# taz.de -- Bundeswehr-Serie „Generation Wehrdienst“: Sehnsucht nach der Unfreiheit
       
       > Mit staatlichem Millionenetat produziert die Bundeswehr eine
       > Propaganda-Serie. Das Ergebnis ist geeignet, junge Menschen vom Militär
       > abzuschrecken.
       
 (IMG) Bild: Szene aus der Bundeswehr-Serie „Generation Wehrdienst“
       
       Es ist ein miserabler Alltag: frühmorgens von aggressiven Männern mit
       geleckten Nazi-Frisuren aufgeweckt werden. Sie kontrollieren, ob das Bett
       makellos gemacht ist. Auch die Rasur wird überprüft. Dann Maßregelung, wenn
       die Decke Falten wirft oder ein Stoppel am Hals übersehen wurde. Fades
       Kantinenessen, das die Rekruten auch noch selbst zahlen müssen. Sport auf
       dem trostlosen Kasernengelände. Schießtraining mit schweren
       Tötungsmaschinen.
       
       Am Ende des Tages bleibt lediglich der Stolz darauf, ihn überstanden zu
       haben. Aber der Schmerz soll es wert sein. Dabei werden diejenigen, die
       durchhalten, hier im Kern auf eines vorbereitet: für ihren Staat zu sterben
       oder zu töten.
       
       Den Militäralltag nachsehen kann man nicht etwa in einem
       Investigativformat, das abschreckend zeigen will, was bei den deutschen
       Streitkräften vor sich geht. Sondern in der neuen Bundeswehrserie
       „Generation Wehrdienst“: Sie besteht aus acht Folgen, die fünf Rekrut_innen
       bei ihrer Grundausbildung begleiten.
       
       Der Werbeetat der Bundeswehr liegt 2026 bei 70,6 Millionen Euro, ungefähr
       doppelt so viel wie noch 2022 – eine Menge Geld für staatliche Propaganda.
       Umso beeindruckender ist es, dass damit ausgerechnet ein Produkt entstanden
       ist, das eigentlich jede Person, die nicht völlig untertan ist, von der
       Grundausbildung abschrecken und zum lokalen Schulstreik gegen die
       Wehrpflicht treiben sollte.
       
       ## Nichts zu lachen
       
       „Ich will Disziplin lernen“, sagt David, ein Rekrut, den die Serie
       begleitet. Dieser Wunsch wird bei der Bundeswehr erfüllt, denn es gibt im
       Grunde für alles eine Regel: wie man zu stehen hat, wie man zu sprechen hat
       – etwa, indem man „ja“ durch „jawohl“ und „zwei“ durch „zwo“ ersetzt –, wie
       das Zimmer auszusehen hat, wie man sich zu rasieren, wie man zu blicken und
       die Hände hinter dem Rücken zu halten hat. Auch, dass man nichts zu lachen
       hat.
       
       Zusammenhalt, mehr Selbstbewusstsein und Kameradschaft, erhoffen sich
       andere Rekrut:innen von ihrer Grundausbildung. Ahmad erklärt, dass ihm
       der Zugang zu dem Beruf, den er erlernen wollte, mit seinem Abschluss
       verschlossen blieb. Deswegen ging er den Weg über die Bundeswehr. Auch
       David sei schulisch nicht begabt gewesen, sagt er. Natürlich wirkt die
       Bundeswehr da wie eine Chance.
       
       Dass ein stärker werdender ökonomischer Druck junge Menschen zukünftig an
       die Waffe drängen wird, ist offensichtlich. Und selbst wenn die
       Rekrut:innen in der Serie freiwillig da sind: Auch sie nennen gute
       Vergütung und kostenloses Bahnfahren als Gründe für die Bundeswehr.
       
       Doch dieses eine Wort, die Sehnsucht nach dem einen Wesenszug, hört man
       über die Episode hinweg immer wieder: Disziplin. Es fällt schwer, dabei
       nicht an Erich Fromm zu denken, der 1941 in „Die Furcht vor der Freiheit“
       zu erklären versuchte, warum eine Gesellschaft dem Autoritarismus und dem
       Faschismus verfällt. Darin kommt er zu dem Schluss, dass all die
       „Freiheiten zu“, die dem Individuum in einer modernen Gesellschaft
       offenstehen, es überfordern und ohnmächtig fühlen lassen – bis „Freiheiten
       von“ als Fluchtmechanismen an deren Stelle treten wollen.
       
       ## „Warum mache ich das?“
       
       Ja, die Rekrut_innen sind frei: frei davon, eigenständige Entscheidungen zu
       treffen. Frei davon, auf Augenhöhe mit ihren Vorgesetzten zu sprechen. „Ich
       hab’ Angst vor dem“, sagt Ahmad über einen Offizier – der Mann hat weite,
       eisblaue Augen und kurzgeschorene Seiten. Er raunt Ahmad an, obwohl er nur
       höflich gefragt hatte, ob er sein Handy im Spind einschließen solle. Sie
       sind frei davon, ihren Tag zu gestalten, wie es ihnen beliebt. Frei davon,
       infrage zu stellen, was ihnen dort beigebracht und befohlen wird.
       
       Ganz stimmt der letzte Satz nicht: Es gibt immer wieder beeindruckende
       Momente in der Serie, die zeigen, dass die jungen Menschen dort vernünftig
       und ihre Gedanken noch nicht ganz von der militaristischen Ideologie
       eingenommen sind. „Warum mache ich das?“, fragen sie dann zum Beispiel.
       Oder sie sagen, dass sie hätten weinen können, als ihnen befohlen wurde,
       ihren mickrigen Bart vollständig abzurasieren. Oder dass der Alltag und die
       Vorgesetzten eigentlich nur schlimm seien, dass es schlimmer kaum mehr
       werden könne. Dass sie aufgeben und nach Hause wollen.
       
       Doch solche Fünkchen Vernunft sind genauso schnell erlöscht, wie sie
       aufleuchten. Die Offiziere hätten recht, wenn sie herumbrüllen, heißt es,
       schließlich ginge es nicht immer auf die bequem Art: „Die machen das, damit
       wir das lernen.“ Diese Rechtfertigungen beweisen, dass die Ausbildung
       Früchte trägt.
       
       Abgesehen von geschmeidigen Kamerafahrten über Gewehre, die wie
       deplatzierte Werbespots ins Schießtraining geschnitten sind, ist der
       Kasernenalltag auch ästhetisch vor allem lieblos, grau und kühl.
       Dankenswerterweise wird in keiner Episode auch nur im Geringsten zu
       verheimlichen versucht, welche Erniedrigung die Rekrut:innen erleben,
       sodass junge Zuschauer_innen hoffentlich nicht auf die Idee kommen, es
       ihnen freiwillig gleichzutun.
       
       „Generation Wehrdienst“ zeigt erstaunlich ehrlich, dass die Bundeswehr kein
       gewöhnlicher Arbeitsplatz ist. Noch mehr als jeder andere bringt er
       Unterordnung und Hierarchien bei. Wenn es darum geht, den Staat zu
       verteidigen, sind und bleiben kritische Gedanken unnütz – also, für den
       Staat.
       
       4 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Valérie Catil
       
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