# taz.de -- Klimakommunikation: Reframing allein löst nicht die Klimakrise
       
       > Dieselbe Debatte mit neuen Begriffen zu schmücken, reicht nicht. Es
       > braucht eine Politik, die nicht Wachstum, sondern ein gutes Leben aller
       > ins Zentrum stellt.
       
 (IMG) Bild: Schafe vor einer Solaranlage in Mecklenburg-Vorpommern
       
       Die Hitzewellen werden künftig noch extremer, werden jedoch Klimapolitik
       kaum aus der Defensive holen. Neue Leitbegriffe wie „Resilienz“ oder
       „Sicherheit“ eröffnen zwar Chancen – doch sie brauchen eine Politik, die
       das Wohlergehen der Menschen statt Wirtschaftswachstum zum Maßstab macht.
       
       Wie wir über Klimaschutz sprechen, ist zentral. Laut
       [1][Kognitionswissenschaft] beeinflussen gedankliche Deutungsrahmen,
       sogenannte Frames, worüber wir in Debatten nachdenken und was wir
       ausblenden.
       
       Jahrzehntelang haben fossile Konzerne mit Frames [2][Märchen] von der
       wissenschaftlichen Unsicherheit der Erderhitzung verbreitet, vermeintlich
       technische Lösung propagiert oder die „individuelle Verantwortung“. Dafür
       beauftragte der Ölkonzern BP sogar eine PR-Agentur, die den
       [3][CO₂-Fußabdruck] entwickelte. [4][Frank Luntz], damals Berater des
       US-Präsidenten George W. Bush, verbreitete erfolgreich den Begriff
       „Klimawandel“, um die Klimakatastrophe zu beschönigen.
       
       Klimabewegungen haben vielfach von „[5][Klimagerechtigkeit]“ gesprochen, um
       zu betonen, dass Verursachung und Betroffenheit der Klimakrise sehr
       ungleich verteilt sind. Im Zentrum der „Fridays“ stand jedoch häufig nur
       „Klimaschutz“ oder Generationengerechtigkeit, mit der Schüler:innen
       2018/19 immerhin authentisch mobilisieren konnten.
       
       „Akutere“ Krisen haben Klimapolitik von der Agenda verdrängt – Corona, der
       russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Vor allem die rechts-autoritären
       politischen Entwicklungen in den USA und Europa.
       
       ## Erneuerbare als „Freiheits- und Friedensenergien“?
       
       Inzwischen wird über politische Lager hinweg Klimaschutz – vor allem mit
       erneuerbaren Energien – mit ökonomischer „Resilienz“ und „geopolitischer
       Sicherheit“ begründet. Nach der russischen Vollinvasion in die Ukraine
       verkündete der damalige Finanzminister [6][Christian Lindner], erneuerbare
       seien „Freiheitsenergien“. Die Klimaaktivistin [7][Luisa Neubauer] sprach
       von „Friedensenergien“.
       
       [8][Manche] beklagen, der ökologische Umbau verliere seine moralische
       Sprache. Moralische Appelle schaden jedoch häufig eher – wie in der „Veggie
       Day“-Debatte, die [9][Boulevard-Medien] nutzten, um den Grünen das Image
       einer Verbotspartei anzuhängen. Viele außerhalb grüner Milieus verhalten
       sich durchaus ökologisch, wenn die Rahmenbedingungen stimmen: In Kopenhagen
       ist die Infrastruktur gut ausgebaut, [10][etwa die Hälfte] der Wege werden
       mit dem Fahrrad zurückgelegt. Es ist einfach schneller und bequemer –
       [11][nur 7 Prozent] führen Umweltschutz als Grund an.
       
       Das neue Klima-Framing bietet die Chance, außerhalb öko-sozialer Milieus
       anzuknüpfen. Den meisten Konservativen ist klar, dass wir energiepolitisch
       von fossil-autoritären Staaten unabhängig werden müssen. Aber lässt sich
       mit „geopolitischer Souveränität“ auch begründen, kein Gas aus Norwegen zu
       kaufen? Das Framing wird zum Problem, wenn wir nicht mehr darüber hinaus
       denken.
       
       Wir sprechen bei Resilienz gegen Hitzewellen in Städten zwar über Kühlräume
       und Wasserspender. Wir vergessen aber Maßnahmen, die die Krisenursachen
       bekämpfen. Anpassung ist nur begrenzt möglich. Für die Elektrifizierung
       werden seltene Erden und andere Ressourcen aus dem Globalen Süden abgebaut
       – teilweise zum Preis von [12][Naturzerstörung], Verschmutzung vor Ort und
       [13][Landvertreibungen] indigener Bevölkerungen.
       
       ## Elektrifizierung ist nicht gleich Klimaschutz
       
       Selbst wer sich nicht für diese Kehrseiten interessiert, steht vor diesem
       Kernproblem: Wir haben ein Wirtschaftssystem, das strukturell von einem
       steigenden Bruttoinlandsprodukt (BIP), sog. „Wirtschaftswachstum“, abhängig
       ist. [14][Historisch] ging das global mit mehr Emissionen, Energie- und
       Ressourcenverbrauch einher. Die Strategie, alles zu elektrifizieren, wird
       nicht funktionieren, wenn aufgrund von Wachstum die Bedarfe steigen. Dabei
       müssen rechtzeitig Emissionen und Ressourcenverbrauch gesenkt werden, um
       unwiderrufliche ökologische [15][Kipppunkte] zu verhindern.
       
       Befürworter:innen von [16][grünem Wachstum] argumentieren zwar, Europa
       sei es gelungen, trotz Wachstum Emissionen und Ressourcenverbrauch stark zu
       senken. Ein Großteil der hier konsumierten Waren werden jedoch in Asien
       produziert – und in vielen [17][Statistiken] dort angerechnet. Selbst die
       11 Länder mit der stärksten CO₂-Reduktion weltweit [18][tun viel zu wenig]
       im Hinblick auf das Pariser Klimaabkommen – für „grünes Wachstum“ gibt es
       bisher keine wissenschaftliche Evidenz.
       
       Niemand fordert jedoch chaotisches Schrumpfen, wie bisweilen unterstellt
       wird. Das Wirtschaftssystem kann aber [19][unabhängig vom BIP-Wachstum]
       werden, etwa indem [20][Sozialversicherungssysteme] anders finanziert
       werden: Statt Arbeit könnten hohe Vermögen, Immobilien und
       Ressourcenverbrauch stärker besteuert werden. Das Ziel ist, Emissionen,
       Energie- und Ressourcenverbrauch zu senken.
       
       Mit den entsprechenden Maßnahmen ist es egal, ob als Nebeneffekt das BIP
       sinkt. Es müssen die richtigen Bereiche der Wirtschaft wachsen – nicht die
       Wirtschaft als Ganzes. Ressourcen sollten dafür genutzt werden, die
       Grundversorgung für alle bereitzustellen – statt exzessiv in Luxusbereichen
       überwiegend von Reichen verbraucht zu werden.
       
       Daher sind öffentliche Dienstleistungen wichtig – kostenlose Kita-Plätze,
       bezahlbares Wohnen, ausgebauter Nahverkehr. Eine Jobgarantie kann
       Arbeitskräfte zu sinnvollen Bereichen umlenken. Das Ganze wird auch als
       [21][Postwachstum] diskutiert. Zunehmend wird auch von
       [22][Alltagsökonomie] oder [23][antifaschistischer Wirtschaftspolitik]
       gesprochen, weil materielle Abstiegsängste den Rechtsextremen nutzen.
       
       Die aktuelle Sparpolitik der Bundesregierung verfolgt das Gegenteil und ist
       ein Konjunkturprogramm für die AfD. Dabei können mit dem Fokus auf soziale
       Bedürfnisse Wahlen gewonnen werden – das hat [24][Zohran Mamdani], der
       Bürgermeister von New York, gezeigt.
       
       Alltagsökonomie und ökologisches Framing können kombiniert werden.
       „Resilienz“ und „Sicherheit“ zusätzlich Mehrheiten schaffen. Die
       Wachstumsstrategien hinter den Framings können ihre Versprechen jedoch
       nicht einlösen. Wenn wir ökologische Schäden und soziale Verwerfungen
       auslagern, kommen sie wie ein Bumerang zurück. Wenn wir für unsere
       geopolitische Souveränität die Axt am Sozialen anlegen, gewinnt am Ende die
       AfD – und wir verlieren auch unsere Sicherheit.
       
       24 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/17524030903529749#d1e206
 (DIR) [2] https://doi.org/10.1016/j.oneear.2021.04.014
 (DIR) [3] https://www.btlt.org/wp-content/uploads/2021/12/Opinion-_-Worrying-About-Your-Carbon-Footprint-Is-Exactly-What-Big-Oil-Wants-You-to-Do-The-New-York-Times.pdf
 (DIR) [4] https://goodtimesweb.org/industrial-policy/2014/02-6.pdf
 (DIR) [5] https://publications.iass-potsdam.de/rest/items/item_6001305_2/component/file_6001306/content
 (DIR) [6] https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/rede-des-bundesministers-der-finanzen-christian-lindner--2008596
 (DIR) [7] https://www.oldenburger-onlinezeitung.de/nachrichten/aktivistin-neubauer-erneuerbare-energien-sind-friedensenergien-81420.html
 (DIR) [8] https://makroskop.eu/182026/okologische-transformation-von-grun-zu-camouflage/
 (DIR) [9] https://www.bild.de/politik/inland/vegetarisch/gruene-wollen-einmal-die-woche-in-kantinen-fleisch-verbieten-31661266.bild.html
 (DIR) [10] https://www.visitdenmark.com/press/latest-news/facts-and-figures-cycling-denmark
 (DIR) [11] https://de.scribd.com/document/787422925/copenhagen-city-of-cyclists-facts-figures-2017-2268
 (DIR) [12] https://journals.riverpublishers.com/index.php/SPEE/article/view/24789
 (DIR) [13] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0959378020301424
 (DIR) [14] https://doi.org/10.1038/s41467-025-58777-4
 (DIR) [15] https://www.pik-potsdam.de/de/produkte/infothek/kippelemente/kippelemente
 (DIR) [16] https://www.resourcepanel.org/reports/decoupling-natural-resource-use-and-environmental-impacts-economic-growth
 (DIR) [17] https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/images/e/ea/Changes_of_DMC_and_GDP_by_country,_2000-2019.png
 (DIR) [18] https://www.thelancet.com/journals/lanplh/article/PIIS2542-5196(23)00174-2/fulltext
 (DIR) [19] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921800925002289
 (DIR) [20] https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/14680181211019153
 (DIR) [21] https://www.thelancet.com/action/showPdf?pii=S2542-5196(24)00310-3
 (DIR) [22] https://www.exploring-economics.org/de/entdecken/die-alltagsoekonomie-fuer-ein-gutes-leben/
 (DIR) [23] https://www.surplusmagazin.de/weber-antifaschistische-wirtschaftspolitik-wahl/
 (DIR) [24] https://www.counterpunch.org/2025/09/19/how-zohran-mamdanis-video-team-reinvented-the-visual-art-of-political-conversation-and-storytelling/
       
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