# taz.de -- Deutsche Brennelementefabrik: Putins Einfluss wächst
> Der Kreml-Konzern Rosatom darf bei der Lingener Atomfabrik einsteigen.
> Hintergrund könnte ein Deal von Merz mit Frankreichs Präsident Macron
> sein.
(IMG) Bild: Protest gegen den Ausbau der Brennelementfabrik in Lingen 2024
Die Bundesregierung von Kanzler Friedrich Merz zwingt Niedersachsens grünen
Umweltminister Christian Meyer, den Einstieg des in den Ukrainekrieg
verwickelten russischen Staatskonzerns Rosatom bei der
[1][Atombrennelementefabrik Lingen] zu genehmigen.
Zwar macht Meyer klar, dass er „Geschäfte und eine enge Kooperation mit
Putins Atomkonzern“ wie schon seit Jahren politisch weiter „für
grundfalsch“ halte. Allerdings habe Berlin „in einem bundesaufsichtlichen
Schreiben an das Land“ klargestellt, dass es keine Möglichkeit gebe,
„[2][eine Genehmigung] rechtlich zu versagen“, teilte Meyers Ministerium am
Mittwoch in Hannover mit – und dies komme „einer Weisung gleich“.
In Lingen im Emsland kann damit [3][künftig mit russischem Uran und
russischer Technik] Brennstoff für osteuropäische Atomkraftwerke
hergestellt werden. Diese benötigen spezielle sechseckige Brennelemente.
Diese würde allerdings längst auch in der Ukraine oder von dem US-Konzern
Westinghouse in Schweden hergestellt, kritisierte Meyer gegenüber der taz
am Telefon. Und „gerade im sensiblen Atomsektor“ müsse es darum gehen,
„Abhängigkeiten von Russland zu verringern und nicht zu erhöhen“, findet
der grüne Minister.
Heftige Kritik an der Entscheidung der Bundesregierung kommt selbst aus der
Kanzlerpartei CDU. Die Genehmigung des Rosatom-Einstiegs in Lingen müsse
widerrufen werden, forderte der christdemokratische Außenpolitiker Roderich
Kiesewetter.
## Rosatom kontrolliert das russische Atomwaffenprogramm
„Diese Entscheidung ist sicherheitsgefährdend und muss rückgängig gemacht
werden“, sagte der Bundeswehroberst, der seit 2009 Mitglied des Bundestags
ist, dem Nachrichtenportal Politico. Die Genehmigung lasse sich „fast nur
noch als erfolgreiche russische Einflussoperation bewerten oder unfassbare
Verantwortungslosigkeit“, so Kiesewetter.
Denn Rosatom werden nicht nur Menschenrechtsverletzungen etwa bei der
Übernahme der [4][von der russischen Armee besetzten ukrainischen
Atomkraftwerke Tschernobyl und Saporischschja] vorgeworfen – der [5][Putin
direkt unterstellte Konzern] versorgt und kontrolliert auch das russische
Atomwaffenprogramm.
„Während die Bundesregierung einerseits Russland zu Recht sanktioniert und
vor hybriden Bedrohungen warnt, schafft sie ausgerechnet im hochsensiblen
Nuklearbereich zusätzliche Risiken für russische Sabotage und Spionage“,
warnt deshalb auch Mareike Hermeier, Sprecherin für nukleare Sicherheit der
Bundestagsfraktion der Linken.
Zusätzlich finanzierten Einnahmen des Rosatom-Konzerns etwa durch die
Brennelementeproduktion in Lingen „die russische Kriegsmaschinerie“,
kritisierte die atompolitische Sprecherin der Grünen im niedersächsischen
Landtag, Britta Kellermann.
## Die undurchsichtige Rolle Emmanuel Macrons
Auch Anti-Atom-Intitativen wie ausgestrahlt oder das Bündnis
Atomkraftgegner:innen im Emsland nannten den Rosatom-Einstieg
„unverantwortlich“. Putin baue damit „ungehindert weiter seine
geopolitische Macht über kritische Energieinfrastruktur in Europa aus“,
kritisierte auch [6][Wladimir Sliwjak], Träger des Alternativen
Nobelpreises und Co-Vorsitzender der in Russland verbotenen
Umweltorganisation Ecodefense.
In Berlin kursieren dagegen längst Gerüchte, Kanzler Merz stehe bei
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Wort, [7][den Rosatom-Einstieg zu
ermöglichen]. Denn betrieben wird die Lingener Brennelementefabrik von der
Firma Advanced Nuklear Fuels (ANF), einer Tochter von Framatome, die
wiederum ein Tochterunternehmen des hoch verschuldeten französischen
Energieversorgers Électricité de France (EDF) ist.
EDF wiederum gilt für die französische Atomstreitmacht Force de frappe als
unverzichtbar – und auf den Schutz der einzigen Atommacht der Europäischen
Union setzen angesichts des drohenden Rückzugs der US-Streitmacht immer
mehr Staaten: Ende Mai ist [8][Norwegen unter Frankreichs nuklearen
Schutzschirm geschlüpft]. Und erst in der vergangenen Woche kündigte
Kanzler Merz nach einem Treffen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron
an, dass die Bundeswehr in diesem Jahr [9][erstmals an einer Nuklearübung]
der französischen Armee teilnehmen wird.
Merz müsse deshalb dringend erläutern, „ob es eine Absprache mit Präsident
Macron gab“, fordert Niedersachsens Umweltminister Meyer. „Ich erwarte von
Bundeskanzler Merz“, sagte Meyer der taz, „dass er angesichts der massiven
Warnungen seiner eigenen Sicherheitsdienste vor hybrider Kriegsführung
durch Russland öffentlich erklärt, wie die Bundesregierung nun zu dem
Schluss kommt, dass eine Genehmigung für die Brennelementefabrik in Lingen
trotz der engen Beteiligung Russlands im Hinblick auf die innere und äußere
Sicherheit zwingend erteilt werden muss.“
22 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /50-Jahre-Brennelementefabrik-Lingen/!6112133
(DIR) [2] https://www.umwelt.niedersachsen.de/download/230500
(DIR) [3] /Nukleare-Kooperation-mit-Russland/!6157251
(DIR) [4] /Angriff-auf-Atomkraftwerk-Saporischschja/!6183015
(DIR) [5] /Russischer-Atomkonzern/!6173643
(DIR) [6] /Traeger-des-Alternativen-Nobelpreises/!6085316
(DIR) [7] /Atomindustrie-unter-russischem-Einfluss/!6160616
(DIR) [8] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/norwegen-nuklearschirm-100.html
(DIR) [9] /Treffen-von-Merz-und-Macron/!6197206
## AUTOREN
(DIR) Andreas Wyputta
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