# taz.de -- Übersommern in der Shopping-Mall: So fresh hier
> Wohin bei der Hitze? Unsere Autorin zieht es ausgerechnet ins
> Einkaufscenter. Dabei macht doch auch unser Shoppingwahn den Planeten
> kaputt.
(IMG) Bild: Eine Wärmebildkamera zeigt Menschen vor einem Einkaufszentrum
Jetzt verrate ich Ihnen ein kleines Geheimnis: Wenn das Thermometer über 35
Grad klettert, [1][flüchte ich gern ins Einkaufszentrum]. Klar könnte ich
nun behaupten, dass ich an solchen Tagen am liebsten ins klimatisierte
Museum gehe und mir Hieronymus Boschs Weltuntergangs-Triptychon angucke
oder in einer Kirche das Vaterunser bete, aber ich bin eine Sünderin, die
ihre Körpertemperatur am liebsten damit senkt, dass sie shoppen geht.
Während der jüngsten Hitzewelle war ich in Wien. Wien! Da stellt man sich
natürlich gleich ein prachtvolles Einkaufszentrum im Stile der Hofburg vor:
Renaissance! Barock! Klassizismus! Aber leider ist Wien an manchen Stellen
auch nur Schwedt an der Oder, das glaubt, dass es Mailand ist.
Mit diesem Gedanken schleiche ich durch die Engerthstraße im 2. Bezirk.
Links ein verblichener Gemeindebau, rechts ein paar arme [2][Bauarbeiter,
die bei diesen horrenden Temperaturen doch tatsächlich damit beauftragt
wurden, flüssigen Teer über einen Fahrradweg zu kippen].
Der Teer stinkt, die Sonne brutzelt, selbst ohne körperliche Schinderei
fühle ich mich nach zwei Minuten im Freien wie ein Broiler im
Hähnchengrill. Doch meine Rettung ist nah: Aus nicht einmal 50 Metern
Entfernung strahlt mir das Stadion Center entgegen. Wobei „strahlen“
eindeutig zu positiv ist.
Denn auch wenn die geschwungene Architektur nach großer Sportarena aussehen
soll, wirkt das Einkaufszentrum eher wie der schmächtige Bruder des
berühmten Ernst-Happel-Stadions, das gleich um die Ecke liegt. Statt großem
Auftritt pappen hier Werbelogos wie Pickel-Patches auf fahler Betonhaut.
Einen New Yorker gibt es hier, einen Nanu-Nana – dm, Tchibo, Deichmann; und
weil wir in Österreich sind, natürlich auch einen Billa in XXL.
Nichts an diesem Einkaufszentrum ist richtig, und trotzdem ist es für mich
in der Hitzewelle mein Place to be. Denn drinnen erwarten mich erfrischende
17 Grad wie im Frühling, wo man zwar schon im T-Shirt rumlaufen kann, aber
ab und zu trotzdem noch eine Gänsehaut kriegt. Gibt es gerade etwas
Besseres?
Zugegeben, viele der hier angebotenen Sachen sind totaler Schrott, aber
irgendwie beruhigt es mich, durch die Gänge zu schlendern, in altbekannte
Geschäfte zu blicken und für eine Weile so zu tun, als wäre nie etwas
passiert: keine Klimakrise, kein zerstörter Kleinhandel, keine Geldsorgen.
Wie viele andere bin ich zwischendurch immer wieder voll im
Verdrängungsmodus, aber lange wird das für uns nicht mehr gutgehen.
Als Erfinder dieser modernen Geldstaubsauger gilt übrigens ein
Österreicher: der Städteplaner und Architekt Victor Gruen, der nach der
Flucht vor den Nazis 1954 das erste Shoppingcenter am Rande von Detroit
eröffnete. Seine Vision war kein reiner Konsumtempel, sondern ein Ort, an
dem man auch in den Genuss von Kultur kommen sollte, zu Fuß und
wettergeschützt.
Doch seine Utopie ist längst zur Farce geworden, unser Shoppingwahn macht
den Planeten kaputt. Paradoxerweise könnte der Temperaturanstieg gerade
Einkaufszentren eine rosige Zukunft bescheren, denn kein
Internetschnäppchen der Welt macht die Umgebung mit einem Klick kühler – es
sei denn, man kauft eine Klimaanlage.
10 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Fotograf-ueber-Menschen-im-Einkaufscenter/!6000088
(DIR) [2] /Bauarbeiter-in-Griechenland-sterben-oft-wegen-der-Hitze/!6097873
## AUTOREN
(DIR) Anna Fastabend
## TAGS
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Einkaufszentrum
(DIR) Shoppingmalls
(DIR) Shopping
(DIR) Hitze
(DIR) Hitze
(DIR) Zukunft
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kühle Orte in Berlin: Zuflucht vor dem Hitzeschlag
Die offiziellen Karten, die kühle Orte in Berlin ausweisen, liefern
dürftige Ergebnisse. Ein Berliner hat auf eigene Faust etwas Besseres
programmiert.
(DIR) Solidarität in der Klimakrise: Hitze ist keine Privatsache
Immer häufiger steigen die Temperaturen über 30 Grad. Sieben Vorschläge,
mit denen wir uns gegenseitig durch die nächste Hitzewelle helfen können.
(DIR) Oasen der Kühle ganz ohne Klimatechnik: Berliner Kirchen bieten sich kühl an
Kirchen sind kühle Orte, aber nicht immer offen. Denn das braucht Personal
– und das kostet. Dennoch öffnen immer mehr Gotteshäuser. Eine Stippvisite.