# taz.de -- Justiz in Syrien: Todesurteile gegen Ex-Diktator al-Assad und Cousin Nadschib
       
       > Syriens Ex-Diktator al-Assad ist in Abwesenheit verurteilt worden, sein
       > Cousin und Mittäter Nadschib in Anwesenheit. Der Richter litt einst
       > selbst unter dem Regime.
       
 (IMG) Bild: Tiefe Augenringe, Häftlingskleidung: Atef Nadschib während des Gerichtsprozesses in Damaskus, Mai 2026
       
       Fachr al-Din al-Arian wurde einst vom syrischen Regime zum Tode in
       Abwesenheit verurteilt. Am Dienstag hat er dieses Urteil selbst
       ausgesprochen: als Vorsitzender Richter gegen den ehemaligen Machthaber
       Baschar al-Assad und seine Komplizen.
       
       Al-Arian hatte zunächst als Richter Karriere unter Assads Regime gemacht.
       Doch 2013 – nachdem das Regime die Opposition brutal niedergeschlagen,
       bombardiert und mit Giftgas angegriffen hatte – gab er öffentlich seinen
       Übertritt zur Opposition bekannt. Ein Richter dürfe bei Unrecht nicht
       schweigen, so al-Arian. Er wurde verfolgt und ins Exil gezwungen, ein
       Gericht verurteilte ihn in Abwesenheit zum Tode.
       
       Der Sturz des Regimes von al-Assad machte es möglich, dass al-Arian nun als
       Chef auf der Richterbank in Damaskus sitzt. Am Dienstag [1][verkündete er
       das Todesurteil] für Baschar al-Assad. Dieser sei schuldig des
       vorsätzlichen Mordes an zahlreichen Menschen, darunter Kindern, sowie
       Folter und Folter mit Todesfolge sowie willkürlicher Verhaftung und
       mehrfacher Freiheitsberaubung. Die Taten seien „Verbrechen gegen die
       Menschlichkeit und Kriegsverbrechen.“
       
       Es ist das erste Urteil gegen den ehemaligen Präsidenten, der im Dezember
       2024 durch eine Militäroffensive gestürzt wurde. Er war nach Moskau
       geflohen, Syrien fordert seine Auslieferung, Russland weigert sich.
       
       ## Nur einer der Beklagten war anwesend
       
       Syriens Regime hatte auf Proteste ab 2011 mit Gewalt und später
       großflächiger Bombardierung und sogar dem Einsatz von Chemiewaffen
       reagiert. Schätzungsweise mehr als 500.000 Menschen wurden getötet.
       Hunderttausende verschwanden in Folterknästen oder Massengräbern, zwischen
       130.000 und 300.000 Menschen werden vermisst.
       
       Todesurteile in Abwesenheit verhängte das Gericht auch gegen Assads Bruder
       Maher, den früheren Verteidigungsminister Fahd al-Freidsch und vier weitere
       frühere Militär- und Sicherheitsverantwortliche.
       
       Anwesend war nur [2][Atef Nadschib], Assads Cousin mütterlicherseits. In
       gestreifter Häftlingsuniform stand er in einem Käfig mit schwarzen Gittern
       und verzog keine Miene, als Richter al-Arian das Urteil verlas. Auch er
       wurde zum Tode verurteilt. Nadschib war Sicherheitschef im südlichen Ort
       Daraa, als dort die Proteste im Jahr 2011 begannen.
       
       Der Prozess hatte gezeigt, wie Nadschib Kinder im Gefängnis foltern ließ.
       [3][Ein Zeuge sagte aus], er sei damals 15 Jahre alt gewesen und habe
       Parolen gegen Assad an Wände geschrieben. Sicherheitskräfte drohten dem
       Vater, die gesamte Familie festzunehmen. Der Vater sah sich deshalb
       gezwungen, seinen Sohn auszuliefern. Der Zeuge sagte, ihm seien auf der
       Polizeiwache die Augen verbunden worden und er sei dann gefoltert worden.
       Er erzählte von schweren, heftigen und brutalen Schlägen, unter anderem mit
       einer Zange.
       
       Der Angeklagte Atef Nadschib sei dabei im Folterraum gewesen und habe den
       Zeugen beschimpft. Dann soll die Militärpolizei übernommen und die Kinder
       gezwungen haben, Dokumente zu unterzeichnen, deren Inhalt sie nicht
       kannten. Es ist nur ein Zeugnis von vielen über die Brutalität des
       damaligen Regimes. Das Urteil für Nadschib wurde begründet mit
       „systematischem Massenmord“ und willkürlichen Verhaftungen.
       
       ## Jubel im Vorsaal des Gerichts in Damaskus
       
       Im Vorsaal des Justizpalastes in Damaskus wurde nach der Urteilsverkündung
       [4][gepfiffen, gejubelt und geklatscht.] Weil eine faire Strafverfolgung in
       Syrien bislang nicht möglich war, wurden immer wieder Verfahren gegen die
       syrischen Verantwortlichen in Deutschland, Frankreich oder Schweden
       geführt.
       
       Auch Nouha al-Masri hat 15 Jahre lang auf diesen Moment der Gerechtigkeit
       gewartet. Sicherheitskräfte hatten ihren Bruder bei Protesten in Daraa im
       März 2011 getötet. Für Masri markiert das Urteil ein neues Kapitel. „Unsere
       Forderung lautet, dass dies nicht das Ende der Prozesse ist“, sagte sie dem
       britischen Sender BBC. „Im neuen Syrien wird es von diesem Tag an keine
       Straflosigkeit mehr geben.“
       
       11 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://x.com/QUSAY_NOOR_/status/2087136523657330796
 (DIR) [2] /Aufarbeitung-in-Syrien/!6174425
 (DIR) [3] https://syriaaccountability.org/inside-the-trial-of-atef-najib-et-al-4-the-first-children-of-the-revolution-now-become-its-witnesses/
 (DIR) [4] https://www.instagram.com/reel/Db5RdqBFfbq/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Neumann
       
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