# taz.de -- Boulespielen in Berlin: Die Kugel rollt
> Auch ohne Pastis und Zikaden weht am Bouleplatz in Kreuzberg
> südfranzösisches Flair. Hier kommen alle zusammen – Hobbyspieler,
> Stammgäste und ein Deutscher Meister.
(IMG) Bild: Spannung am Spielfeld: Pétanque-Partie am Bouleplatz in Kreuzberg
„Raah, putain, non!“, flucht Laurent so laut, dass sich ein Passant am Ufer
des Landwehrkanals neugierig zum Bouleplatz umdreht. Dort schlägt Laurents
Kugel schwer auf dem Boden auf, rollt seitlich weiter – von einer
Vertiefung im Kies aus der Bahn gebracht – und kommt knapp hinter den
Kugeln seiner Gegner zum Liegen. „Gar nicht so schlecht“, tröstet ein
Mitspieler vom Spielfeldrand. „Der Platz ist nicht einfach, er ist voller
Unebenheiten“, rechtfertigt sich Laurent.
Dessen Baskenmütze und französisches Schimpfen gehören fest zu dem
Bouleplatz in Kreuzberg. Auch wenn Laurent seit sechs Jahren in Magdeburg
lebt, trifft er sich hier weiterhin regelmäßig mit Félix, seinem ehemaligen
Chef. „Der da hinten mit den mittellangen Haaren“, sagt Laurent und deutet
auf Félix, der am Spielfeldrand sitzt.
Ein Mitspieler reicht Félix ein Bier – frisch aus dem Kühlschrank in der
Vereinshütte im angrenzenden Garten. „Bier statt Pastis? Das ist doch
vulgär!“, scherzt Laurent. Hier gibt es entgegen den Klischees weder Pastis
noch Lavendelduft oder zirpende Zikaden. Dafür kaltes Bier, Joints,
selbstgedrehte Zigaretten und Straßenmusik.
1967 kam das Boulespiel – in der [1][französischen Variante Pétanque]
genannt – nach Berlin. Im Quartier Napoléon in der französischen
Besatzungszone baute sich die Militärregierung dort alles, was zum Alltag
gehörte: Wohnhäuser, ein Kino – und natürlich auch [2][einen Bouleplatz].
## Verabreden muss man sich nicht
Das provenzalische Spiel ist schnell erklärt: eine kleine Plastikkugel, das
Cochonnet, zwei Mannschaften und das Ziel, die eigenen Stahlkugeln
möglichst nah an die Zielkugel zu werfen. Ende der 1980er Jahre wurden die
Plätze am Paul-Lincke-Ufer angelegt. Bis heute zählen sie zu den
beliebtesten Treffpunkten der Berliner Bouleszene.
„Der Luxus hier ist: Man muss sich nie verabreden. Es ist immer jemand da,
der spielt – zu jeder Tageszeit“, sagt Christian van Wickeren, der an
diesem Abend gegen Laurent und Félix antritt. Gegen 14 Uhr sei er heute auf
dem Platz angekommen. „Ich habe gerade ein bisschen Zeit, ich bin zwischen
zwei Jobs“, erzählt er.
Vor anderthalb Jahren kannte Christian van Wickeren Pétanque nur von
gelegentlichen Einladungen französischer Kollegen und eines guten Freundes.
Nach ein wenig Übung – im Sommer wie im Winter, bei Regen wie bei Schnee –
ist er im vergangenen Winter dem [3][1. Boule Club Kreuzberg] beigetreten,
einem von 18 Vereinen in Berlin. Inzwischen kennt er die Community auf dem
Platz gut. Er zeigt auf die verschiedenen Gruppen: die Profis, die
Freizeitspieler:innen, die Stammspieler.
## Eine Männerwelt
„Sie sind nicht von der Presse, oder? Doch? Auf unserem Bouleplatz?“, fragt
Manne mit großen Augen, als er mit dem Fahrrad am Spielfeld anhält. Vor 15
Jahren begann der ehemalige Taxifahrer mit dem Boulespielen. Damals ging
seine Tochter in die Kita gegenüber dem Platz. Inzwischen muss er sie
längst nicht mehr dorthin bringen. Dem Bouleplatz in Kreuzberg ist er
trotzdem treu geblieben.
Einige seiner engsten Freunde habe er hier kennengelernt, erzählt Manne.
Bis heute freue er sich über jeden, der mit ihm eine Partie spielt. „Es ist
einfach ein Ort, an dem viele Leute zusammenkommen.“ Aber nur wenige
Frauen, fügt er hinzu, ohne sich das erklären zu können.
Tatsächlich sind auch an diesem Abend wenige Frauen unter den Spielern.
Auch im Landesverband Pétanque Berlin-Brandenburg machen sie [4][weniger
als ein Drittel der Mitglieder] aus.
Sowohl in der Provence als auch in Berlin ist „Fanny“ wohl die bekannteste
Frau auf dem Bouleplatz – allerdings nicht gerade im Sinne der
Emanzipation. „Fanny“ möchte niemand werden: Denn so nennt man eine
Niederlage zu null. In manchen Vereinen Südfrankreichs hing früher ein
frauenfeindliches Bild, das dem Verlierer vorgehalten wurde, der
„[5][Fanny“ auf den Hintern] küssen musste. Zum Glück scheint diese
Tradition Berlin nicht erreicht zu haben.
## Auch ein Deutscher Meister spielt mit
„Wir haben Fanny gegen ihn gemacht! Er ist der beste Spieler in ganz
Berlin“, flüstert Félix hinter vorgehaltener Hand und nickt zu seinem
Gegner auf dem Nachbarfeld. Der Mann, er heißt Christian Hempel, überragt
seine Mitspieler um mehrere Köpfe und mindestens eine Schulterbreite. Mit
einem breiten Lächeln tritt er in den Wurfkreis. Es steht 12:12, Hempel hat
die letzte Kugel. Er beugt leicht die Knie, führt den Arm nach hinten und
wirft. Seine Kugel trifft die des Gegners und stößt sie zur Seite. 13:12.
Spielende. „Ich trinke noch ein Siegerbier und dann bin ich weg“, sagt
Hempel und verstaut seine Kugeln in einer Ledertasche.
Christian Hempel ist auf den Bouleplätzen in Kreuzberg groß geworden. Als
Kind spielte er in den Hinterhöfen ein paar Straßen weiter. Die
Freundschaften und die vielen Begegnungen auf dem Platz hätten ihn für das
Spiel begeistert, erzählt er. „Ich habe viel und ziemlich gut gespielt“,
sagt der lokale Star bescheiden.
Wolfgang, Hempels langjähriger Freund, zählt dessen Erfolge auf: Fünfter
bei der Weltmeisterschaft 1996, dreimal Deutscher Meister, sechsmal
Vizemeister. „Die Franzosen kannten seinen Namen“, fügt ein anderer Spieler
hinzu. Früher habe er auf Bouleplätzen in Frankreich, Dänemark, den
Niederlanden, auf Ibiza und Mallorca gespielt, erinnert sich Hempel. Den
Platz in Kreuzberg hält er aber trotzdem für einen der Schönsten.
Laurent wirft einen Blick auf sein Handy. In knapp einer Stunde fährt sein
Zug zu seiner Familie nach Magdeburg. Während er sich von Félix
verabschiedet, wird Christian van Wickeren zum nächsten Spiel gerufen.
Eigentlich wollte er diesen Sommer nach Südfrankreich, ins Herzland des
Pétanque, fahren. Aus Sorge, sein Französisch reiche nicht, um die
Spielkameraden in den Dörfern zu verstehen, sagte er die Pläne ab. „Noch
elf Jahre bis zur Rente. Dann werde ich nur noch Boule spielen!“, sagt er
voller Vorfreude. Die Sprache der Boulespieler spricht er schon.
4 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Protest-gegen-Bouleclub-Schliessung/!6041572
(DIR) [2] http://www.berlinboule.de/verein/ver_cbb.htm
(DIR) [3] https://boule-am-ufer.de/
(DIR) [4] https://sib-online.lsb-berlin.de/2026/1/assets/downloads/2026-01_Sport-in-Berlin.pdf
(DIR) [5] https://de.scribd.com/document/778861950/Pagnol-Marcel-4-Le-Temps-Des-Amours
## AUTOREN
(DIR) Gabrielle Meton
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