# taz.de -- Internationales Fototreffen in Arles: Hydrofeminismus und KI
       
       > Bei den diesjährigen Rencontres de la photographie in Arles geht es in
       > über 40 Ausstellungen viel um Erinnerung. Nicht immer darf man ihr
       > trauen.
       
 (IMG) Bild: Nicht nur die KI wird so über die Karibikinsel Martinique denken: „A photo of the horizon in Martinique I“, 2025
       
       Die Hitze flirrt auf den hellen Steinen der Place de la Republique. Es ist
       der bisher heißeste Tag des Jahres, als die 57. „Rencontres“ im
       südfranzösischen Arles eröffnen, das international bedeutende Festival für
       Fotografie. Hinter einem Tor geht es über den Hof eine schmale Treppe
       hinauf. Hier liegt, beinahe versteckt, ein Eingang zu dem einstigen Kloster
       und der heutigen Kathedrale St. Trophime. Am oberen Ende der Treppe gelangt
       man zu dem mittelalterlichen Kreuzgang der Benediktinermönche aus dem 12.
       Jahrhundert. Eine weitere Treppe führt in die oberen Stockwerke und auf das
       Dach, von dem aus die Kirchtürme der malerischen Altstadt zu sehen sind.
       Aber auch die verfallenen Wohntürme der Vorstadt, in denen viele
       Eingewanderte aus dem Maghreb leben.
       
       Das Kloster ist einer der Ausstellungsorte des großen Fototreffens. Das
       wurde 1970 von dem französischen Fotografen Lucien Clergue in der kleinen,
       aber geschichtsträchtigen Provence-Stadt gegründet, um Fotografie als
       Kunstform zu stärken. Die mehr als vierzig [1][Ausstellungen sind auf
       verschiedene Orte Arles’] verteilt, in Kirchen, Katakomben, kleinen
       Geschäften und dem nahe dem Bahnhof gelegenen Supermarkt Monoprix.
       
       Hinter den alten Klostermauern von St.-Trophime stehen nun im ersten Stock
       vertikale Leuchtkästen in Form von Kirchenfenstern. Darin laufen Farben
       ineinander, die dunkler werdende Flächen und Linien bilden. Sie stammen von
       der 1983 im Libanon geborenen und heute in Marseille lebenden Künstlerin,
       Biochemikerin und Ärztin Lara Tabet. Es sind Fotografien, die ohne Kamera
       entstanden sind. Taber verarbeitet hier Ideen [2][über den
       „Hydrofeminismus“] der kanadischen Kulturtheoretikerin Astrida Neimanis,
       menschliche Körper seien fluide und über Wasserkreisläufe materiell mit der
       Umwelt verbunden.
       
       Dafür entnahm Tabet Wasserproben vom Mittelmeer – von seinen Häfen,
       Industrieanlagen, Fluchtrouten –, legte in einer Petrischale die
       vorhandenen Bakterienkulturen an und setzte diese dann auf Filmmaterial.
       Durch das fortlaufende bakterielle Zersetzen der aufliegenden Emulsion
       entstehen jene organischen Farbmuster. Sie machen sichtbar, wie ökologisch
       prekär das Meer als Lebensraum heute ist, aber auch wie die politischen
       Missstände der Mittelmeerregion im Gewässer ihre Spuren hinterlassen.
       
       ## Das neue Ghana im Jahr 1957
       
       Im Rathaus, gleich neben St.-Trophime, zeigt die Ausstellung „Ghana!
       Dreaming of Independence“ historische Fotografien von 1957. Das Jahr, in
       dem Ghana als erste Kolonie in Subsahara-Afrika seine Unabhängigkeit
       erlangte. [3][Aufbruchstimmung und Fortschrittswille] sprechen aus diesen
       Bildern. Selbstbewusste junge Frauen werden als Denkerinnen,
       Wissenschaftlerinnen, Entscheiderinnen des neuen Ghana porträtiert.
       
       Dazu lud die Kuratorin Damarice Amao, Leiterin der fotografischen Abteilung
       im Pariser Centre Pompidou, ghanaische Gegenwartskünstler_innen ein, sich
       mit dieser frühen Zeit der Unabhängigkeit auseinandersetzen. Behutsame,
       schöne Arbeiten sind dabei entstanden. Auf der reinszenierten Fotografie
       von Carlos Idun-Tawiah „Many Reasons to Live Again“ (2022), die auch
       Titelbild für die diesjährigen Rencontres ist, erscheint in verblichenen
       Farben das strahlend glückliche Gesicht eines jungen Mannes auf einem
       Fahrrad. Voll Optimismus scheint er darauf in eine Zukunft zu fahren, die
       heute nur eine obsolete Utopie ist.
       
       Rita Mawuena Benissan reproduzierte eine historische Fotografie von Eugene
       V. Harris auf koloriertes Textil. Darauf feiert eine losgelöst tanzende
       Frau den Augenblick der Unabhängigkeit, nun in intensiven Farben, aber –
       wie aus der verschwimmenden Erinnerung heraus – mit unscharfen Konturen.
       
       Etwas außerhalb der Altstadt von Arles, in einem der Sozialbauviertel nahe
       dem Bahnhof, steht der Supermarkt Monoprix. Man muss an Obst und Gemüse
       vorbei, durch einen Kältevorhang hindurch und die Treppe hoch, um die
       Arbeiten junger Fotograf_innen zu sehen, die für den diesjährigen
       Nachwuchspreis nominiert sind. Die schwarz-weißen Fotografien der in Paris
       lebenden Magali Paulin zeigen einen Friedhof im Bois de Vincennes. Auf
       dessen Gelände [4][waren 1907 zur Kolonialausstellung Schwarze Menschen aus
       den französischen Kolonien wie in einem Zoo] ausgestellt. Die Natur erobert
       sich nun die verfallenen Gräber und Hinterlassenschaften von 1907 zurück.
       Es sind stille Bilder. Sie klagen nicht an, sie zeigen nur.
       
       ## Stereotype Karibik
       
       Wie auch die KI-Fotos von Jordan Beal. Auf ihnen ist die Landschaft der
       französischen Karibik-Insel Martinique zu sehen, als Stereotyp, wie es die
       KI gerne macht. Palmenstrände sind in ein romantisch verschwommenes Licht
       getaucht, exotische Früchte zu einem sepiafarbenen Stillleben arrangiert
       wie auf einer Postkarte des späten 19. Jahrhunderts. Sehnsüchte nach einer
       unbeschwerten Urlaubswelt und verklärten Vergangenheit sind hier sichtbar.
       Die düsteren, bis heute wirksamen Seiten des Kolonialismus in der Karibik
       werden ausgeblendet.
       
       Die Rencontres zeigen in diesem Jahr eine Fotografie, die über das bloße
       Abbilden hinausgeht. Vielmehr bedient sie sich verschiedener Techniken, um
       etwas ins Bild zu holen – Erinnerungen, Fragen, Strukturen –, das nicht
       unmittelbar sichtbar ist.
       
       29 Jul 2026
       
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