# taz.de -- UN-Forscherin über Entwicklungsziele: „Ungleichheit zerstört den Sozialvertrag“
> Es gibt auch Erfolge bei der sonst enttäuschenden Umsetzung der UN-Agenda
> 2030 für eine gerechtere Welt, sagt Magdalena Sepúlveda Carmona.
(IMG) Bild: Mangelernährung ist heute verbreiteter als 2015, neben Lebensmitteln fehlen auch Kochgeräte: Verteilung von Hilfsmitteln in Sudan
taz: Inmitten massiver Kürzungen öffentlicher Gelder für
Entwicklungsvorhaben und Turbulenzen im Multilateralismus läuft [1][die
globale Entwicklungsagenda der Vereinten Nationen] bald aus. Bis 2030
wollte die Staatengemeinschaft unter anderem extreme Armut und Hunger
beenden, Bildung und Gesundheitsversorgung für jeden Menschen
sicherstellen. Wie wird die Agenda für danach aussehen?
Magdalena Sepúlveda Carmona: Das ist die große Frage. Die UN haben viel
Zeit verloren, den Prozess für die Vorbereitung einer Agenda danach
anzustoßen. In der Vergangenheit begann das formell und informell schon
viel früher. Wir befinden uns heute an einem entscheidenden Punkt: Wir
kommen aus einer Agenda heraus, die 2015 beschlossen wurde, und nur etwas
mehr als 30 Prozent der Ziele sind auf dem besten Weg, erfüllt zu werden.
Es gibt viele Rückschritte.
taz: Beispielsweise sind mehr Menschen mangelernährt als 2015, auch
prozentual an der Weltbevölkerung gemessen ist ihr Anteil gestiegen. Sind
die Nachhaltigkeits-Entwicklungsziele der UN – die als Agenda 2030 bekannt
sind – also gescheitert?
Sepúlveda Carmona: Aus unserer Sicht als UN-Forschungsinstitut für soziale
Entwicklung halten wir es für sehr wichtig zu zeigen, dass es Erfolge
gegeben hat. Zum Beispiel bei der sogenannte Care-Arbeit. Arbeit, die
weltweit größtenteils von Frauen und unbezahlt verrichtet wird, Hausarbeit,
Kinderbetreuung, die Pflege von älteren oder behinderten Menschen. Sie ist
ein wesentlicher Faktor für die Ungleichheit der Geschlechter. Dies war in
den ersten Entwicklungszielen der Vereinten Nationen, die 2015 endeten,
nicht enthalten.
taz: Die Agenda 2030 hat Care-Arbeit erst in den Fokus gerückt?
Sepúlveda Carmona: Und mittlerweile hat sich das Thema etabliert. In meiner
Region, Lateinamerika, gab es auch Verpflichtungen der Politik. Im August
2025 unterzeichneten die Mitglieder der UN-Wirtschaftskommission für
Lateinamerika und die Karibik (Cepal) die Verpflichtung von Tlatelolco, in
der es um den Abbau der ungleichen Last von unbezahlter Fürsorgearbeit
geht, etwa mit dem Ausbau öffentlicher Kinderbetreuung und Pflege älterer
Menschen. Vergangenes Jahr hat außerdem der Interamerikanische Gerichtshof
für Menschenrechte das „Recht auf Fürsorge“ offiziell als eigenständiges,
einklagbares Menschenrecht anerkannt.
taz: In welchen anderen Bereichen gab es Fortschritte?
Sepúlveda Carmona: Die Agenda 2030 umfasste auch erstmals soziale Sicherung
als Ziel, was zu zahlreichen Initiativen in der öffentlichen Politik
geführt hat. Beispiele hierfür sind Renten für Beschäftigte im informellen
Sektor, Mutterschaftsurlaub oder Sozialleistungen wie Kindergeld. In Europa
ist man an Sozialleistungen gewöhnt, aber im Globalen Süden gab es das
früher nicht. Im Laufe der Jahre sind viele Programme entstanden, die mit
direkten Geldtransfers arbeiten – zunächst in lateinamerikanischen, dann
aber auch in südostasiatischen Ländern.
taz: Ihr Institut analysiert die übergeordneten Dynamiken der sozialen
Entwicklung. Unter anderem weisen Sie auf die Gefahr eines [2][massiven
Rückschlags bei der Geschlechtergerechtigkeit] hin.
Sepúlveda Carmona: Das ist ein Thema, das in der aktuellen Liquiditätskrise
kaum Beachtung findet. Wir konnten ein transnationales [3][Netzwerk der
extremen Rechten aufdecken], das darauf abzielt, die Rechte von Frauen und
LGBTIQ-Personen zu untergraben. Sie agieren über politische Parteien,
religiöse und konfessionelle Einrichtungen sowie Thinktanks. Sie verstehen
es, die Algorithmen der sozialen Medien auszunutzen, und beeinflussen
Regierungen.
taz: Wie genau?
Sepúlveda Carmona: In vielen Ländern des Globalen Südens etwa stellen sie
die Gleichstellung der Geschlechter und LGBTIQ-Rechte als unethisch und
westlich dar. Tatsächlich werden sie jedoch von einigen wenigen
Organisationen und vermögenden Privatpersonen aus den USA, Europa und
Russland sehr gut finanziert. Unseren Untersuchungen zufolge besteht ein
sehr deutlicher Zusammenhang zwischen der Schwächung der Macht von
Institutionen, die sich für Menschenrechte und speziell Frauen und
LGBTIQ-Personen einsetzen, und autoritären Regimen.
taz: Was würden Sie den Verhandlungsführenden für die neue Agenda der
globalen Entwicklungsziele nach 2030 mitgeben? Worüber sollten sie nach
nachdenken?
Sepúlveda Carmona: Ungleichheit. Die heute [4][historisch beispiellose
Konzentration von Reichtum] wandelt sich in politische Macht um und
beeinflusst die Politik. Dies zerstört den sozialen Zusammenhalt und den
Sozialvertrag in unseren Gesellschaften, da großes Misstrauen herrscht. Es
gibt mittlerweile [5][einen Billionär] auf der Welt – man kann sich kaum
vorstellen, um wie viel Geld es sich dabei handelt. Wir dürfen nicht
zulassen, dass die Welt in den Händen einiger weniger Eliten liegt.
5 Aug 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Leila van Rinsum
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