# taz.de -- Debüt von Adèle Yon: Die Angst vor dem wandernden Gen
       
       > Warum wurde Urgroßmutter lobotomiert? Die französische Autorin Adèle Yon
       > begibt sich in ihrem Debüt auf eine literarisch-wissenschaftliche
       > Spurensuche.
       
 (IMG) Bild: Auf Spurensuche: die französische Autorin Adèle Yon
       
       Wie korrigiert man ein defektes Gen? Das könnte die Eingangsfrage eines
       Buchs sein, das die französische Literaturszene begeistert. „Mein wahrer
       Name ist Elisabeth“ ist kein klassischer Roman. Adèle Yons Debüt vereint
       autobiografische Aspekte, wissenschaftliche Recherche und literarisches
       Erzählen. Diese Mischung macht es so interessant.
       
       Ausgangspunkt ist eine sehr persönliche Angst: Adèle Yon, damals Mitte
       zwanzig und in einer toxischen Beziehung, fürchtet, dem Wahnsinn zu
       verfallen. Diese Angst ist kein Zufall; in ihrer großbürgerlichen Familie
       gilt sie als eine Art Erbkrankheit, die vor allem die Frauen trifft: „Die
       Angst, dass ich in mir trage, was auch meine Urgroßmutter in sich getragen
       hat: das wandernde Gen, das für so viel Leid gesorgt hat.“
       
       Diese Urgroßmutter Elisabeth, genannt Betsy, wurde in den 1950er Jahren als
       schizophren diagnostiziert, einer Lobotomie unterzogen und siebzehn Jahre
       lang in einer psychiatrischen Anstalt festgehalten. In der Familie war ihr
       Name tabu, umgeben von diffusen Andeutungen über ein „zu viel“ an
       Temperament und Intensität.
       
       Erst nachdem ein Großonkel der Autorin Suizid begeht, beginnt die Familie
       ihr Schweigen zu brechen. Yon nutzt diesen Moment, zeichnet Gespräche mit
       Verwandten auf, sichtet Briefe ihrer Urgroßeltern, durchforstet
       medizinische Archive. Das alles mündet in einer 430-seitigen Recherche, die
       zugleich ihre Doktorarbeit und ihr literarisches Debüt darstellt. Statt das
       Material chronologisch zu ordnen, folgt Yon dem Rhythmus ihrer eigenen
       Entdeckungen – eine Struktur, die manche LeserInnen als „trügerisch
       unstrukturiert“ beschrieben haben, die aber gerade dadurch Spannung
       erzeugt, gleich einer echten Spurensuche.
       
       ## Nach dem Vorbild Eisensteins
       
       Diese Art der Darstellung hat Yon zufolge ein Vorbild: das unvollendete
       Filmprojekt „Glass House“ von [1][Sergei Eisenstein] (1930), bei dem
       verschiedene Handlungsebenen gleichzeitig sichtbar werden, wie hinter
       Glaswänden. Übertragen auf Yons Buch bedeutet das: Briefe, Krankenakten,
       Gespräche und Gegenwartsbeobachtungen stehen nebeneinander, ohne dass eine
       Ebene die andere dominiert. Eben diese Machart sorgt für einen angenehmen
       Lesefluss. Einzig im zweiten von vier Teilen bricht die Autorin mit ihrer
       eigenen Struktur. Hier überwiegt der medizinhistorische Part, gibt wenig
       Abwechslung vor, was schnell ermüdend wirken kann.
       
       Was Yons Recherche über die private Geschichte hinaushebt, ist ihr
       politischer Kontext. Yon zeigt, wie die Lobotomie im Frankreich der
       Nachkriegszeit überproportional häufig an Frauen vorgenommen wurde. Und das
       oft schon deshalb, weil sie ihrer zugewiesenen Rolle als Ehefrau oder
       Mutter nicht nachkamen. Seitens Betsy bedeutete das: sechs
       Schwangerschaften in sieben Jahren, postpartale Erschöpfung,
       Widerspenstigkeit gegenüber Ehemann und Familie. All das wurde im
       psychiatrischen Diskurs jener Zeit als Krankheitssymptom gedeutet.
       
       Die Autorin macht deutlich, dass es bei den Lobotomien selten um Heilung
       ging, stattdessen „ließ man die Patientin wissentlich geistig verkümmern,
       um sie anschließend in die soziale Ordnung wieder eingliedern zu können“.
       Gewünscht waren Frauen, die sich fügten, nicht solche, die etwa wütend
       wurden. Yon fragt hierzu, ob „Wut ein weibliches Attribut sein“ kann und
       zeigt auf, dass gerade „wütende Frauen“ besonders oft medizinisch
       abgestraft wurden.
       
       Gerade die Verbindung von individuellem Schicksal und struktureller Analyse
       macht die Stärke des Buchs aus: Es erzählt nicht nur, was Betsy widerfahren
       ist, sondern legt offen, welches gesellschaftliche System solche Eingriffe
       ermöglichte und wie dessen Muster, in anderer Form, bis heute nachwirken.
       
       ## Verbindung zu sexueller Gewalt
       
       Während der Psychiatrie und den dort vollzogenen Lobotomien
       überproportional viel Aufmerksamkeit zuteilwird, kommt ein wesentlicher
       Aspekt jedoch zu kurz: Yon will einen Zusammenhang erkennen zwischen
       lobotomierten Frauen und jenen, die „in ihrem Leben auch Opfer
       sexualisierter Gewalt geworden waren oder traumatisierende sexuelle
       Erfahrungen gemacht hatten“. Auch Betsy soll durch ihren Vater (und ihren
       Mann?) Übergriffigkeiten erlebt haben. Statt hier wie zuvor in die Tiefe zu
       gehen, belässt es Yon aber bei einer Aussage zu dem Thema.
       
       Dennoch: „Mein wahrer Name ist Elisabeth“ ist ein aufwühlendes, klug
       komponiertes Debüt, das sich der Frage widmet, wie viel Eigenständigkeit
       einer Frau in einem patriarchalen System zugestanden wird, bevor sie als
       „krank“ gilt. Yon gelingt es, ihrer Urgroßmutter Betsy am Ende des Buchs
       eine eigene Stimme zurückzugeben: ein Akt der literarischen
       Wiedergutmachung, der berührt, ohne ins Sentimentale abzudriften.
       
       28 Jul 2026
       
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