# taz.de -- Korruption in Vietnam: Verdacht auf lukrative innerparteiliche Gefangenenfreikäufe
       
       > Mehrere wegen Korruption inhaftierte KP-Kader Vietnams, die einen
       > internen Machtkampf verloren hatten, konnten sich wohl beim Parteichef
       > freikaufen.
       
 (IMG) Bild: Mittlerweile freigelassen: Đinh La Thăng 2018 auf dem Weg zum Gerichtssaal
       
       Vietnam hat in den letzten Monaten ehemals hohe Partei- und
       Wirtschaftskader aus dem Gefängnis entlassen, ohne das offiziell zu
       verkünden. Es geht um mindestens neun Männer, die wegen Korruption,
       Misswirtschaft oder Unterschlagung zu langen Haftstrafen verurteilt worden
       waren.
       
       Der prominenteste ist der Ex-Parteichef der Wirtschaftsmetropole
       Ho-Chi-Minh-Stadt, [1][Đinh La Thăng]. Er war auch kurzzeitig
       Verkehrsminister. Von dem 65-Jährigen gibt es seit Februar Fotos in
       sozialen Netzwerken auf privaten Feiern. Freilassungsgerüchte tauchten
       bereits Ende 2025 auf.
       
       Das Auswärtige Amt in Berlin teilte der taz mit, es kenne die Informationen
       zur Freilassung des Mannes. Eigene Erkenntnisse habe man nicht. Đinh La
       Thăng wurde 2018 im selben Prozess verurteilt, in dem auch der zuvor von
       Vietnams Geheimdienst von Berlin nach Hanoi entführte Wirtschaftsfunktionär
       Trịnh Xuân Thanh verurteilt wurde.
       
       Đinh La Thăng war zu 30 Jahren Haft verurteilt worden wegen Misswirtschaft
       und Korruption während seiner damals schon lange zurückliegenden Zeit als
       Manager eines Ölkonzerns. Der im selben Prozess zu einer lebenslänglichen
       Haft verurteilte Trịnh Xuân Thanh sitzt dagegen weiter im Gefängnis. Die
       Bundesregierung fordert seine Freilassung.
       
       ## Privatfotos in sozialen Netzwerken
       
       Zu den weiteren der taz namentlich bekannten Freigelassenen gehören ein
       hoher Ex-Offizier des Sicherheitsministeriums, ein Ex-Oberbürgermeister von
       Hanoi, mehrere Banker und Bauunternehmer sowie ein Fußballfunktionär. Alle
       waren zwischen 2016 und 2019 wegen Korruption, Wirtschaftsdelikten oder
       Nashornschmuggels zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden, die sie
       noch nicht vollständig verbüßt haben.
       
       Von ihnen gibt es aus den letzten Monaten private Fotos in sozialen
       Netzwerken. Politisch äußern die Männer sich nicht. Die Staatsmedien
       meldeten die Freilassungen, die in sozialen Netzwerken diskutiert werden,
       nicht.
       
       Die Verfahren gegen diese Männer und andere einstige hohe Kader ab 2016
       waren Teil einer Antikorruptionskampagne des damaligen [2][KP-Chefs Nguyễn
       Phú Trọng]. Sein ultraorthodoxer Parteiflügel hatte auf dem Parteitag 2016
       den [3][Machtkampf gegen die konkurrierende Fraktion der
       Wirtschaftsfunktionäre] gewonnen. Danach hagelte es Festnahmen von
       Vertretern des Unterlegenen, denen meist Korruption und Wirtschaftsvergehen
       vorgeworfen wurden.
       
       Korruption ist in Vietnam verbreitet und betrifft mutmaßlich Funktionäre
       aller Ebenen. Verurteilungen ordnet die Parteiführung an, Richter sind
       nicht unabhängig und Verfahren nicht rechtsstaatlich.
       
       Das in Berlin erscheinende vietnamesische Webportal Thoibao.de schreibt
       unter Berufung auf einen ungenannten Regierungsinsider aus Hanoi, die
       Männer seien nur gegen Zahlung hoher Beträge freigekommen. Insgesamt soll
       eine Summe von 3 Milliarden US-Dollar auf ein Privatkonto des [4][heutigen
       Partei- und Staatschefs Tô Lâm] in der Schweiz geflossen sein. Eingesammelt
       hätte das Geld eine Verwandte eines Ex-Premiers, der 2016 zwar entmachtet,
       aber nicht verurteilt worden war. Seit einem Jahr ist er wieder
       gesellschaftsfähig.
       
       ## Gesetzesvorlage sieht Freikäufe vor
       
       Unabhängig lassen sich die mutmaßlichen Freikäufe nicht prüfen. Vietnams
       Botschaft in Berlin ließ eine taz-Anfrage unbeantwortet. Das für die
       Schweizer Bankenaufsicht zuständige Eidgenössische Justiz- und
       Polizeidepartement EJPD berief sich gegenüber der taz auf das
       Amtsgeheimnis.
       
       Allerdings berichtete eine zweite und von Thoibao.de unabhängige Quelle,
       die aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden kann, der taz, „dass
       Gefangenen, die wegen Wirtschaftsdelikten einsitzen, vor Monaten angeboten
       wurde, gegen Zahlung astronomischer Summen freizukommen.“ Angaben zur Höhe
       der Summen und wohin das Geld fließen sollte, konnte die zweite Quelle
       nicht machen.
       
       [5][Der in Berlin lebende Chefredakteur von Thoibao.de,] Trung Khoa Lê,
       sagt der taz: „Alle Videos von uns auf Facebook zu diesem Thema wurden von
       Facebook schon nach rund acht Stunden auf Verlangen der vietnamesischen
       Regierung in Vietnam gesperrt. Das ist ungewöhnlich schnell, normalerweise
       dauert das 24 bis 30 Stunden. Die Regierung muss bei Facebook eine
       besondere Eilbedürftigkeit geltend gemacht haben. Für mich ist das ein
       Indiz, dass ich in ein Wespennest gestochen habe.“
       
       An den Festnahmen und Verurteilungen der betroffenen Männer hatte der
       heutige Partei- und Staatschef Tô Lâm als damaliger Minister für
       öffentliche Sicherheit einen großen Anteil. Ließ er sie jetzt frei, um an
       ihrem Reichtum zu partizipieren? Braucht seine Regierung doch die Netzwerke
       der inhaftierten Ex-Wirtschaftskader? Oder bringt sie im Gegenteil ihre
       einstigen internen Gegner mit der korrupten Freilassung endgültig zum
       Schweigen, weil sie wissen, was ihnen sonst blüht?
       
       Laut [6][vietnamesischen Staatsmedien] legte das Ministerium für
       öffentliche Sicherheit diesen Monat einen Gesetzentwurf vor, wonach
       Personen, die zu einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren verurteilt
       wurden, gegen Geldzahlungen Bewährungsstrafen beantragen können. Die Höhe
       der Beträge soll ein Gericht festlegen.
       
       23 Jul 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marina Mai
       
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