# taz.de -- Autorin über Heldinnen der Meere: „Es lohnt sich, starrsinniger zu sein“
> Das Meer galt lange Zeit als männliche Domäne. Wie die Geschichte einer
> grausamen Piratin und der Erfolg einer Forscherin den Blick darauf
> verändern.
(IMG) Bild: Bruchlose Karriere: Sylvia Earle taucht mit einem Delfin in dem Film Mission Blue
taz: Kerstin Ehmer, in Ihrem Buch stellen Sie 16 Heldinnen der Meere vor.
Gibt es etwas, das diese Frauen eint?
Kerstin Ehmer: Das ist ihr Mut. Die haben einfach gemacht, was sie meinten
tun zu müssen. Und das war oft sehr anders als das, was zu ihrer Zeit von
ihnen erwartet wurde als Frau. Dabei waren sie mal mehr, mal weniger
erfolgreich. Aber darum geht es bei Helden ja gar nicht. Es gibt genügend
tragische Geschichten. Das sind auch oft die besseren.
taz: Also erschaffen tragische Biografien die besseren Held:innen?
Ehmer: Schauen wir es uns andersherum einmal an: Es gibt die fantastische
US-amerikanische Umweltaktivistin und Meeresforscherin Sylvia Earle. Ihr
Leben ist eine Erfolgsgeschichte von Anfang an. Bereits mit 21 Jahren
absolviert sie ihren Master, beginnt im Anschluss zu promovieren. Sie
heiratet und bekommt Kinder, forscht aber immer weiter. Um dann – zehn
Jahre später – eine bahnbrechende Doktorarbeit zu veröffentlichen, die sie
zu einer führenden Wissenschaftlerin macht.
taz: Klingt eher beeindruckend als tragisch.
Ehmer: Genau! Sie macht einfach alles richtig. An dieser Frau gibt es
scheinbar keinen Fehler. Und ich glaube, wenn ich jetzt nur diese
Geschichten erzählen würde, wäre es ein Buch geworden, das man frustriert
aus der Hand legt. Nach dem Motto: Okay, in diesem super elitären und
erfolgreichen Club bin ich nicht dabei. Daher reicht mir eine Heldin, deren
Leben so ungebrochen immer in Richtung Erfolg geht.
taz: Welche Biografie hat Sie denn besonders berührt?
Ehmer: Die Geschichte von Jeanne de Clisson, einer Adeligen aus dem
Spätmittelalter. Sie lebt in der Bretagne und ist in dritter Ehe mit einem
Mann verheiratet, den sie wirklich liebt. Tragischerweise kommt dann der
französische König dazwischen. Der König ist unzufrieden mit einer
verlorenen Schlacht, bei der ihr Mann gekämpft hat. Also will er Jeannes
Mann hinrichten lassen. Und Jeanne? Sie versucht ihren Mann zu befreien.
Doch sie scheitert, er wird geköpft und Jeanne selbst wird gesucht.
taz: Und dann?
Ehmer: Dann rekrutiert sie hunderte Kämpfer und übt Vergeltung. 15 Jahre
lang ist sie dann als Seeräuberin unterwegs, kapert französische Schiffe.
In ihren Schlachten war sie wirklich grausam, aber durchaus erfolgreich.
Irgendwann stirbt sie erstaunlicherweise eines natürlichen Todes.
taz: Was fasziniert Sie an dieser Frau?
Ehmer: Dass sie beschlossen hat, das Urteil ihres Königs anzufechten. Das
ist schon eine hohe Hausnummer – und dann auch noch im Spätmittelalter.
taz: Das ist wirklich sehr lange her.
Ehmer: Und trotzdem können wir von ihrer Geschichte lernen: Dass es sich
lohnt, mutiger zu sein – und starrsinniger.
taz: Wieso haben Sie sich nur Heldinnen angeschaut und die Helden der See
mal links liegen gelassen?
Ehmer: Es fehlte einfach noch ein Buch, das ganz unterschiedliche Frauen
und ihre Beziehungen zum Meer abbildet. Es gibt diese Verbindung. Sie ist
auch manchmal ein bisschen anders als das, [1][was wir von den Geschichten
von und über Männer] kennen.
taz: Wie unterscheiden sich die Perspektiven?
Ehmer: Das Meer ist bei den Männern oft eine Herausforderung. Mit ihm misst
man seine Kräfte, man geht darin unter oder man besiegt es, indem man es
ausbeuten kann, nimmt ihm die Reichtümer, die es hat. Bei der Autorin
Virginia Woolf tragen drei Romane das Meer bereits im Titel. Sie erschafft
das Meer als metaphysischen Raum des Werdens und Vergehens. Das ist eine
ganz andere Sichtweise. Vielleicht ist es aber auch eine
Huhn-oder-Ei-Frage: Ob das Meer die Frauen verändert oder sich nur ein ganz
bestimmter Typ Frau vom Meer angezogen fühlt und deswegen in meinem Buch
gelandet ist.
4 Apr 2026
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