
       
       Aktuell zieht das Hoch „Olaf“ Richtung Osteuropa – und macht nach Angaben
       des Deutschen Wetterdienstes (DWD) damit den „Weg für sehr heiße Luftmassen
       aus Südwesteuropa frei“. Wiederum seien Temperaturen von bis zu 40 Grad
       möglich. „Ein neuer Allzeitrekord ist aber unwahrscheinlich“, so der DWD.
       Im Zuge des Klimawandels werden die Temperaturen in Deutschland weiter
       steigen, acht der letzten zehn Jahre gehörten [4][zu den heißesten], die
       jemals in Deutschland gemessen wurden. Hamburg etwa hat heute ein Klima,
       wie es früher – in den Jahren 1961 bis 1990 – in Köln vorherrschte. Köln
       wiederum verfügt heute über ein Klima wie früher die französische Stadt
       Tours – etwa 250 Kilometer südwestlich von Paris.
       
       ## Wald vor dem Pariser Rathaus
       
       Das setzt natürlich auch den Stadtbäumen zu: Nach Erhebung der Deutschen
       Umwelthilfe (DUH) gingen in 195 größeren Städten in der Bundesrepublik
       zwischen dem Hitzesommer 2018 und dem letzten Jahr mehr als 900.000 Bäume
       verloren – die meisten, weil sie mit den veränderten Bedingungen nicht mehr
       zurechtkamen.
       
       Dass es auch anders geht, verdeutlicht Barbara Metz am Beispiel Paris: Dort
       sei ein Wald vor das Rathaus gepflanzt worden. „Paris nimmt die tödliche
       Hitze ernst, die Bundesregierung tut dies leider nicht“, sagt die
       DUH-Geschäftsführerin. Ihre Forderung: Stadtgrün müsse gesetzlich
       geschützt, gesunde Bäume zu fällen dagegen verboten werden. Die DUH sammelt
       aktuell [5][Unterschriften für diese Forderung].
       
       Tatsächlich haben klassische deutsche Stadtbäume wie Ahorn oder Winterlinde
       an vielen Standorten keine Zukunft. „Eine Kastanie inmitten einer
       zubetonierten Fläche anzupflanzen, wird künftig nicht mehr funktionieren“,
       sagt Astrid Reischl, die an der Universität München zu Stadtbäumen forscht.
       
       Einige Kommunen experimentieren mittlerweile mit nordafrikanischen
       Zürgelbäumen, mit [6][japanischen Zelkovien] oder mongolischen Linden. Ob
       aber eine neue Sorte wirklich eine gute Wahl ist, zeigt sich oft erst nach
       vielen Jahren: Die Bäume müssen auch strengen Frost aushalten, den es in
       Zukunft zwar seltener – aber eben doch noch gibt.
       
       30 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /In-der-Ollenhauerstrasse-sollen-Baeume-weg/!6197829
 (DIR) [2] https://www.rki.de/DE/Themen/Gesundheit-und-Gesellschaft/Gesundheitliche-Einflussfaktoren-A-Z/H/Hitze/Bericht_Hitzemortalitaet.html?nn=16776990
 (DIR) [3] /Negative-Auswirkungen-von-Hitze-Fakten-aus-der-Psychologie---und-was-schnelle-Abhilfe-schafft/!6199981
 (DIR) [4] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/164050/umfrage/waermste-jahre-in-deutschland-nach-durchschnittstemperatur/
 (DIR) [5] https://mitmachen.duh.de/stadtgruen/
 (DIR) [6] /Extremwetter-und-Klimakrise/!6042871
       
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