# taz.de -- KI und Journalismus: Selbst schuld
       
       > Künstliche Intelligenz trifft den Journalismus wie das E-Auto den
       > Verbrenner. Nur: Ein Tankrabatt wird nicht ausreichen, um die Branche zu
       > retten.
       
 (IMG) Bild: Die Oldtimer der 50er sehen zwar hübsch aus, aber wirklich brauchbar sind sie nicht mehr
       
       In den knapp zwei Jahrzehnten, die ich im Journalismus bin, gab es jedes
       Jahr Fortbildungen, die dem Personal die Phrasen und Klischees austreiben
       sollen. Erfolgsquote: null. Weiterhin starten Reportagen mit dem
       Lokalkolorit vermitteln wollenden Taxifahrergespräch und enden Kommentare
       mit einem entschiedenen „bleibt abzuwarten“.
       
       Der Vergeblichkeit, dem geschriebenen Journalismus lebendige Sprache
       einzuhauchen, entspricht kaum überraschend die inzwischen erreichte
       technologische Stufe, dass auch künstliche Intelligenz Stuss schreiben
       kann.
       
       Jede morgendliche Presseschau im Radio durch die Kommentare der Zeitungen
       vermittelt zudem überdeutlich, dass hier weder formal noch inhaltlich etwas
       Neues verhandelt wird. Mit ein bisschen Fantasie und Lektüre lassen sich
       die allermeisten Kommentare mit dem Stichwort „Straße von Hormus“ selbst
       schreiben. Und Korrespondenten, die angeblich aus Krisenregionen berichten,
       werden meist in Städten erreicht, die vom Geschehen nicht viel weniger
       fernab liegen als Berlin oder Oelde.
       
       Wenn das die Lage ist, in der sich der Journalismus befindet, dann müssen
       wir grundsätzlich fragen, was von ihm in der Konfrontation mit der KI übrig
       bleibt.
       
       ## Amazon hat es vorgemacht
       
       Es könnten Texte sein, die a) nur das sagen, was der Verfasser selbst
       gesehen hat, und/oder b) eine noch nirgends beobachtete aufgezeichnete
       Neuigkeit enthalten und/oder c) Fakten in einen frischen analytischen
       Zusammenhang bringen, auf eine essayistische, artistische, assoziative
       Weise, die die KI (noch) nicht beherrscht.
       
       Die Liste lässt sich bestimmt erweitern. Aber sicher wird jeder neue Punkt
       auch sehr viel Geld kosten und das Ergebnis also exklusiv vermarktet werden
       müssen. Wer sich das nicht leisten kann oder will, wird mit Infomüll
       abgespeist.
       
       Nicht umsonst ist die [1][KI gerade für traditionelle Geschäftsmodelle]
       affin, die an der gedruckten und lokalen Zeitung festhalten. Geht es doch
       hier in erster Linie darum, dass der Konsument ein Produkt in der Hand
       halten kann, mit dem er gewisse Gefühle und Haltungen verbindet.
       
       Die Verleger denken, dass ihr Publikum im Grunde nichts Neues, gar
       Verstörendes erfahren möchte, sondern Bestätigung sucht,
       Faktenkollektionen, die zu vertrauten Thesen passen, in vertrauter Form.
       Und wer hätte die intensiver studiert als die KI, die eingeführte Muster
       bevorzugt und sprachliche wie gedankliche Abweichungen sanktioniert, wie es
       der Medienphilosoph Roberto Simanowski in seinem Buch [2][„Sprachmaschinen.
       Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz“] (2025) [3][ausführt]?
       
       ## Billig to have
       
       Es ist eben kein Zufall beziehungsweise ein wenig ein zynischer Witz, dass
       KI und Text so gut matchen – ganz ähnlich wie am Anfang von Amazon
       ausgerechnet das Hochkulturgut Buch stand, die ideal zu verschickende,
       unverderbliche und genormte Handelsware.
       
       KI im geschriebenen Journalismus ist also insofern egal, als sich nur die
       Form ändert, also die Art der Erzeugung des Produkts Text, innerhalb des
       Produkts Zeitung. Bleibt das Problem der Wahrheit und der Wirklichkeit.
       
       Schon mit der [4][Relotius-Affäre] hatte ein weiteres Mal die Wirklichkeit,
       das heißt die Summe der gerade angesagten Erwartungen an einen Text, die
       technologische Entwicklung vorweggenommen.
       
       Der Komplex zeigte, dass die Wirklichkeit a) zu widersprüchlich ist, und
       deswegen b) den Erwartungen des Publikums – ob nun professionell in den
       Redaktionen oder bei den Laien an den Lesemedien – nicht (mehr) entspricht,
       und dass c) sie ohne Betrug abzubilden sich nicht rechnet, weil die
       Recherche zu aufwendig wäre oder eben zu langwierig, zu literarisch, zu
       unjournalistisch.
       
       ## Lupenreine Banalisierung
       
       Der Spiegel-Journalist wurde dann auch eben dafür bei den
       Selbstlobveranstaltungen des Betriebs, den sogenannten Journalistenpreisen,
       besonders gepriesen: „Es war schon so, dass es eigentlich Literatur ist,
       was Sie da geschrieben haben“, sagte ein Moderator und unterschlug
       natürlich das, was eigentlich zählt: Dass diese Art von „Literatur“ so
       relativ billig zu haben war.
       
       Relotius wurde damals sanktioniert, sehr viel weniger geschah das mit dem
       ihn erst ermöglichenden Karrierenetzwerk. Am dümmsten dran waren die in
       seinen Fake-News-Produkten verleumdeten Protagonisten.
       
       Was den Punkt d) aufwirft: Der ist die persönliche Haftbarkeit eines Autors
       oder eines Mediums, wenn ein Text Klarnamen enthält, die – zu dieser Art
       Kontrolle ist der Journalismus ja wesentlich da – mit einer bestimmten
       Handlung, klassischerweise einer Verfehlung in Verbindung gebracht werden.
       
       Auch hier ist interessant, dass die Wirklichkeit mit der [5][Zunahme der
       sogenannten SLAPP-Klagen] diese Funktion bereits seit Längerem attackiert
       und bereits einschränkt. SLAPP steht für „Strategic Lawsuit Against Public
       Participation“ – also ein strategisches juristisches Vorgehen gegen
       öffentliche Teilnahme. Wenn eine sich demokratisch verstehende Gesellschaft
       in all ihren Gliederungen von der Bürgerinitiative bis zum Europarlament es
       laufen lässt, dass es immer schwieriger wird, Verantwortliche zu benennen,
       dann leistet sie der Banalisierung und perspektivisch der Abschaffung des
       Journalismus wie wir ihn kannten (und natürlich ihrer eigenen) Vorschub –
       und derzeit eignet sich nichts besser dafür als eben: die KI.
       
       [6][Ein anderes Beispiel für diese Banalisierung ist die Datenbank zur
       NS-Suche.] Hervorstechendes Merkmal ist hier die Vereinfachung. Die
       [7][US-Datenbank,] die es eh schon easy machte, herauszufinden, ob Uropa in
       der Partei war, wurde von Zeit und Spiegel noch mal simplifiziert. Alle in
       der Branche ahnen, und der kriselnde Spiegel hat es durch sein
       Brutalodauermarketing auch faktisch offengelegt, dass es darum ging, „Abo
       zu machen“. Das allein ist schon eine lupenreine Banalisierung des
       Nationalsozialismus und damit auch des Holocaust.
       
       ## Es ist durch
       
       Aber man sollte nie hochnäsig auf etwas herabschauen, was als Business
       funktioniert. Beim Übersetzen etwa hat sich KI schon durchgesetzt. Die
       Betonung der angeblich qualitativ hochwertigeren literarischen Übersetzung
       durch Menschen wirkt wie die Verteidigung von Pergamentherstellung und
       mittelalterlichen Buchabschreibern im Vergleich zu Papier und Buchdruck.
       
       Übersetzen wie wir es kannten, wird es nicht mehr geben; und
       schön-sentimentale, exklusive Minderheiten-Reservate hat noch jede
       technologische Revolution mit sich gebracht. In 10 Jahren wird es dem
       Verbrennerauto so gehen: Schon jetzt finden sich kaum mehr Werkstätten, die
       Autos aus den 60/70/80ern des vergangenen Jahrhunderts reparieren können.
       Dementsprechend ist der [8][Preisverfall bei dieser Art Oldtimern.]
       
       Wenn wir nichts mehr dagegen vorbringen können, dass eine künstliche
       Intelligenz Texte übersetzt – die immer auch auf anderen Texten basieren –,
       warum sollte dann etwas dagegen einzuwenden sein, dass sie auch Texte
       erzeugt, und zwar aus dem gespeicherten Reservoir schon erzeugter Texte
       heraus, mit dem sie trainiert wurde?
       
       Was soll ein Text? Ist es tatsächlich seine wesentliche Eigenschaft, dass
       er etwas Neues enthält? [9][Hängt nicht der Buchmarkt aktuell von
       Genretexten ab], die in den Bereichen Krimi, New Adult, Fantasy genau
       dadurch reüssieren, dass sie alte Motive neu arrangieren? Und kann das die
       KI nicht besser als jeder vor sich hin skribierende Mensch?
       
       Antworten auf die hier gestellten Fragen liegen nicht in der Technik. Es
       sind die Menschen, die sich fragen müssen, welchen Journalismus sie wollen
       und wozu sie Texte brauchen. Viel Zeit zum Abwarten bleibt nicht.
       
       17 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.campact.de/blog/2026/06/riskantes-manoever-ki-auf-dem-vormarsch-in-redaktionen/
 (DIR) [2] https://www.chbeck.de/simanowski-sprachmaschinen/product/38830592
 (DIR) [3] https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=32052
 (DIR) [4] /Sky-Doku-ueber-Claas-Relotius/!5921348
 (DIR) [5] /Bedrohte-Pressefreiheit/!6076037
 (DIR) [6] /Aufarbeitung-der-NS-Geschichte/!6178458
 (DIR) [7] /Digitalisierte-NSDAP-Akten/!6163716
 (DIR) [8] https://www.handelsblatt.com/mobilitaet/oldtimer/oldtimer-das-geschaeft-mit-alten-jahrgaengen-schwaechelt-01/100231943.html
 (DIR) [9] https://www.goethe.de/prj/ger/de/ihr/bks/27048052.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ambros Waibel
       
       ## TAGS
       
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