# taz.de -- Anschlag auf den CSD in Berlin: Sonnenallee For Queers
> Entlang der Sonnenallee leben viele queere Menschen. Wie wäre es, wenn
> nach dem CSD-Anschlag dort überall Regenbogenflaggen gehangen hätten?
(IMG) Bild: Ist die Sonnenallee überhaupt so rough?
Am Montag nach dem [1][Anschlag auf den CSD] bin ich über die Sonnenallee
gefahren. Wie überall in der Stadt – außer im Tiergarten – war hier
business as usual. Neben der Trauer um die Opfer und die Wut über die
rassistische Debatte spürte ich noch etwas anderes: die Sehnsucht nach
einer Allianz, die sich nicht so einfach teilen und herrschen lässt,
sondern die Hegemonie der Dominanzgesellschaft bedroht.
Was wäre, wenn nach dem größten Anschlag auf queeres Leben in Deutschland
seit 1945 die Läden auf der Sonnenallee alle Regenbogenflaggen rausgehängt
hätten? Nicht als Distanzierung vom Täter, sondern als Solidarität mit
queeren Communitys.
Als Teil dieser Nachbar_innenschaft ist es für viele Queers zur Ehrensache
geworden, sich von homonationalistischen Mythen abzugrenzen und eine klare
antirassistische Haltung in eine politische Praxis umzusetzen. Und die
Sonnenallee spielt in dieser Debatte immer wieder eine große Rolle. Dabei
scheint sie mehrere Versionen ihrer selbst zu haben. Sie reihen sich
parallel aneinander, manchmal berühren sie sich und zusammen ergeben sie
ein ganzes Bild. Ein bisschen wie bei einem Regenbogen.
Zum einen gibt es den Ort, an dem arabische Communitys in ihren Wohnungen
oder Imbissen, Cafés, Supermärkten und auf der Straße zusammenkommen.
Medial und politisch werden sie zur Projektionsfläche für rassistische
Erzählungen über eine konservativ-muslimische Parallelgesellschaft, die
Hochburg der Clankriminalität sei und zur No-go-Area für Queers gemacht
wird. Dabei wird ausgeblendet, wie viele queere Menschen entlang der
Sonnenallee leben, wie durchgentrifiziert die Nebenstraßen und Mieten sind
und dass in vielen Cafés die meistgehörte Sprache neben Deutsch eher
Englisch als Arabisch ist.
## Blutgruppe Hummus
In einer anderen Fantasie wiederum wird die Sonnenallee als rough
romantisiert. Insbesondere weiße und bürgerlich sozialisierte Personen
fetischisieren dieses Milieu so stark, dass die rassistische Anmutung
direkt in die andere Richtung ausschlägt. Hier machen Leute auf Blutgruppe
Hummus, obwohl sie bis in ihre Zwanziger kein arabisches Essen probiert
haben. Ein äquivalentes Phänomen ist mir für andere Bezirke nie begegnet.
Aber ist die Straße überhaupt so rough? Wir müssen natürlich nicht so tun,
als handele es sich ausgerechnet bei der Sonnenallee um einen cuten
FLINTA-Space oder eine reizarme Umgebung. Und die verstärkte Polizeipräsenz
sowie deren Gewaltexzesse an rassifizierten, jüdischen, weißen, queeren und
selbst minderjährigen Demonstrierenden seit dem 7. Oktober 2023 hat keinen
Beitrag zu einem erhöhten Sicherheitsgefühl geleistet.
Besonders jene Queers, die sich gegen den Genozid in Palästina positioniert
haben, haben für ihre Solidarität bezahlt: mit heftigen Konflikten in ihren
Szenen, ihrer körperlichen Unversehrtheit auf Demos, manchmal sogar mit
ihren Jobs. Ich muss dabei nicht selbst Teil dieser aktivistischen Szene
oder mit jeder Position einverstanden gewesen sein, um die staatlichen
Bestrafungen gegen sie falsch zu finden.
Fakt ist, dass queere Orte in keinem Stadtteil sicher vor Angriffen sind.
Weder in Neukölln noch in Prenzlauer Berg oder in Schöneberg. Und rougher
geht immer: In der Nacht vor dem CSD-Wochenende gab es auf das Café
Köpenick einen queerfeindlichen Brandanschlag. Der Fall reiht sich in die
rechtsradikalen Vorfälle im Bezirk Treptow-Köpenick ein. Im [2][Berliner
Register] taucht zudem Lichtenberg immer wieder auf. Solidarische
Regenbogen- oder Antifa-Flaggen vermisse ich dort ebenfalls.
## Fixierung auf die Sonnenallee
Selbst wenn an jedem Gebäude Regenbogenflaggen hingen, wäre der Anschlag
aber nicht ungeschehen und die Gesellschaft nicht magischerweise von ihrer
Queerfeindlichkeit befreit. Die Feindseligkeit gegenüber LGBTIQ-Personen
zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Rechtsradikale Anti-Pride-Demos
oder der islamistische Anschlag auf den CSD zeigen ihre
vernichtungslustigen Dimensionen.
Trotz des Ernstes der Lage habe ich von regierenden Politiker_innen in den
letzten Wochen keinen Lösungsvorschlag gehört, der die [3][Würde der Opfer
und den Schutz queeren Lebens zentriert]. Militante Radikalisierung in
Deutschland wird von materiellen Zuständen wie Rassismus, Armut oder
sozialer Ungerechtigkeit begünstigt. Wer dann in der [4][Präventionsarbeit,
bei Aussteiger- und Bildungsprogrammen Mittel kürzt], wird die Wurzel des
Problems nie erreichen.
Warum dann meine Jens-Spahn-codierte Fixierung auf die Sonnenallee? Die –
manchmal ambivalente – Verbundenheit mit der Sonnenallee zieht sich durch
meine Zeit in Berlin. Von Anfang an war für mich und viele rassifizierte,
migrantische oder muslimische Queers klar, dass wir uns manchmal schützend
vor Gruppen stellen, von denen wir nicht garantieren können, dass sie
dasselbe für uns tun würden. Weil das Prinzip von Solidarität nicht
transaktional ist.
Eine schöne Geste wäre es trotzdem, wenn die nichtqueeren Teile der
Sonnenallee allen potenziellen Anfeindungen zum Trotz unser Symbol tragen
würden.
9 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Trauer-nach-dem-Anschlag-auf-den-CSD/!6196777
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## AUTOREN
(DIR) Hengameh Yaghoobifarah
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