# taz.de -- Aktivistin über den Weg zum AKW-Rückbau: Im Schatten des Krümmel-Monsters
> Bettina Boll spielte als Kind dort, wo später das AKW Krümmel gebaut
> wurde. Weg wollte sie nur einmal: Als es in Tschornobyl zur Katastrophe
> kam.
(IMG) Bild: Bettina und Gerd Boll vor dem Atomkraftwerk Krümmel
Die Hausnummer ist nicht zu erkennen. Wo Bettina Boll und ihr Mann Gerhard
wohnen, ist trotzdem beim Einbiegen in die Sackgasse, die endet, wo der
Geesthang sich erhebt und der Wald beginnt, unverkennbar. Während viele
Vorgärten mit Schotter vollgekippt oder komplett gepflastert sind und als
Farbtupfer zwei Gartenzwerge auf einer Mauer stehen, die sich auf den
Ellbogen abstützen, ist das Boll’sche Haus schon im April von rankendem
Grün umgeben. Über der Haustür, weithin zu lesen, das Wort „Frieden“.
Verborgen hinter einem Busch links neben der Haustür umrahmt ein hohles
Stück Stamm eine Frisierpuppe. „Das ist meine spezielle Kunst“, sagt
Bettina Boll. Das 80er-Jahre-Spielzeug hat sie gerade auf dem Sperrmüll
entdeckt und sofort gewusst: Das passt haargenau in das Baumstammkopftuch.
Der Garten hinter dem Haus ist voller Dinge, die Bettina Boll im Wald
gefunden, gebraucht besorgt oder aus dem Müll gerettet hat, um ihnen ein
neues Leben zu geben. Zum Beispiel die Edelstahlrutsche vom Balkon vor dem
geräumigen Wohnzimmer, in dem sich jahrzehntelang Menschen trafen, um ihren
Widerstand gegen das [1][Atomkraftwerk Krümmel] zu koordinieren. Sie lag
zuvor jahrelang in einem Abfallcontainer. Sie führt steil in den hinteren
Teil des Gartens, der an einen Wanderweg grenzt. „Ich mache sie mal für
dich sauber“, sagt die 72-Jährige, gleitet auf die Rutsche und
verschwindet.
Bettina Boll ist so eng mit Krümmel verbunden wie kaum jemand anderes.
Politisch, denn sie war jahrzehntelang ein prägendes Gesicht des Protestes
gegen das AKW. Und emotional. Sie ist am Nobelplatz aufgewachsen, in der
Nummer 7. Buchstäblich einen Steinwurf entfernt wurde später das AKW
gebaut. Als ihre Eltern nach der Flucht aus Stettin herzogen, standen
nebenan noch einige Gebäude, die zu [2][Alfred Nobels 1865 gegründeter
Munitionsfabrik] gehört hatten. Es war die erste Dynamitfabrik der Welt. In
den verlassenen Gebäude hat Bettina Boll als Kind gespielt. Ihr Elternhaus
wurde später abgerissen – und dort, wo sie früher herumstromerte, begann
1974 der Bau des Atomkraftwerks Krümmel.
Sie und ihr Mann Gerhard stiegen 1981, nach der Demonstration gegen den
Transport des Reaktordruckbehälters des Atomfrachters „Otto Hahn“, in den
örtlichen Widerstand ein. Mehr als 30 Jahre lang haben sie regelmäßig
Mahnwachen in der Innenstadt abgehalten, Demos und Mahnwachen vor dem AKW
organisiert, später gegen das Zwischenlager neben dem Reaktor geklagt – und
verloren.
Es habe Zeiten gegeben, erzählt Bettina Boll, da hätten Leute die
Straßenseite gewechselt, wenn sie sie erblickten. „Das Kraftwerk hat
Arbeitsplätze gebracht, Steuergeld, und ich galt als die, die das
gefährdete, in Frage stellte.“ So hat sie sich nie gesehen, als Gegnerin
der Arbeiter im Kraftwerk. Atomenergie sei gefährlich, sagt sie, doch auch
und vor allem für jene, die dort arbeiten. Das habe man in Tschornobyl ja
gesehen.
## Protest braucht einen Schweinestall
Als die Bolls ihr 1918 erbautes Haus kauften und anfingen, alles in
Eigenregie zu sanieren und zu renovieren, sollte in den alten Schweinestall
und die angrenzende Waschküche die Küche einziehen. Gerhard hatte alle
Arbeiten erledigt, die Wände waren fertig verputzt, nur Möbel und Geräte
fehlten noch. Aber Bettina brauchte Platz für den Protest.
Bisher hatte sie Tische, Plakate, Spendendosen und was es noch so braucht,
immer in den Keller geräumt und bei der nächsten Mahnwache, der nächsten
Demo alles wieder hoch getragen. Zu aufwendig, fand das Ehepaar und
funktionierte den Schweinestall kurzerhand in einen
Anti-AKW-Protest-Lagerraum um. Vorübergehend sollte das so sein, aber aus
dem Provisorium ist im Laufe der Jahrzehnte hier ein privates Museum
entstanden.
An den Wänden des schmalen, rechteckigen Raums stehen Tische, unter ihnen
sauber aufgereihte und beschriftete Aktenordner. Da sind zum Beispiel die
Unterlagen zu ihrer Klage gegen das atomare Zwischenlager in Krümmel, die
2007 vom Oberverwaltungsgericht in Schleswig abgewiesen wurde.
Die Farben Gelb und Schwarz herrschen vor, Plakate, Zeitungsartikel, Flyer,
ein Geigerzähler. Alles akkurat Kante an Kante ausgelegt und aufgehängt. An
den Wänden ist kein Zentimeter mehr frei. Mit einem Handgriff zieht Bettina
Boll Ausschneidebögen eines Druckwasserreaktors im Maßstab 1:350 hervor.
Ein Kraftwerk zum selber bauen, hergestellt 1983 von der Kraftwerk Union
AG, die 1969 von Siemens und der AEG gegründet wurde.
## 1 Milliarde Euro für den Rückbau veranschlagt
Das [3][AKW Krümmel] ist 1984 ans Stromnetz angeschlossen worden. Der
Reaktor war einst Deutschlands größter Siedewasserreaktor, kurz gar der
weltweit größte dieses Typs. Die Gesamtmenge des hier aus Uran erzeugten
Stroms entsprach mal rund 70 Prozent des Hamburger Strombedarfs und der Bau
kostete 3,5 Milliarden Mark, mehr als doppelt so viel wie veranschlagt. Für
den Rückbau rechnet Vattenfall jetzt mit Kosten von rund 1 Milliarde Euro.
Rund neun Millionen Euro Steuern führte Vattenfall später für das AKW
Krümmel pro Jahr an die Stadt Geesthacht ab, als es noch am Netz war. Das
war fast ein Fünftel des Jahreshaushalts von 50 Millionen Euro. Bis 2007
ein Trafo in Brand geriet, nicht der erste Zwischenfall, nach diesem aber
wurde das AKW abgeschaltet. Zwei Jahre später wurde es nach einer
Zwangspause wieder angefahren, schaltete sich nach einem Störfall selber ab
und ging endgültig vom Netz.
Lange hatte das AKW Krümmel auch im Verdacht gestanden, [4][für die Häufung
von Leukämieerkrankungen] vor allem bei Kindern in der Gegend
verantwortlich zu sein. Gerichtsfest belegt werden konnte das nie. Der Name
„Krümmel-Monster“ aber blieb hängen – und ein tiefes Misstrauen auch.
Bettina Boll hat fast ihr ganzes Leben in Geesthacht verbracht, machte eine
Ausbildung zur Bekleidungsschneiderin, studierte Modedesign im rund 30
Kilometer entfernten Hamburg, ehe sie zurückkam, einen Stoffladen übernahm
und um eine Schneiderei mit Modeatelier erweiterte. Sie ist hier fest
verwurzelt.
Für immer hinter sich lassen wollte sie diesen Ort nur, als in der Ukraine
das AKW Tschornobyl in die Luft flog. „Ich hatte das erste Mal wirklich
Angst und wollte einfach nur weg“, erinnert sich Bettina Boll.
„Irgendwohin, weit weg von Atomkraftwerken.“ Sie dachte an Neuseeland. Aber
Gerhard war dagegen, er mochte seine Arbeit als Lehrer, seine Schule,
wollte nicht gehen. „Er hat zu mir gesagt: ‚Die Welt können wir auch hier
verändern‘, also sind wir geblieben.“
## Ausstieg beschlossen, Mahnwachen beendet
Das Plakat für Mahnwache und Gedenkzug zum 25. Jahrestag der
Tschornobyl-Katastrophe hängt heute in ihrem kleinen Museum an der Wand.
Selbst gemalt, mit vielen Pfeilen für die Wegrichtungen, den einzelnen
Stopps, Uhrzeiten, „Atomkraft – nein Danke“-Stickern. Sie wollten damals an
Tschornobyl erinnern und gegen das Wiederanschalten von Krümmel
protestieren, es sollte die letzte Mahnwache direkt vor dem Reaktor werden,
wo sie jahrzehntelang ihre Demostände aufgebaut hatten. Das Motto für den
Gedenkzug vom AKW zum Geesthachter Hafenplatz lautete „Kehrtwende“. Das
hatten sie festgelegt, bevor es im März zur Katastrophe im japanischen
Fukushima kam, die den deutschen Atomausstieg besiegelte.
Allein in Geesthacht gingen am 25. Jahrestag der Tschornobyl-Katastrophe
mehr als 10.000 Menschen auf die Straße. Fast wie in alten Anti-AKW-Zeiten.
Der Bundestag beschloss im selben Jahr den Ausstieg aus der Atomkraft, die
Bolls beendeten ihre Mahnwachen in der Innenstadt. Bettina Boll saß später
für die Grünen im Stadtrat, engagierte sich beim BUND gegen Atomkraft und
für erneuerbare Energie. Auch ihr Mann Gerhard, heute 80 Jahre alt und
pensionierter Lehrer, war später politisch aktiv bei den Grünen, er leitete
unter anderem den Energieausschuss der Stadt. Am 15. April 2023 sind die
drei letzten deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet worden.
## Sieben Kilometer die Elbe rauf bis zum AKW Krümmel
Vom Haus der Bolls nahe der Geesthachter Innenstadt sind es etwa sieben
Kilometer die Elbe rauf bis zum AKW Krümmel. Als erstes taucht der schlanke
Schornstein über den Bäumen auf, die den sandigen Fuß- und Radweg am Ufer
säumen. Vorbei geht es zu Fuß an einem Baumwipfelpfad, an zwei
„seniorengerechten Trainingsgeräten“, wie ein Schild aufklärt, von denen
das eine entfernt an zwei riesige Frisbeescheiben erinnert und das andere
an ein Redepult, und an Mülleimern, auf die jemand einen SUV und die Worte
„Global Warming Kills“ gesprüht hat.
Auf dem Gelände des AKW Krümmel dominieren die Farben Grau und
Ultramarinblau, die Container, die herumstehen sind blau, die Gebäude grau,
der Himmel an diesem Tag auch. Ein Mitarbeiter geht am Zaun auf und ab. Auf
taz-Anfrage nach einem Besuch des AKW heißt es: Jetzt gerade sei es
schwierig, im Oktober, da ginge es.
Auf den Hang neben dem AKW, von wo aus die Polizei früher die Demos
beobachtet hat und wo es, so erzählt es Gerhard Boll, eigens einen
Anschluss für Wasserwerfer gegeben haben soll, kann man einfach so rauf.
Verlassen wirkt das Informationszentrum des AKW dort, ein Plakat an der
gläsernen Eingangstür kündigt die „Tage der Industriekultur“ an, die waren
im September 2025.
## AKW Krümmel kann endgültig abgebaut werden
Es ist ein zäher Prozess, ein AKW wieder loszuwerden. Im Juli 2009 ging
Krümmel endgültig vom Netz. Im August 2015 stellte Vattenfall den Antrag
auf Rückbau. Im Juni 2024 entschied das zuständige Umweltministerium in
Schleswig-Holstein, dass das AKW Krümmel endgültig stillgelegt und abgebaut
werden kann. Die Rückbauarbeiten werden laut Ministerium voraussichtlich
nochmal 15 Jahre dauern.
Die Stadt Geesthacht geht allerdings von 20 Jahren aus, sagt Bürgermeister
Olaf Schulze. Mindestens. Der SPD-Mann ist seit 2015 im Amt, ist hier 1967
geboren, absolvierte die Hauptschule, machte eine Ausbildung zum Gas- und
Wasserinstallateur, wurde Gewerkschaftssekretär, war Landtagsabgeordneter
in Kiel und energiepolitischer Sprecher seiner Fraktion und er ist
Atomkraftgegner. „Der GAU in Tschornobyl war für mich prägend“, erzählt er.
„Weil es gezeigt hat, dass es dieses Restrisiko gibt. Es kann einfach immer
wieder passieren.“
Er erinnert sich daran, dass die Stadt in dieser Frage bis zum endgültig
beschlossenen Ausstieg gespalten war. Und die Bevölkerungszahl wuchs erst
signifikant, als klar war, dass das AKW wegkommt. Wie lange die beiden
Zwischenlager bleiben, darauf hat auch Schulze keine Antwort. „Die werden
länger bleiben als 20 Jahre“, sagt er. Eine Antwort auf die Frage nach
einem Endlager steht aus.
## Atomgrusel haftet den Dingen weiter an
In Deutschland sind [5][durch den Betrieb der Atomkraftwerke insgesamt rund
28.000 Kubikmeter hochradioaktiven Mülls angefallen], derzeit untergebracht
in Zwischenlagern. Auch in Krümmel ist eines, der hochradioaktive Müll aus
dem Reaktor lagert hier in Castorbehältern. Für die schwach- und
mittelradioaktiven Abfälle ist das „Lager für schwach- und mittelaktive
Abfälle“ vorgesehen, etwas umständlich abgekürzt LasmAaZ. Das sind große
Stahlbetonhallen auf dem Kraftwerksgelände.
Das übrige hier mal verbaute Material von Pumpen bis zu Wasserhähnen wird
akribisch gereinigt, sortiert, mehrfach auf Strahlung geprüft, also
freigemessen, verpackt und soll auf normalen Mülldeponien landen, um
recycelt zu werden. Jedenfalls wenn sich niemand vor Ort erfolgreich
dagegen wehrt. Bisher gibt es aber bundesweit nur einige wenige Deponien
wie die in Wiershop bei Geesthacht, die diesen unbelasteten Müll annehmen.
Der Atomgrusel haftet den Dingen offenbar weiter an.
Um den einstigen „Pannenreaktor“ Krümmel ist es aber ruhig geworden. Die
Bolls begleiten den Rückbau, sitzen im Dialog-Forum, in dem Vattenfall seit
2016 mit Gemeinde, Anwohnern und Interessengruppen den Rückbau gestaltet.
Bis zum vergangenen Jahr saß Bettina Boll auch noch im Dialog-Forum für den
Rückbau des 2010 abgeschalteten Forschungsreaktors des früheren
GKSS-Zentrums Geesthacht, heute Hereon. Sie ist dort auf eigenen Wunsch
ausgestiegen. Ihr Mann ist noch dabei.
„Unser Anspruch ist es nun, Fakten zu schaffen“, sagt Gerhard Boll und
meint damit den vollständigen Rückbau des Kraftwerkes.
[6][Im offiziellen Rückbau-Sprech ist von der „grünen Wiese“ die Rede], die
am Ende bleibt. Die leise Sorge, die bei den Bolls mitschwingt ist, dass in
Krisenmomenten wie jetzt immer mal wieder jemand [7][auf die Idee kommt,
die stillgelegten Reaktoren reaktivieren zu können], wenn sie zumindest
äußerlich nahezu unverändert da sind. Zuletzt war es Jens Spahn,
Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der mit dieser Idee
liebäugelte. Für Bürgermeister Schulze keine Option, er stellt sich vor,
dass nach dem Rückbau wieder Industrie auf dem Grundstück angesiedelt wird,
ein Batteriespeicher zum Beispiel.
Die Bolls möchten ihr privates Museum nun gern auflösen und ihr Archiv der
Stadt übergeben. Bürgermeister Schulze kann sich das durchaus vorstellen.
„Das Kraftwerk Krümmel ist ja ein Stück Stadtgeschichte und es geht darum,
sie auch zu bewahren“, sagt er. Noch hat er keine Idee, wo das unterkommen
kann, aber da könne man drüber sprechen.
[8][Zum 40. Jahrestag der Tschornobyl-Katastrophe] will Bettina Boll am
Wanderweg am Ende ihres Gartens die gelbe Atommülltonne, die sie dort mal
aufgestellt hat, nutzen, um über Tschornobyl, über die Folgen der
Katastrophe, die ungelöste Endlagerfrage aufzuklären. Denn auf die Frage,
wohin mit dem Atommüll, hat [9][bisher niemand eine Antwort gefunden], sagt
Bettina Boll. „Wir werden die Lösung wohl nicht mehr erleben.“
26 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.atommuellreport.de/daten/detail/szl-kruemmel.html
(DIR) [2] /Wo-in-Deutschland-das-Dynamit-erfunden-wurde/!6130489
(DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Kr%C3%BCmmel
(DIR) [4] /Anomalien-im-Umfeld-von-Atomanlagen/!5131528
(DIR) [5] /Wohin-mit-dem-Atommuell/!6172317
(DIR) [6] https://perspektive-kruemmel.de/bis-zur-gruenen-wiese/rueckbau/
(DIR) [7] /40-Jahre-Tschernobyl-Atomkraft-Immer-wieder-Nein-danke/!6168257
(DIR) [8] /40-Jahre-Tschornobyl/!t5010181
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