# taz.de -- Israelischer Autor über deutsche Medien: „Mit Reportern zu Israel zu arbeiten war frustrierend“
> Der Analyst Alon Sahar hat ein rechtes israelfreundliches Netzwerk
> untersucht. Auch deutsche Zeitungen verbreiten dessen Erzählungen
> ungefiltert.
(IMG) Bild: In Gaza steht die UNRWA auch unter buchstäblichem Beschuss aus Israel
taz: In Ihrer [1][Studie für die Rosa-Luxemburg-Stiftung] analysieren Sie
eine transnationale Kampagne, die darauf abzielt, das Hilfswerk der
Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge (UNRWA) zu diskreditieren. Sie
beschreiben ein Netzwerk von NGOs, von denen einige Verbindungen zur
israelischen Regierung haben und von reichen Spendern aus den USA
finanziert werden. Wie gehen diese Organisationen vor?
Alon Sahar: Es ist wichtig, sich die Selbstdarstellung dieser NGOs
anzuschauen. Schon ihre Namen vermitteln den Eindruck kritischer
Neutralität, obwohl es sich tatsächlich um Organisationen für
Interessenvertretung handelt, die politische Positionen der israelischen
Rechten vertreten. Ein Beispiel ist „UN Watch“ – klingt gut, oder? Man
wünscht sich ja eine Organisation, die eine so bedeutende Institution
kritisch begleitet. Dasselbe gilt für „NGO Monitor“ oder „Impact-SE“.
taz: Sie schreiben, dass Impact-SE die [2][durch unabhängige Studien
widerlegte Behauptung] verbreite, die UNRWA verwende systematisch
antisemitische Schulbücher.
Sahar: Impact-SE konzentriert sich in seiner Arbeit stark auf
palästinensische und mit der UNRWA verbundene Bildungsmaterialien, während
israelische Lehrpläne weitaus weniger akribisch untersucht werden. Zudem
ist die Finanzierung dieser rechten NGOs deutlich intransparenter als die
von linken.
taz: Sie beschreiben auch, wie diese NGOs Deutschland als wichtigsten
Geberstaat der UNRWA ins Visier nehmen. Wer treibt die Kampagne hier voran?
Sahar: Die Organisationen in Deutschland bezeichne ich als „lokale
Vermittler“. Beispiele sind die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) oder
[3][der deutsche Ableger der Interessensorganisation Elnet], die diese
Erzählungen hier verbreiten. Die DIG, Elnet und andere Akteure erhalten
Projektförderungen, die ihnen nicht nur finanzielle Mittel verschaffen,
sondern sie auch in den Augen der Öffentlichkeit und der Politik
legitimieren.
taz: Eine weitere Gruppe, von der Sie sprechen, sind die „Normengestalter“.
Sahar: Das sind jüdisch geführte Organisationen, wie der Zentralrat der
Juden, die den Anspruch erheben, für die jüdische Gemeinschaft in
Deutschland zu sprechen. Das stimmt aber nicht. Niemand hat sie beauftragt,
sich in außenpolitische Fragen einzumischen. Sie sprechen jedenfalls weder
für mich noch für die vielen nicht organisierten Jüdinnen und Juden, die
hier leben – und die sind mehr als die Hälfte –, ebenso wenig wie für
andere progressive Jüdinnen und Juden.
taz: In Ihrem Bericht tauchen auch Akteure auf, die auf den ersten Blick
überraschen mögen. Einer davon ist die Amadeu Antonio Stiftung (AAS), eine
öffentlich geförderte NGO, die zu Rassismus, Antisemitismus und
Rechtsextremismus arbeitet.
Sahar: Die AAS hat im Jahr 2025 [4][einen Bericht] herausgebracht, der die
UN in den Blick nimmt und ihr antiisraelischen Bias und Antisemitismus
vorwirft – und dabei eher weniger die unterschiedlichen Machtstrukturen des
UN-Systems betrachtet. So wird etwa nicht thematisiert, wie die USA Israel
im Sicherheitsrat Rückendeckung geben. Das Vorwort zu dem Bericht hat der
Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, geschrieben,
und ein Teil besteht aus einem Interview mit UN Watch. Ich kannte die AAS
zuvor vor allem wegen ihrer tollen [5][Arbeit zum rechtsextremen Anschlag
in Halle] im Jahr 2019. Da interviewte sie auch nichtjüdische migrantische
Betroffene, um zu zeigen, dass Rechtsextremismus Teil eines größeren
gesellschaftlichen Problems ist.
taz: Was haben Sie gedacht, als Sie gesehen haben, dass sie mit UN Watch
arbeiten?
Sahar: Meine Wahrnehmung der AAS begann sich zu verändern. Ich kenne UN
Watch aus meiner Arbeit zu Israel/Palästina und denke, dass die
Organisation eine rechte politische Agenda verfolgt. Ich fragte mich: Warum
arbeitet die AAS mit einer konservativen, nationalistischen NGO zusammen?
Da wurde mir klar, dass hier wohl eine koordinierte Kampagne mit vielen
Akteuren im Gange ist. Das hat mich letztlich dazu gebracht, tiefer zu
recherchieren und diesen Bericht zu schreiben.
taz: Sie sprechen in Ihrer Studie auch über Medien in Deutschland, die die
Behauptungen von NGOs wie UN Watch verbreiten. Ihr Fokus liegt dabei auf
zwei Springer-Zeitungen, Bild und Welt. Warum?
Sahar: Weil sie das sind, was ich „mediale Verstärker“ nenne. Es ist
wichtig, den Unterschied zu verstehen zwischen „medialen Verstärkern“ und
Medien mit politischer Voreingenommenheit. Was bedeutet Voreingenommenheit?
Nehmen wir an, Sie sind Brite und lesen den Telegraph – bevor Axel Springer
ihn übernommen hat – oder das Wall Street Journal. Das sind seriöse
Zeitungen. Sie vertreten zwar eher rechte Positionen, halten sich aber an
bestimmte journalistische Standards. Es gibt ein Recht auf
Gegendarstellung, abweichende Stimmen kommen zu Wort, und es werden
verlässliche Quellen herangezogen.
taz: Wie unterscheiden sich dagegen die von Ihnen untersuchten Medien?
Sahar: Sie fungieren als Verstärker. Das bedeutet, sie übernehmen
Behauptungen und wiederholen sie einfach. Manchmal halten sie sich
vielleicht an journalistische Standards. Aber eben nicht immer. Bild ist
die am häufigsten vom Presserat gerügte Zeitung Deutschlands.
taz: Wie funktioniert das in der Praxis – etwa wenn diese „Verstärker“ über
UNRWA berichten?
Sahar: Nehmen wir an, UN Watch veröffentlicht einen Bericht. Noch am selben
Tag erscheint dazu ein Artikel in Bild oder Welt. Die Behauptungen werden
übernommen oder weiter zugespitzt. Besonders deutlich war das bei Bild, wo
eine Schlagzeile lautete: „UN-Lehrer loben Hitler, hetzen gegen Juden“.
Häufig werden solche Behauptungen wiedergegeben, ohne dass die UNRWA
Gelegenheit zur Stellungnahme erhält oder auch nur der Hinweis erscheint:
„Wir haben die UNRWA um eine Stellungnahme gebeten, aber keine Antwort
erhalten.“ Dabei gehört das eigentlich zum journalistischen Standard.
taz: Sie waren Pressesprecher von „Israelis für Frieden“, einer Gruppe
linker Israelis, die gegen Israels Zerstörung des Gazastreifen protestiert.
Welche Erfahrungen haben Sie da im Umgang mit deutschen Journalisten
gemacht?
Sahar: Mich haben immer wieder gute Geschichten erreicht mit belastbaren
Belegen oder starken Hinweisen, denen Reporter normalerweise nachgehen
würden. Bei einigen ging es um außenpolitische Themen, bei den meisten aber
um israelischen Einfluss in Deutschland. Aber die Journalisten lehnten
diese Geschichten auf unterschiedlichen Wegen ab.
taz: Vielleicht fanden sie die Storys einfach nicht interessant.
Sahar: Ich arbeite ständig mit Reportern zusammen. Wenn sie etwas nicht
interessiert, sagen sie das in der Regel ganz offen. Aber die deutschen
Journalisten reagierten anders. Manche gaben von vornherein auf und sagten:
„Wow, was für eine Geschichte! Aber mein Redakteur würde das niemals
freigeben.“ Andere meinten: „Wow! Okay, ich versuche es bei meiner
Redaktion.“ Und in den meisten Fällen scheiterten sie damit. Am schlimmsten
war jedoch, wenn sie sagten: „Wow, was für eine Geschichte! Ich kümmere
mich.“ Dann arbeitete ich mehrere Tage lang mit ihnen zusammen – und am
Ende wurde die Story fallen gelassen.
taz: Warum?
Sahar: Nicht weil sie sich nicht belegen ließ oder die Faktenlage zu dünn
gewesen wäre. Es waren immer die Redaktionen, die sie stoppten oder
deutlich abschwächten. Das war sehr frustrierend, aber es gehört auch zu
dieser Arbeit.
taz: Ein Grund könnte sein, dass man schnell als Antisemit abgestempelt
wird, wenn man über israelischen oder proisraelischen Einfluss in
Deutschland spricht – und zwar von vielen derselben Akteure, die Sie in
Ihrem Bericht nennen.
Sahar: Ja. Ich sehe meine Studie allerdings gerade als einen Beitrag gegen
antisemitische Verschwörungserzählungen. Das antisemitische Klischee
lautet, es gebe eine mächtige jüdische Lobby, die die deutsche Regierung
kontrolliere. Meine Arbeit zeigt aber, dass das nicht zutrifft. Wenn diese
Akteure über viele Jahre hinweg so viel Geld, Zeit und Aufwand investieren
mussten, um Einfluss zu gewinnen, dann hatten sie eben keine Kontrolle. Was
sich allerdings beobachten lässt, ist ein wachsender Einfluss – und der
speist sich aus asymmetrisch verteilten Ressourcen.
taz: Ihr Bericht erschien zeitgleich mit einem wohlwollenden Artikel in der
FAZ, einer eher konservativen Zeitung, die sonst nicht für starke
Israelkritik bekannt war. Ist das ein Zeichen dafür, dass sich das
Overton-Fenster verschiebt?
Sahar: Ich denke schon – allerdings nicht in dem Ausmaß, wie es notwendig
wäre. Meiner Ansicht nach verschiebt es sich auch deshalb, weil die Medien
insgesamt zunehmend unter Druck geraten. Ihnen wird vorgeworfen, zu teuer
zu sein, die Bevölkerung nicht angemessen zu repräsentieren und so weiter.
Mein Eindruck ist: Wenn man deutsche Zeitungen mit ihren europäischen
Pendants vergleicht, dann zeigt sich gerade in Bezug auf Israel ein völlig
anderes Bild. Und noch wichtiger: Umfragen zeigen seit Langem, dass die
deutsche Bevölkerung den Konflikt zwischen Israel und Palästina ganz anders
beurteilt als die Medien und die politische Elite.
taz: Woher kommt die Diskrepanz?
Sahar: Sie lässt sich auf das transnationale Lobby- und Advocacy-Netzwerk
zurückführen, das ich in meiner Studie beschreibe. Das richtet seine
Bemühungen vor allem auf die politische Elite. Für die breite
Öffentlichkeit interessiert es sich weniger. Und je stärker die
Unterstützung für Palästina in der Bevölkerung wächst, desto mehr
Ressourcen investieren sie in Lobbyarbeit und darin, Abhängigkeiten von
Israel in verschiedenen Bereichen zu schaffen. Das mag legal sein. Aber der
Einfluss dieses Netzwerks ist – wie der anderer Lobbygruppen, etwa der
Pharmaindustrie – kein Zeichen einer gesunden Demokratie. Insbesondere dann
nicht, wenn ausländische Interessen involviert sind.
9 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.rosalux.de/publikation/id/54951/die-kampagne-gegen-das-unrwa-und-das-palaestinensische-rueckkehrrecht-in-deutschland
(DIR) [2] https://www.gei.de/forschung/projekte/analyse-palaestinensischer-schulbuecher-paltex
(DIR) [3] /Lobbyorganisation-Elnet/!6130001
(DIR) [4] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/wp-content/uploads/2025/06/250610_AAS_Lagebild_14_rgb_web_final.pdf
(DIR) [5] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/sachsen-anhalt-nach-dem-anschlag-wie-initiativen-halle-aufmischen-70027/
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