# taz.de -- Vor dem Halbfinale Argentinien–England: „Das hier war die Rache“
> Zwei Weltmeisterschaften, ein Krieg: Diese historischen Momente 1966,
> 1982 und 1986 machten aus einer sportlichen Rivalität einen politischen
> Mythos.
(IMG) Bild: In Monte di Procida in Neapel wird Diego Maradonas „Hand Gottes“ mit einer Statue verehrt
Das für Mittwochabend angekündigte Spektakel wird Antonio Rattín nicht mehr
erleben. 1986 war er Zuschauer, 1966 wichtigster Akteur, aber vor wenigen
Tagen, am 11. Juli 2026, ist der frühere Kapitän der argentinischen
Nationalmannschaft verstorben.
1966, das war das erste WM-Viertelfinale zwischen der [1][Albiceleste] und
den englischen Three Lions. Aus häufig geäußerter argentinischer Sicht war
das Spiel „el robo del siglo“, der Raub des Jahrhunderts. 1986, das war das
zweite WM-Viertelfinale zwischen den beiden Ländern – mit der [2][„Hand
Gottes“], Jahrhunderttor und, wiederum aus argentinischer Sicht, die große
Revanche.
An diesem 22. Juni 1986 in Mexiko sorgte [3][Diego Armando Maradona] für
die vielleicht spektakulärsten und politischsten vier Minuten, die der
Fußball bis dahin und seither erlebt hatte. In der 51. Minute erzielte er
das 1:0 mit der, wie es mittlerweile allüberall heißt, „Hand Gottes“. In
der 54. Minute schoss er das 2:0 – nach einem elektrisierenden Sololauf,
der 2002 zum „WM-Tor des Jahrhunderts“ gewählt wurde. Das Spiel endete
letztlich 2:1 für Argentinien.
Maradona schrieb später: „Es ist, als hätten wir ein Land besiegt, nicht
nur eine Fußballmannschaft.“ Hintergrund war der vier Jahre zuvor
ausgetragene Krieg um die – englisch ausgedrückt – [4][Falklandinseln] oder
– spanisch formuliert – Malvinas. Im April 1982 hatte argentinisches
Militär die Inseln, die seit den 1830er-Jahren zum Vereinigten Königreich
gezählt wurden, besetzt. Doch die britische Armee eroberte sie zurück.
Beinah 1.000 Tote waren in diesem Krieg zu beklagen. Im Juni 1982 war er zu
Ende. In Argentinien wurde die Niederlage als koloniale Demütigung
wahrgenommen. Maradona: „Obwohl wir vor dem Spiel gesagt hatten, dass
Fußball nichts mit dem Malwinenkrieg zu tun hat, wussten wir, dass sie dort
viele argentinische Jungen getötet hatten – getötet wie kleine Vögel. Und
das hier war die Rache.“
## „Engländern die Brieftasche gestohlen“
In der 51. Minute tauchte Maradona vor Englands Torwart Peter Shilton auf
und sprang hoch: 1:0. Der Schiedsrichter sah das offensichtliche Handspiel
nicht. Sehr wohl bemerkte es Víctor Hugo Morales, der argentinische
Fernsehkommentator: „Der Treffer wurde mit der Hand erzielt, dass kann ich
zweifelsfrei festhalten, aber ich will Ihnen auch sagen, was ich denke:
Argentinien gewinnt 1:0 – und Gott möge mir verzeihen -, aber das 1:0 gegen
England, durch ein Handspiel … Was soll ich dazu noch sagen?“
Die diebische Freude des Mannes ist nicht ohne Grund. Der argentinische
Schriftsteller Mariano Siskind glaubt, dass dieses Tor „Maradonas
Vermächtnis als mythische Figur in der Dritten Welt und dem Globalen Süden
begründet“. In Europa und den USA halte man das Handspiel für Betrug, „aber
in Lateinamerika, Afrika und der Dritten Welt betrachten sie es als eine
Form, eine ehemalige Kolonialmacht zu demütigen, und als ultimativen
Ausdruck von Gerissenheit oder Schläue“. Maradona selbst sagte etwas
Ähnliches. „Manchmal denke ich, dass mir das Tor mit der Hand lieber war“,
schreibt er in seiner Autobiografie. „Es war ein bisschen so, als hätte man
den Engländern die Brieftasche gestohlen.“
In einer Studie zur gesellschaftlichen Bedeutung Maradonas heißt es, dass
nicht nur das Tor mit der Hand von solch [5][enormer Bedeutung] war,
sondern auch das vier Minuten später folgende 2:0. Erst beide Treffer
zusammengenommen hätten Maradona zu einem „globalen Symbol des
antikolonialen Kampfes“ gemacht.
## Durch die Gegner hindurch
In der 54. Minute war Maradona in der eigenen Hälfte mit dem Ball
gestartet, spielte einen englischen Spieler nach dem anderen aus und lief
dabei dennoch fast direkt auf das englische Tor zu. Nicht einmal das
Sprachbild von den Slalomstangen passt: Er ist quasi durch sie
durchgelaufen. Als Maradona zuletzt auch Shilton ausgespielt hatte,
spitzelte er den Ball ins Tor.
Sogar BBC-Kommentator Barry Davies, der vier Minuten zuvor noch wegen des
Handspiels empört war, rief aus: „Oh! Das war einfach großartig, das muss
man zugeben. Gegen dieses Tor gibt es nichts zu sagen. Das war reines
fußballerisches Genie.“ Am deutschen Kommentatorenplatz fiel Experte Otto
Rehhagel spontan nur ein Wort ein: „Weltklasse“. Und Englands Stürmer Gary
Lineker sagte später: „Mein Gott! Was für ein Tor! Ich sollte applaudieren.
Er hat sich gegen all diese Spieler durchgesetzt.“ Der irische
Rechtswissenschaftler John Taylor schrieb 2020 in einem Maradona-Nachruf:
„Die europäischen Imperien basierten auf der heuchlerischen Verknüpfung von
roher Gewalt und Rechtsstaatlichkeit. An diesem Tag hat Maradona beides
beendet.“
Auch beim Viertelfinale 1966 spielten die Falklands/Malwinen eine Rolle.
„Erst haben sie uns die Malwinen gestohlen und nun rauben sie noch den
World Cup“, titelte das argentinische Boulevardblatt Cronica. Die Zeitung
hatte sogar ein kleines Team losgeschickt, um die argentinische Flagge auf
einem Felsen vor den Inseln zu hissen.
Auch der englische Fußballhistoriker David Goldblatt ordnet das Spiel als
postkoloniale Auseinandersetzung ein. Die WM 1966 in England habe viele
solche Momente gehabt, die als Ressentiment gegen Lateinamerika verstanden
werden könnten: ungeahndete Fouls gegen den Brasilianer Pelé etwa oder
viele Platzverweise gegen südamerikanische Teams, darunter zwei sehr
umstrittene im Viertelfinale Deutschland gegen Uruguay. „All dies nährte
den Verdacht einer stillschweigenden Verschwörung“, so Goldblatt.
## Die Erfindung der Roten Karte
Das Viertelfinale eskalierte schon in der 35. Minute. Da wollte der
deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein den argentinischen Kapitän Antonio
Rattín wegen dessen aggressiven Verhaltens vom Platz stellen. Doch
Kreitlein sprach kein Spanisch, Rattín kein Englisch, und der Argentinier
verlangte einen Dolmetscher. Acht Minuten wurde gestritten, Rattín musste
letztlich von Polizisten vom Platz geführt werden. Das Spiel endete 1:0 für
England – durch ein abseitsverdächtiges Tor von Geoff Hurst. Unmittelbar
nach dem Spiel entwickelte Kreitlein gemeinsam mit einem englischen
Schiedsrichter das Konzept der Roten und Gelben Karte.
Auch Goldblatt sieht die Albiceleste als „moralischen Sieger“ dieses
Viertelfinales. Ähnlich urteilten internationale Medien. „Bevorzugung für
die englische Mannschaft“, schrieb etwa der italienische Il Messagero. In
England wurde anders geurteilt. Der Sunday Mirror verbreitete, die
Argentinier „gehorchten dem Gesetz des Dschungels“, und auch
Three-Lions-Trainer Alf Ramsey packte dumpfen Rassismus aus: „Unseren
besten Fußball werden wir gegen die richtige Art von Gegner zeigen – eine
Mannschaft, die kommt, um Fußball zu spielen und sich nicht wie Tiere
aufführt.“
Das Viertelfinale 1966 gehört zur Vorgeschichte des Viertelfinales 1986
genauso wie der Falkland/Malwinenkrieg. Und alles zusammen bildet die
Vorgeschichte des nun anstehenden Halbfinales zwischen England und
Argentinien am Mittwoch in Atlanta, auch wenn die heutige Mannschaft und
ihr Trainer [6][nichts davon hören wollen]. Aber rein sportlich gilt auch
dies: England wurde 1966 Weltmeister, Argentinien 1986. Wer dieses Spiel
gewinnt, holt sich wohl den Titel.
15 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Martin Krauss
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