# taz.de -- Vietnamesische Kultur: Mein kleiner roter Hocker des Widerstands
       
       > Vietnamesische Plastikhocker sind mehr als billige Sitzmöbel, sagt unsere
       > Autorin. Eine Liebeserklärung.
       
 (IMG) Bild: Die Straßen Vietnams sind geprägt von den Plastikhockern. Aber findet unsere Autorin auch einen in Deutschland?
       
       Sie sind barbiepink, babyrosa, royalblau und zwerggeckotürkis und überall
       in meiner Wohnung verteilt. Sie sind nützlich, um an höher gelegene Orte
       wie Regale zu kommen, oder um an einem niedrigen Tisch zu sitzen. Und doch
       stellen die kleinen Plastikhocker mich nicht vollkommen zufrieden. Denn ich
       bin auf der Suche nach dem perfekten kleinen Plastikhocker. Nach so einem,
       wie es ihn in Vietnam gibt.
       
       Unwissende irren, wenn sie behaupten, es gebe ihn in jedem Ramschladen oder
       Baumarkt. Zwar habe ich Alternativen gefunden, im Pferdebedarfsladen oder
       als Kindertritthocker deklariert. Doch entweder sind sie zu hoch, zu
       niedrig, zu schmal, zu breit oder zu flimsig. Und – ganz wichtig – sie sind
       eben nicht vietnamesisch. Ghế nhựa sind quadratisch, haben eine
       Zwischenstrebe für mehr Stabilität und die perfekte Höhe für meine
       durchschnittliche vietnamesische Beinlänge. Zudem suggeriert ihre Form ein
       Sitzmobiliar, anders als die Alternativen, die nun mal Tritthilfen sind und
       auch so aussehen.
       
       Chinesische Wir-haben-alles-Onlineshops liefern diese zwar, allerdings erst
       ab 100 Stück. Und natürlich habe ich Familienmenschen gefragt, ob sie mir
       ein oder zwei Ghế nhựa aus Vietnam mitbringen könnten. Die Straßen dort
       sind geprägt und übersät von den Plastikhockern, vor allem von den roten
       und blauen. Die Frage ist aber wohl so absurd, dass sie stets einfach
       unbeantwortet blieb. Denn so klein die Hocker sind, sind sie halt auch
       sperrig.
       
       Dabei kann mein Wunsch gar nicht so unmöglich zu erfüllen sein, gibt es
       doch heute nichts, was es nicht gibt. Ich begebe mich wieder auf die Suche,
       dieses Mal nach dem Ursprung dieses so ikonischen Möbelstücks. Die
       Journalistin Tam My hat die Geschichte in Vietcetera – einem Onlinemagazin,
       das Vietnam mit der Diaspora verbinden möchte und über kulturelle Phänomene
       berichtet – [1][mal zusammengefasst]. Demnach dienten ursprünglich
       handgefertigte Matten aus getrocknetem Schilfrohr namens chiếu als
       Unterlage zum Essen und Schlafen, für Zusammenkünfte oder den
       Straßenverkauf – solange der Boden weich genug war.
       
       Mit der Kolonialisierung durch Frankreich und der einhergehenden
       Urbanisierung wurden Straßen asphaltiert und unbequem. Vor allem im
       öffentlichen Raum wurden die Matten von kleinen Podesten und Bänken aus
       Bambus oder Holz abgelöst, die sich zwar schnell zimmern ließen, sich im
       alltäglichen Umgang aber als unpraktisch erwiesen. Denn sie sind schwer und
       nicht schnell fortzubewegen. Zudem ist es in Vietnam immer feucht und das
       mag Holz nicht.
       
       In den Jahren nach dem Ende des Vietnamkriegs und der Wiedervereinigung des
       Landes 1976 waren privater Handel und Kapitalerwerb durch die Regierung
       eingeschränkt. Doch wirtschaftliche Not machte erfinderisch, improvisierte
       Streetfood-Pop-up-Imbisse halfen den Menschen über die Runden.
       Wetterunfühlige, leichte und stapelbare Sitzmöglichkeiten waren in dieser
       Grauzone der Selbstständigkeit unverzichtbar. Auch nach der Liberalisierung
       von Vietnams Wirtschaft ab 1986 blieben sie [2][auf den Straßen des Landes]
       erhalten.
       
       In ihrer Anpassungsfähigkeit und Bodenständigkeit sind die Hocker für viele
       Vietnames*innen grundlegend von Bedeutung. Für mich symbolisieren sie
       die Widerstandsfähigkeit und die Erfindungsgabe der in Vietnam lebenden
       Menschen, die Regeln und Regulierungen trotzen. Gewissermaßen sind sie auch
       ein Stimulus für meine eigene Resilienz.
       
       Ich kontaktiere den US-amerikanischen Fotografen Jim Selkin, der immer
       wieder für einige Jahre in Sài Gòn lebt und für das Sài Gòn Times Weekly
       Magazine [3][eine Fotodokumentation über die Hocker] angefertigt hat. Er
       erzählt, er habe sich in Vietnam angewöhnt, mittags in ein Straßenlokal zu
       gehen und auch am Abend viele Stunden auf den Hockern zu verbringen.
       Anfangs konnte er kaum glauben, dass dies so lange möglich sei: „Doch
       sobald sich meine Oberschenkel daran gewöhnten und ich einen Weg gefunden
       hatte, meine Beine zu positionieren, war es kein Problem mehr.“ Für Selkin
       sind die Hocker „unverzichtbarer Bestandteil der vietnamesischen Kultur“,
       auch wenn er verstehen könne, dass die Regierung die Straßenlokale als
       chaotisch und als Beeinträchtigung des sowieso vollen Straßenbildes
       empfindet.
       
       ## 2026 startete Kampagne gegen Straßenlokale
       
       Vietnams Städte modernisieren sich schnell, Kontrollen und Maßnahmen für
       ein vermeintlich besseres Stadtbild nehmen zu. Anfang 2026 hat Sài Gòn eine
       großangelegte Kampagne gestartet, um mehr Platz auf den Gehwegen zu
       schaffen, unter anderem für Batteriewechselschränke für E-Motorroller.
       Dabei soll es vor allem denen an den Kragen gehen, die „Gehwege als
       Haupteinnahmequelle“ nutzen. Damit sind nicht Drogendealer gemeint, sondern
       die vielen kleinen Straßenstände mit den vielen kleinen Plastikhockern.
       
       Einige Zeit nachdem ich diesen Text abgegeben habe, bin ich zu Besuch in
       Berlin. Mein Bekannter schläft noch, mein Magen knurrt und ich sehne mich
       nach einem bestimmten Gericht – Cơm tấm –, also fahre ich spontan [4][ins
       Dong-Xuan-Center], eines größtenteils von Vietnames*innen betriebenen
       Großmarkts im Bezirk Lichtenberg. Direkt im ersten Laden – ich kann meinen
       Augen kaum glauben – stehen rote Ghế nhựa aufeinandergestapelt an der
       Kasse. Sie sind voller Haarschnipsel und werden wohl vom Friseursalon
       nebenan zum Schneiden verwendet, sind also eher nicht zum Verkauf gedacht.
       
       Ein paar Läden weiter stehen blaue Hocker weit oben auf einem Regal. Ich
       streune im Shop herum und bin dankbar, als mich der Mitarbeiter auf
       Vietnamesisch anspricht. Ich traue mich, frage. Er verkauft mir einen für 6
       Euro. Dann gehe ich zurück zum Laden mit den roten Hockern und bekomme
       einen für 5 Euro. Da ich vergessen habe, genug Bargeld abzuheben, muss ich
       auf das Reisgericht verzichten. Die Wonne ist aber sättigend genug.
       
       Mir ist bewusst, dass meine unvernünftige Sympathie für die kleinen Hocker
       Mitschuld trägt, dass [5][unsere Ozeane in Plastik versinken]. Doch: So
       leicht sie auch sind, für mich haben sie eine monumentale Tragkraft. Dafür
       verzichte ich erst einmal auf einen klimaschädlichen Flug nach Vietnam.
       
       1 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://vietcetera.com/en/a-brief-history-of-the-vietnamese-plastic-stool
 (DIR) [2] /Mode-in-Vietnam/!6097902
 (DIR) [3] https://www.jimselkin.com/the-versatile-plastic-stool/
 (DIR) [4] /Generationswechsel-im-Dong-Xuan-Center/!6020198
 (DIR) [5] /Tod-durch-Tetra-Pak-Deckel/!6130693
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Du Pham
       
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