# taz.de -- Graphic Novel zur Sportgeschichte: Kicker, Kolonien, Klassen
> Fußball kann schöner sein als die vergangene WM. Eine Graphic Novel zeigt
> die Geschichte und die Kraft dieses subversiven und rebellischen Sports.
(IMG) Bild: Ein fast vergessener Boykott: Die WM 1966 fand ohne afrikanische Teams statt
Es beginnt nicht mit dem Fußball, sondern mit dem, was diesen Sport groß
gemacht hat: dem Reden über Fußball. Auf einer der ersten Seiten dieser
französischen Graphic Novel sitzen Menschen in einem Café und unterhalten
sich über all die Missstände, die der Fußball, den sie doch so sehr lieben,
ausmacht.
„Es würde sich lohnen, all das zu erzählen, findest du nicht?“, sagt
irgendwann ein Mann, als schon diese Themen dran waren:
Menschenrechtsverletzungen auf Stadionbaustellen in [1][Katar], die
Skandal-WM [2][1978] in Argentinien, der Ausschluss von Frauen, die
Kommerzialisierung und wo sie herkommt.
Das zu erzählen, lohnt tatsächlich. Und „Eine kurze Geschichte des
Fußballs“, so der Titel der Graphic Novel, geht tatsächlich sehr gut in die
Tiefe. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ihm ein sehr gut recherchiertes
Buch zugrunde liegt, das – anders als der Comic – leider nicht auf Deutsch
vorliegt. „[3][Une histoire populaire du football]“ (2018) heißt es im
Original, die englische Übersetzung lautet „[4][A People’s History of
Football]“ (2023), und Autor ist der französische Journalist Mickaël
Correia.
In der Graphic Novel geht es – wie auch schon im Sachbuch – um all das, was
den Fußball eben nicht zur „Nebensache“, sondern zum gesellschaftlichen
Faszinosum macht: um Kämpfe um Teilhabe, die Arbeiter und Frauen geführt
haben – und führen; um Fußballspiele als Inszenierungen (und mehr als das)
von Klassenkämpfen; um die Bedeutung, die der Fußball beim Kampf gegen
Diktaturen hat, sei es gegen das franquistische Spanien oder das
faschistische Italien, sei es die [5][„Democracia Corinthiana“] im
Brasilien der frühen 1980er; um Kämpfe gegen Kolonialmächte, die teils den
Fußball mitbrachten und teils den Fußball verboten (manchmal beides
zugleich).
## Die große Palette der Fußballthemen
Anders als das Sachbuch bleibt die Graphic Novel oft chronologisch, was den
Erzählstrang erleichtert. Es beginnt also mit dem wilden Folk Football auf
britischen Wiesen, wo nicht selten Kirchenportale als Tore fungierten. Die
Anfänge des Fußballs als Regelsport in Rugby werden uns zeichnerisch
nahegebracht, und auch dass das eine Gründung von oben war, von den
gesellschaftlichen Eliten. Die Working Class im englischen Norden musste
sich den Zugang erkämpfen.
Ähnlich eindringlich werden die [6][Anfänge des Frauenfußballs], zunächst
von Arbeiterinnen in englischen Munitionsfabriken, die während des Ersten
Weltkriegs die Männer in der Produktion und auf dem Fußballfeld ersetzen
sollten, beschrieben. Als sie zu gut wurden, folgte das Verbot. Um es zu
umgehen, wurden eigene Verbände gegründet, und es wurde auf Profisport
gesetzt. Auch Themen wie Fußball in NS-Deutschland – nämlich als Feld, das
vom System beherrscht wurde, und auch als Feld, auf dem Widerstand
geleistet wurde – wird behandelt.
Die Fußballgeschichte, deren ärgstes Ärgernis sein dürfte, dass sie von
Fifa, DFB und anderen so erfolgreich entpolitisiert wurde, wird hier in
ihrer ganzen Vielfalt präsentiert. Weil Fußball ja etwas Ästhetisches ist,
liegt die gewählte Form der gezeichneten Geschichte nahe. Es gelingt. Kurz
gesagt: Hier treffen sich die sehr gute Recherche des Sachbuchs und die
überzeugende künstlerische Präsentation, dazu noch gut übersetzt.
24 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Fifa/!6189816
(DIR) [2] /Fussball-WM-1978-in-Argentinien/!5038099
(DIR) [3] https://www.editionsladecouverte.fr/une_histoire_populaire_du_football-9782707189592
(DIR) [4] https://www.plutobooks.com/product/a-peoples-history-of-football/
(DIR) [5] /Brasilianische-Fans-im-Widerstand/!5686498
(DIR) [6] /Geschichte-des-Fussballs-im-EM-Land/!5862374
## AUTOREN
(DIR) Martin Krauss
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