# taz.de -- Anonymität in der Großstadt: Nachbarschaft zum Selbermachen
> Das Projekt Gemeinsam Kiez zeigt Berliner*innen, wie sie
> Nachbarschaftsgruppen aufbauen können. Die können bei Einsamkeit helfen –
> und extremer Hitze.
(IMG) Bild: Zusammen macht es mehr Spaß: Freiwillige sammeln im Rahmen einer Aufräum-Aktion Müll von der Straße
Das große Hitze-Wochenende steckt einigen offensichtlich auch Wochen später
noch in den Knochen. „Ich frage mich, wie wir einander besser unterstützen
können. [1][Ob es Menschen in meiner Nachbarschaft gibt, auf die wir bei
solchen Extremtemperaturen achtgeben müssen]“, sagt eine junge Frau. Sie
ist vor einem Jahr nach Berlin gezogen und kennt bisher eigentlich
niemanden aus ihrem Haus, wie sie erzählt. „Ich wünsche mir mehr Kontakte
in meinem direkten Umfeld“, sagt sie. Auch, weil ihre Freund*innen über
die Stadt verteilt wohnten, und oft fehle ihr die Kraft, am Abend noch eine
Dreiviertelstunde zu fahren, um sich zu verabreden. Deshalb sitzt sie nun
an einem Samstagnachmittag in einem Workshop, um genau das zu lernen: Eine
lebendige Nachbarschaft selbst aufzubauen.
Wie so etwas gehen kann, das erklärt Lou Rosenkranz, Leiterin des Projekts
[2][Gemeinsam Kiez]. Sie will den etwa 10 Teilnehmer*innen, vor allem
Frauen, mit dem Workshop konkrete Methoden an die Hand geben, mit denen
diese die Nachbarschaft aktivieren können. Etwa Haustürgespräche, die sie
als ersten Schritt vorschlägt. „Am besten legt ihr einen Termin in zwei bis
drei Wochen fest, klingelt an den Türen im Haus oder auch in den
Nachbarhäusern und sagt, dass ihr euch gern vernetzen möchtet und ladet zu
einem ersten Treffen ein“, sagt sie. Sie empfiehlt, Infos zu Ort, Zeit und
Datum auf einer Postkarte mitzubringen. „Es hilft, verbindliche Zusagen
einzuholen.“
Wer an etwa 35 Haustüren klingele, bekäme erfahrungsgemäß auch fünf bis
sieben Zusagen, erzählt Rosenkranz und könne damit schon loslegen. Das
Projekt orientiert sich an Gruppen in den USA, die etwa in dem Programm
„Cool Block“ [3][Methoden des Community Building] schon länger
ausprobieren. Neben den Haustürgesprächen nennt Rosenkranz auch
Wohnzimmertreffen. „Wenn ihr zu euch einladet, gebt ihr einen großen
Vertrauensvorschuss. Und das wirkt, das ist nicht zu unterschätzen“, sagt
sie. Aber natürlich sei es auch denkbar, an einen neutraleren Ort
einzuladen.
Unter den Teilnehmer*innen sind viele, die sich mehr Gemeinschaft
wünschen, mehr bekannte Gesichter und alltäglichen Austausch in der
anonymen Großstadt. Eine etwas ältere Teilnehmerin würde gern das Hoffest
in ihrem Häuserblock neu aufleben lassen. „Das letzte hatten wir vor sieben
Jahren und einige erzählen immer noch begeistert davon. Trotzdem kam es
seitdem nicht mehr zustande“, erzählt sie. „Ich fände es schön, wenn wir
einfach mehr miteinander reden und nicht einfach stumm aneinander
vorbeilaufen“, sagt eine andere. Eine Dritte berichtet, wie berührt sie
war, als letztens jemand aus dem Haus bei ihr geklopft und ein paar Crêpes
vorbeigebracht habe. Doch im Workshop äußern einige Teilnehmer*innen
auch die Sorge, dass Nachbar*innen zu anhänglich werden könnten, wenn
sie so offensiv auf sie zugehen.
## Klare Grenzen setzen
Die Workshopleiterin empfiehlt, in solchen Fällen klare Grenzen zu setzen
und deutlich zu sagen, wozu so ein Treffen dienen soll. Gleichzeitig sei es
gut, eine Gruppe thematisch sehr offen zu gestalten und zuzulassen, dass
sie zu einer gemeinsamen Sache wird und nicht einem eigenen Projekt. „Leute
aus anderen Bubbles fühlen sich vielleicht von anderen Dingen abgeholt als
ihr“, sagt Rosenkranz. „Manche haben anfangs gedacht, dass sie gemeinsam
Gärtnern könnten. Aber die Gruppe hat sich dann zum Beispiel mehr für
Müllsammeln interessiert“, erzählt sie. Sie hätten nun schon mehrfach in
der Straße gemeinsam aufgeräumt und Dreck entfernt. Und die Erfahrung zeige
auch: „Wenn Nachbar*innen euch draußen dabei sehen, fragen sie oft, ob
sie auch mitmachen können.“
Solche Gruppen hätten viele positive Effekte. „Starke, lebendige
Nachbarschaften machen Städte und auch Gesellschaften widerstandsfähiger“,
sagt Rosenkranz. Denn die Nachbar*innen seien vor allem in Krisen immens
wichtig. „Im Zweifel kann es entscheidender sein, die Telefonnummer von
einem Nachbarn zu haben als einen Vorrat an Dosensuppen“, sagt sie. Eine
aktive Nachbarschaftsgruppe helfe auch gegen Gefühle von Einsamkeit und
gegen Pessimismus, und damit präventiv auch gegen den Rechtsruck.
„Studien zeigen: Wer selbst handelt, blickt auch optimistischer in die
Welt“, sagt sie, nach dem Motto „machen statt meckern“. Zudem sei die
Nachbarschaft ein Ort, an dem man mit Menschen in Kontakt komme, die
vielleicht ganz andere politische Meinungen hätten als man selbst.
## Monatliche Stammtischtreffen
Gemeinsam Kiez gehört zum [4][Verein Plan B 2030.] Der hatte sich 2023 als
Netzwerk gegründet. Nachdem der [5][Klimaentscheid in Berlin gescheitert]
war, ist es ihr Ziel, die Ideen des Klimaentscheids an anderer Stelle
weiterzutragen. Auch mit Gemeinsam Kiez wollen sie Berlin „krisensicher,
sozial und klimaneutral“ machen. Der Bezirk Neukölln fördert sie aktuell
für ein Projekt im Körnerkiez. Inzwischen seien bereits 21
Nachbarschaftsgruppen entstanden, der Verein macht regelmäßig Workshops, um
„Türöffner*innen“ zu schulen. Alle, die an den Workshops teilgenommen
haben, lädt Rosenkranz zu monatlichen Stammtischtreffen ein. Bei den
Treffen geht es auch darum, die Teilnehmer*innen dazu zu motivieren,
dranzubleiben.
Im Workshop üben die Teilnehmer*innen in Zweierteams selbst schon mal
ein Haustürgespräch. Rosenkranz verteilt außerdem noch Karten mit Ideen für
gemeinsame Tätigkeiten oder Anliegen, wenn es dann zum Treffen kommt. Die
Nachbar*innen könnten etwa Tipps austauschen, um Wasser zu sparen, und
Regenwasser auffangen, zusammen Bäume gießen, sich treffen, um gemeinsam
wichtige eigene Dokumente zu digitalisieren oder ein Picknick auf der
Straße zu organisieren.
Eine Teilnehmerin nimmt sich fest vor, die Haustürgespräche auch
tatsächlich auszuprobieren. „Wir sind mehrere Generationen im Haus und ich
habe das Gefühl, dass viele sich nach mehr Kontakten sehnen. Aber irgendwie
läuft man immer aneinander vorbei“, sagt sie. Sie will den Workshop auch
ihrer Mutter weiterempfehlen, „das wäre genau das richtige für sie“, meint
die 26-Jährige. Eine andere Teilnehmerin ist vor kurzem mit ihrem Freund
zusammengezogen und lebt daher nach langer Zeit in Neukölln nun in
Charlottenburg. „Es ist cool, aber ich bin eher nicht diejenige, die so
etwas initiiert“, sagt sie zu den Nachbarschaftsgruppen. „Aber wenn eine
Nachbarin mich dazu einladen würde, wäre ich direkt dabei.“
28 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nachbarschaftliches-Klima/!6178454
(DIR) [2] https://2030planb.de/gemeinsam-kiez
(DIR) [3] /Nachbarschaftliches-Leben/!6181272
(DIR) [4] https://planb2030.org/ueber-plan-b?cb_vid=2539
(DIR) [5] /Volksentscheid-in-Berlin-scheitert/!5924254
## AUTOREN
(DIR) Uta Schleiermacher
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