# taz.de -- Transnationale Repression aus Vietnam: Einschüchterung mittels Urheberrecht
       
       > Vietnam geht wegen angeblicher Copyrightverletzungen weltweit gegen einen
       > Dokumentarfilm vor, der Staats- und Parteichef Tô Lâm kritisch
       > beleuchtet.
       
 (IMG) Bild: Diskussion nach der deutschen Uraufführung des Films in der taz am 26. Februar mit Regisseurin Laura Brickman (zweite von rechts)
       
       Der englischsprachige Dokumentarfilm „The General. Vietnam in the Age of To
       Lam“ der US-Regisseurin Laura Brickman darf laut der Regierung in Hanoi
       weltweit nicht gezeigt werden. Er beschreibt, wie sich Vietnam unter dem
       [1][Staats- und Parteichef Tô Lâm] immer weiter nach chinesischem Vorbild
       zu einem autoritären Staat entwickelt. Medien werden zensiert, Bürger
       werden überwacht, schikaniert und bei kleinsten Vergehen jahrelang
       inhaftiert.
       
       Berichtet wird auch über [2][die kriminelle Energie des autoritären
       Herrschers]. Er hatte laut Urteil des Berliner Kammergerichts 2017 als
       damaliger Sicherheitsminister Vietnams Geheimdienst mit der [3][Entführung
       des abtrünnigen Funktionärs Trinh Xuan Thanh von Berlin nach Hanoi]
       beauftragt. Dort wurde der Entführte zu zweimal lebenslänglicher Haft
       verurteilt. Da die Regisseurin sich derzeit mit dem Film bei Festivals
       bewirbt, läuft er noch nicht in Kinos. Es gibt aber bereits
       Einzelvorführungen, deren Veranstalter jetzt von Hanoi unter Druck gesetzt
       werden.
       
       Beispiel Thailand: Im März wollten Polizisten eine Vorführung in einem Club
       unterbinden. Laut Regisseurin Brickman behaupteten sie, der Film müsse erst
       vom thailändischen Kulturministerium geprüft werden. Nach Debatten hätte
       die Vorführung schließlich doch noch stattgefunden, so Brickman zur taz.
       Sie berichtet auch, dass ein im thailändischen Exil lebender Protagonist
       des Films wegen seiner Teilnahme daran von Auslieferung nach Vietnam
       bedroht ist. In Auslieferungshaft sei er von vietnamesischen Polizisten
       verhört worden. Seine in Vietnam lebende Mutter wurde wegen seiner
       Mitwirkung an dem Film von der Polizei bedroht. Brickman hat das
       UN-Flüchtlingshochkommissariat wie das EU-Parlament aufgefordert, sich für
       den Schutz des Mannes in Europa einzusetzen.
       
       Beispiel Deutschland. Die hiesige Erstaufführung fand Ende Februar in der
       taz-Kantine statt. Dabei wurde ein Vietnamese des Raumes verwiesen, der
       begonnen hatte, den Film heimlich mit seinem Handy mitzuschneiden. Zwei
       geplante Vorführungen durch den Bundesverband der vietnamesischen
       Flüchtlinge im April in Berlin und München wurden schon im Vorfeld gestört.
       
       ## Brief aus Hanoi schüchtert Berliner Kirchengemeinde ein
       
       Eine Kirchengemeinde in Berlin und der Stadtjugendring in München, die
       jeweils Räume zur Verfügung gestellt hatten, bekamen vorab drohende Post
       vom vietnamesischen Fernsehsender ANTV. Der untersteht dem dortigen
       Sicherheitsministerium. In einem der taz vorliegenden Brief wird behauptet,
       der Film verletze ANTVs Copyright, weil er „mehrfach urheberrechtlich
       geschütztes Material ohne Genehmigung“ verwende. Dies beträfe auch
       „Material, das in irreführender Weise bearbeitet, übersetzt und aus seinem
       ursprünglichen Kontext gelöst worden ist“.
       
       Der Sender drohte beim Zeigen des Films in Kenntnis der angeblichen
       Urheberrechtsverletzung zivilrechtliche Konsequenzen an, die teure
       Unterlassungsansprüche für die Vermieter der Räume nach sich ziehen
       könnten. In Berlin zog die Kirchengemeinde zunächst das Raumangebot zurück.
       Als sich der Kirchenkreis einschaltete, wurde der Raum wieder für ein
       Treffen ohne den Film zur Verfügung gestellt. Dem kam der vietnamesische
       Verband nach. Ihm zufolge kreiste dann aber ein mutmaßliches
       Botschaftsfahrzeug während der Veranstaltung um die kirchlichen Räume und
       filmte dabei.
       
       In München wurde der Film gezeigt. Die dortige Staatsanwaltschaft ermittelt
       aber in diesem Zusammenhang. Wegen laufender Ermittlungen, so Sprecher
       Florian Lindemann zur taz, könne er aber keine näheren Angaben machen. Die
       Staatsanwaltschaft könnte etwa gegen die vietnamesischen Offiziellen wegen
       transnationaler Repression ermitteln. Oder aber auf Antrag des
       vietnamesischen Senders wegen der Filmaufführung. Das Auswärtige Amt hat
       nach eigenen Angaben von dem Vorfall in München Kenntnis, von dem in Berlin
       nicht.
       
       Ähnliche Briefe bekamen laut Regisseurin Brickman auch ihre
       Filmproduktionsfirma in den USA sowie Universitäten und Kirchengemeinden in
       Kanada und Australien, die jeweils Räume für das Zeigen des Films zur
       Verfügung stellten. Der Berliner Presserechtler Raphael Thomas sagt der
       taz, dass nicht nur die Filmproduktionsfirmen für Urheberrechtsverletzungen
       zur Verantwortung gezogen werden können, sondern auch Vermieter von Räumen,
       „falls darin tatsächlich eine Urheberrechtsverletzung stattfinden sollte.“
       
       ## Regisseurin weist Urheberrechtsverletzungen zurück
       
       Diese bestreitet Regisseurin Brickman. „Alles sind entweder
       Originalaufnahmen oder sie wurden im Rahmen der zulässigen Nutzung
       verwendet.“ Sie sieht in der Aktion von ANTV einen Zensurversuch: „Die
       Vorwürfe der Urheberrechtsverletzung werden missbraucht, um Kinos
       einzuschüchtern, die den Dokumentarfilm zeigen – und das mit einigem
       Erfolg.“ Dies zeige, dass Vietnams Regime über einen kritischen Film über
       den autoritären Herrscher beunruhigt ist „und seine Bemühungen
       intensiviert, den Film zu stoppen – Bemühungen, die bereits während der
       Produktionsphase begannen“. Für ihre Arbeit, so Brickman, nehme sie das als
       Kompliment. ANTV ließ eine Anfrage der taz unbeantwortet.
       
       31 May 2026
       
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