# taz.de -- Gewerkschafter über Sozialproteste: „Die Regierung will unser Leben verschlimmern“
       
       > Die linke Szene ist zu abgekapselt von einfachen Leuten, sagt Sebastian
       > Grambow von der anarchistischen Gewerkschaft FAU – und ruft zu Protesten
       > auf.
       
 (IMG) Bild: Die FAU-Fahne neben dem Verdi-Banner: Demonstration gegen Sozialabbau in Nürnberg im Juli 2026
       
       taz: Herr Grambow, nach [1][DGB und Linken] rufen jetzt auch Ortsgruppen
       der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft FAU zu Sozialprotesten auf. Das
       Motto: „Du bist der Regierung egal“. Wie meinen Sie das? 
       
       Sebastian Grambow: Naja, die normalen Bürger:innen sind doch der
       Regierung egal, oder etwa nicht? Das sieht man ja an diesem sogenannten
       „Reformpaket“. Da geht's nur um die Gewinne der Konzerne und die Streichung
       von längst erkämpften Erfolgen. Da wollen wir den Menschen klarmachen: Die
       aktuelle CDU-SPD-Regierung hat kein Interesse, unser Leben zu verbessern,
       sondern eher zu verschlimmern. Auch eine andere Regierung wird es nicht
       richten, das Problem ist schließlich das System selber. Das war so der
       Grundgedanke unserer Kampagne.
       
       taz: Sie glauben wirklich, dass die Regierung versucht, das Leben der
       Menschen zu verschlimmern? 
       
       Grambow: Sie tut es auf jeden Fall. Nur ein Beispiel: Unsere „Initiative
       Grüne Gewerke“ für die Landwirtschaft kritisiert gerade, dass die Regierung
       das [2][Recht auf Hautkrebsvorsorge deutlich reduzieren] will – dabei ist
       das eine der häufigsten berufsbedingten Krankheiten in dem Sektor. Sie
       wollen tatsächlich, dass wir auf den Feldern brutzeln und nehmen in Kauf,
       wenn wir daran sterben.
       
       taz: Die DGB-Gewerkschaften und Linksparteien mobilisieren [3][bereits zu
       Sozialprotesten], wenn auch bisher eher mit mäßigem Erfolg. Warum braucht
       es denn jetzt noch eine linke Kampagne? 
       
       Grambow: Also, ich will klar sagen, wir haben gar kein Problem mit den
       anderen Kundgebungen und Protesten, einige unsere Syndikate mischen da auch
       mit. Wir wollen nicht sagen: Wir sind die Besseren und die sind die
       Schlechteren. Aber wenn die DGB-Chefin Yasmin Fahimi das Reformpaket als
       „richtiges Signal“ lobt, dann kotzt uns das halt an. Das sehen auch viele
       Menschen an der Basis der DGB-Gewerkschaften so. Deshalb wollen wir auf
       unseren Kundgebungen auch eine andere, staatskritische Position in die
       Öffentlichkeit bringen und die DGB- und Linken-Proteste kritisch begleiten.
       
       taz: Auf Ihrer Kampagnenseite findet sich eine Art Aufruf, zu den Protesten
       des DGB und der Linken zu gehen, um zu zeigen, dass sich der Protest auch
       gegen deren Spitzen richtet. Heißt: mit Störaktionen ist zu rechnen? 
       
       Grambow: Nein. Also, was die einzelnen Syndikate und Mitglieder:innen
       machen, müssen sie natürlich selber wissen. Aber unser Kernanliegen ist
       eher, Anwesenheit zu zeigen. Wir wollen da präsent sein, wo was passiert,
       um den Unmut der Bevölkerung aufzugreifen, der hier im Osten ja meistens in
       der AfD endet. Dafür wollen wir in erster Linie mit den Kolleg:innen ins
       Gespräch kommen.
       
       taz: Und was ist die anarchistische Antwort auf die gegenwärtigen
       Sozialkürzungen? 
       
       Grambow: Wir haben natürlich Forderungen. Aber wir gehen mal davon aus,
       dass die Regierung darauf scheißen wird. Was wir wirklich wollen, ist, dass
       die Leute sich selbst ermächtigen und nicht ihre Wut irgendwelchen
       Bestimmern überlassen. Deshalb bilden wir uns in Magdeburg gegenseitig im
       Arbeits- und Sozialrecht aus, betreiben eine Kiezkommune mit
       Stadtteilladen, haben eine Erwerbslosen-AG und bauen Betriebsgruppen auf.
       Wir wissen, dass wir damit nicht von heute auf morgen Erfolg haben. Aber
       dafür wollen wir werben.
       
       taz: Warum sollte das gerade jetzt klappen? 
       
       Grambow: Die ganze Legitimation für diesen Staat bricht doch gerade weg:
       Das Versprechen, dass wir zwar ausgebeutet werden, aber es uns eben auch
       noch ganz gut geht, dass den Schwachen geholfen wird. Auf diese
       Staatslegitimation spucken jetzt viele Kapitalfraktionen und die ihr
       gehörige Politik. Das müssen wir ausnutzen, um zu zeigen, dass es auch
       anders geht, abseits von straff organisierten Parteien und dem DGB, der
       sich oft nur bei Tarifverhandlungen für Beschäftigte interessiert.
       
       taz: Sind die DGB-Gewerkschaften wirklich so schlimm? 
       
       Grambow: Keineswegs immer, es geht uns auch nicht darum, das zu sagen. Wir
       wollen die Kolleg:innen unterstützen, die kämpferisch sind. In Stuttgart
       bei Mercedes zum Beispiel sieht man ja auch gerade, dass es sogar auch eine
       kämpferische IG Metall geben kann – das sag’ ich jetzt mal so, als alter
       Metaller. Am wichtigsten ist uns, dass die Leute überhaupt organisiert
       sind. Am liebsten natürlich in einer revolutionären Gewerkschaft, aber zum
       DGB zu gehen, ist auch ein guter erster Schritt.
       
       taz: Wie groß ist die FAU eigentlich? 
       
       Grambow: Ich sage mal so, der Verfassungsschutz zählt bei uns etwa 2.000
       Leute, aber der kann nicht so gut rechnen und hat ein paar Menschen
       vergessen. Uns ist aber bewusst, dass wir aktuell noch klein sind, wenn
       auch gleichzeitig für die Verhältnisse der radikalen Linken in Deutschland
       ziemlich groß. Deswegen glauben wir, dass wir gerade echt die Chance haben,
       mehr Betriebsgruppen aufzubauen, damit uns die Leute auch ernster nehmen.
       
       taz: Linke Gruppen versuchen seit einigen Jahren immer wieder,
       Sozialproteste auf die Beine zu stellen. Es will einfach nicht klappen.
       Warum ist das so schwer in Deutschland? 
       
       Grambow: Ich glaube, vieles, was linke Gruppen in Deutschland tun, ist
       nicht wirklich nachhaltig. Viele Bündnisse ziehen ihre Aktionen an einem
       Wochenende durch und sind dann wieder verschwunden. Was uns unterscheidet,
       ist, dass wir eine tatsächlich dauerhafte Organisierung anbieten, dass sich
       bei uns viele tatsächlich als Arbeiter:innen begreifen. Ich erlebe bei
       Flyeraktionen oder auf der Maloche immer wieder, dass die einfachen Leute
       gar keinen Kontakt zu Linken mehr haben. Sie kennen uns überhaupt nicht als
       normale Kolleg:innen. Die linke Szene ist einfach zu abgekapselt. Das ist
       der Knackpunkt, den wir durchbrechen wollen.
       
       taz: Was erleben Sie so, wenn Sie in Magdeburg flyern gehen? 
       
       Grambow: Was ich öfter erlebt habe, ist, dass die Leute ein völliges
       Zerrbild von Linken haben, das sie von Twitter haben. Die sind dann ganz
       überrascht, dass wir normale Leute sind. Viele haben auch eine tiefe
       Abneigung. Da muss man dann ins Gespräch kommen und versuchen, eine
       Gemeinsamkeit zu finden. Oft sind AfD-Wähler:innen hier im Osten
       [4][Friedensthemen] wichtig, da können wir dann damit punkten, dass wir
       bedingungslos gegen Kriege sind. Das sind so Punkte, wo man vielleicht ein
       Umdenken bewirken kann. Aber manchmal wird man auch einfach angebrüllt oder
       bedroht. Dann muss man zeigen, dass man sich nicht einschüchtern lässt.
       
       taz: Wann würden Sie sagen: Unsere Kampagne war ein Erfolg? 
       
       Grambow: Wenn sich mehr Betriebsgruppen bilden, wäre das ein Anfang.
       Unseretwegen werden jetzt nicht die großen wilden Streiks ausbrechen, wir
       werden auch keinen Generalstreik organisieren können, auch wenn das nötig
       wäre. Aber wir können darauf hinwirken, dass sich die Leute da
       organisieren, wo sie arbeiten – denn da haben sie die meiste Macht, etwas
       zu verändern. Es ist ganz egal, ob das im Kindergarten, in der Werksküche
       oder in einem großen Industriebetrieb passiert. Wenn wir uns anfangen als
       Kolleg:innen zu organisieren, kann die Regierung auch wieder Angst vor
       uns kriegen.
       
       24 Jul 2026
       
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