# taz.de -- Konferenz über postsowjetische Ära: Suche nach neuer Solidarität
> Bei der Konferenz der RUTA-Association im ukrainischen Uschhorod steht
> die Frage nach einem globalen zivilgesellschaftlichen Engagement im
> Zentrum.
(IMG) Bild: Der ausgetrocknete Aralsee: Erbe des sowjetischen Kolonialismus
Botakoz Kassymbekova, Professorin für Osteuropäische Geschichte an der
Universität Zürich, fiel auf, dass die meisten Konferenzen zur
osteuropäischen Geschichte in den westlichen Ländern und der USA
stattfinden; wobei den Osteuropäern selten, höchstens noch den russischen
Forschern, auch Stimmen zugestanden werden. Dabei ist es zweifelsfrei ein
riesiger Unterschied, ob die Geschichte von Moskau, von Taschkent oder Riga
aus erzählt wird.
Auch stellte sie fest – sie selbst stammt aus Kasachstan –, dass die
Geschichte der zentralasiatischen Länder, ganz zu schweigen von der
Geschichte der Burjaten, Jakuten, Samen oder Tscherkassen, die nach wie vor
Teil der Russischen Föderation sind, generell ein blinder Fleck ist. Dabei
verbindet diese Länder über die jahrelange sowjetische Herrschaft vieles
mit den Ländern Zentral- und Osteuropas.
Daher rief sie vor drei Jahren die RUTA Association for Central,
South-Eastern and Eastern European, Baltic, Caucasus, Central and Northern
Asian Studies in Global Conversation ins Leben, die am vorigen Wochenende
bereits zum dritten Mal im westukrainischen Uschhorod tagte. Mehr als 150
Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, Journalisten und Journalistinnen,
Künstler und Künstlerinnen trafen sich, um über das Erbe des sowjetischen
Kolonialismus zu debattieren
Ja, Kolonialismus, denn die meisten RUTA-Länder, zumal die
zentralasiatischen, empfinden die sowjetische Herrschaft als Kolonialismus,
was innerhalb der globalen postkolonialen Debatte immer noch viel zu wenig
thematisiert wird. Wer weiß schon, dass in Zentralasien Millionen Menschen
gezwungen waren, ihre Namen zu russifizieren, ihre arabische Schrift
zugunsten der russischen aufzugeben und dass alle, die nicht Russisch
schreiben konnten, zu Analphabeten erklärt wurden? Was für sie fatale
Folgen hatte.
Und wer weiß, dass in den 1930er Jahren in Kasachstan an die 40 Prozent der
Bevölkerung verhungert sind, prozentual gesehen noch mehr als in der
Ukraine? Von den Deportationen der Krimtataren oder der Tschetschenen hat
man schon gehört, aber es wurden auch Burjaten, die in der Sowjetunion an
der koreanischen Grenze lebenden Koreaner, oder auch Tscherkessen
deportiert. Schon während des Transports sind bis zu ein Drittel der
Menschen gestorben.
Auch kaum im öffentlichen Bewusstsein ist, dass in einigen
zentralasiatischen Ländern die expansive sowjetische Landwirtschaft zur
Zerstörung des gesamten Wassersystems führte – der Aralsee ist mittlerweile
fast völlig ausgetrocknet –, was katastrophale ökologischen Folgen nach
sich zieht, mit denen die betroffenen Länder jetzt fertig werden müssen.
## Atomare Tests im östlichen Kasachstan
Ein ergreifender Moment während der dreitägigen Konferenz war die
Vorführung der Filmes „Jara“ der Kasachin Aigerim Seitenova, in dem
überlebende Frauen über die Folgen der atomaren Tests im östlichen
Kasachstan berichten. Zwischen 1949 und 1989 führte die Sowjetunion mehr
als 450 atomare Tests in der Gegend um Semipalatinsk, heute Semej, durch.
Und das, ohne die Bevölkerung aufzuklären. Die stand nur ratlos den Krebs-
und anderen rätselhaften Erkrankungen, den Fehlgeburten und den
Missbildungen bei Neugeborenen gegenüber.
Erst [1][nach dem Zerfall der Sowjetunion] erfuhren sie die wahre Ursache.
Über 2,5 Millionen Menschen waren und sind noch immer, da einige der
Krankheiten erblich sind, offiziell betroffen. Eine Zahl, die Seitenova für
viel zu niedrig hält.
Das alles sind traumatische Erlebnisse, über die aber geschwiegen wurde.
Erst jetzt beginnt die zweite, oft schon die dritte Generation sich denen
zu stellen. Angeregt von der aus Prag stammenden Philosophin Tereza Hendl,
die sich den Fragen der Ethik und Gesundheit widmet und Erfahrungen im
Umgang mit traumatischen [2][Erlebnissen in den von Israel besetzten
palästinischen Gebieten] gesammelt hat, setzt sich die RUTA-Association
auch für die Aufarbeitung der psychischen wie physischen Folgen von
Traumata ein.
Sie überlegt dabei auch, wie diese von einer Generation auf die andere
weitergegeben werden. Das ist eine gewaltige Aufgabe, die Millionen von
Menschen betrifft. Um diese zu bewältigen, kann auch die Kunst eine Rolle
spielen, etwa – wie auf der Konferenz – von der aus Taschkent kommenden
Furqat Palvan-Zade oder der in Berlin geborenen Vietnamesin Maithu Búi.
Konzentrierte man sich zuerst auf die Bewältigung der Vergangenheit, so
scheint sich das Anliegen der RUTA-Association zu verschieben. Erschrocken
über die mangelnde Bereitschaft vieler linker, feministischer und
antiimperialistischer Gruppierungen weltweit, die Ukraine in ihrem Kampf
gegen den russischen Aggressor zu unterstützen, begann man über eine andere
Form von Solidarität nachzudenken. Bewusst lud man Vertreter aus Syrien,
Iran, Venezuela, Palästina oder Mali ein, auch aus Israel. Aus Ländern
also, die zwar nicht der RUTA-Region angehören, aber unterschiedlich von
Terror und Gewalt bedroht sind. [3][Man debattierte über neue Formen von
Solidarität.]
## Atomare Tests in Kasachstan und im US-Staat Nevada
Und es zeigte sich, die gibt es bereits, allerdings vereinzelt. Maithu Búi
berichtete über Menschen aus Vietnam, die, da sie jahrelange Erfahrungen
mit Entschärfen von Minen haben, jetzt den Ukrainern helfen und Seitenova
erzählte über einen solidarischen Austausch ihrer kasachischen Landsleute
mit Menschen im US-Staat Nevada, die ebenfalls [4][unter den Folgen
atomarer Tests zu leiden] haben.
Das alles sind Formen von Solidarität, die, wie es der aus Syrien stammende
Journalist Robin Yassin-Kassab schon vor einem Jahr gefordert hat, allen,
denen Repressionen droht, egal welcher Nationalität, ethnischer
Zugehörigkeit oder Religion sie auch sind, zukommt. Eine Solidarität also
jenseits der strategischen und machtpolitischen Überlegungen politischer
Gruppierungen.
24 Jul 2026
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