# taz.de -- Hamburgs neue Antisemitismusbeauftragte: Hoffnung auf einen Neuanfang
       
       > Anna von Villiez ist neue Antisemitismusbeauftragte in Hamburg. Sie will
       > mit Bildung und digitaler Aufklärung den Antisemitismus messbar
       > bekämpfen.
       
 (IMG) Bild: Bisher vor allem mit der Geschichte des Antisemitismus befasst: Hamburgs neue Beauftragte Anna von Villiez (l.)
       
       Hamburgs Gleichstellungssenatorin Maryam Blumenthal (Grüne) hat am Dienst
       die neue Antisemitismusbeauftragte der Stadt vorgestellt: die Historikerin
       Anna von Villiez, die seit 2018 die [1][Gedenk- und Bildungsstätte
       Israelitische Töchterschule] im Hamburger Karolinenviertel leitet.
       
       Ihr Ziel sei es, „den Antisemitismus langfristig und messbar
       zurückzudrängen“, sagte von Villiez im Rathaus. Sie wolle bei der
       Bekämpfung früh ansetzen und deshalb vor allem auf das Bildungssystem
       einwirken; sie wolle gemeinsam mit den Antisemitismusbeauftragten der
       anderen Bundesländer gegen digitalen Antisemitismus vorgehen, dem junge
       Menschen in besonderem Maße ausgesetzt seien. Und sie wolle das jüdische
       Leben in der Stadt sichtbarer machen.
       
       Ihrem Amtsvorgänger Stefan Hensel zollte von Villiez „großen Respekt“.
       Hensel war zum Oktober vergangenen Jahres zurückgetreten, nachdem ein
       unterlegener Bewerber erfolgreich gegen seine erneute Bestellung durch den
       Senat geklagt hatte. Hintergrund ist ein [2][Streit zwischen verschiedenen
       Fraktionen des Judentums in Hamburg].
       
       Zum einen gibt es die eher orthodox ausgerichtete Jüdische Gemeinde
       Hamburg, die den Anspruch erhebt, alle jüdischen Gemeinden der Stadt zu
       vertreten. Mit ihr hat die Stadt wie mit den Repräsentanten anderer
       religiöser Gemeinden einen Staatsvertrag geschlossen. Zum anderen gibt es
       den Israelitischen Tempelverband, der sich als Vertreter des progressiven
       Judentums versteht sowie als Rechtsnachfolger der jüdischen
       Vorkriegsgemeinde.
       
       ## „Tiefe Enttäuschung“ der progressiven Juden
       
       Der Tempelverband hatte Hensel vorgeworfen, voreingenommen zu sein und vor
       allem die Interessen der Jüdischen Gemeinde zu vertreten. Dem Tempelverband
       gegenüber sei Hensel „feindlich gesinnt“, wie es dessen stellvertretender
       Vorsitzender Eike Steinig ausdrückte. Hensel habe den Tempelverband
       mehrfach ausgegrenzt, indem er diesen nicht zu Veranstaltungen eingeladen
       habe.
       
       „Die vergangenen Jahre haben bei vielen progressiven Jüdinnen und Juden in
       Hamburg tiefe Enttäuschung und einen Vertrauensverlust hinterlassen“,
       schrieb der Tempelverband an Villiez anlässlich ihrer Bestellung. Man habe
       den Eindruck gewonnen, dass das progressive Judentum nicht immer als
       gleichberechtigter Teil des jüdischen Lebens in Hamburg wahrgenommen und
       behandelt wurden. „Wir wünschen uns eine Amtsführung, die die religiöse und
       institutionelle Vielfalt des Judentums in Hamburg anerkennt.“
       
       Von Villiez hat sich bereits mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde
       getroffen. Ein Gespräch mit Vertretern des Israelitischen Tempelverbandes
       sei bereits terminiert. „Meine Tür steht offen“, versicherte sie, auf das
       Verhältnis zum Tempelverband angesprochen.
       
       ## Erinnerungsorte verzögern sich
       
       Zum Wiederaufbau der zweitältesten liberalen Synagoge weltweit, des
       Israelitischen Tempels von 1817 in der Poolstraße, wollte sich von Villiez
       nicht festlegen. Der Wiederaufbau sei verknüpft mit der ungeklärten Frage
       der Rechtsnachfolge. Die Ruine habe aber „eine Bedeutung, die die Stadt
       lange nicht erkannt hat“. Das gelte auch für die jüdischen Friedhöfe der
       Stadt.
       
       Der Senat hat [3][die Tempelruine 2020 erworben und will sie als
       Erinnerungsort erhalten]. Zurzeit ist dort ein Rundgang möglich, bei dem
       man sich mithilfe eines QR-Codes virtuell orientieren kann. Die Ruine zu
       erhalten, sei „extrem wichtig“, sagte von Villiez.
       
       Sie verwies bei der Gelegenheit auf eine andere Baustelle der Hamburger
       Erinnerungspolitik: den ehemaligen Hannoverschen Bahnhof, von dem aus Juden
       sowie Sinti und Roma in die Vernichtungslager deportiert wurden. Der Bau
       eines Dokumentationszentrums an diesem Ort verzögert sich, weil der
       [4][Investor, der es stiften sollte, sich mit dem Senat streitet].
       
       [5][Von Villiez hat am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin] am
       Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gearbeitet sowie an der
       Arbeitsstelle für Provenienzforschung der Hamburger Staatsbibliothek. Von
       2007 bis 2011 leitete sie in Oxford ein Forschungsprojekt zu den Opfern
       medizinischer Experimente im Nationalsozialismus.
       
       ## Absage von DJ-Auftritt gefordert
       
       Ihre erste Stellungnahme im neuen Amt befasste sich mit [6][dem Auftritt
       der Techno-DJ Sama' Abdulhadi beim Habitat-Festival am vergangenen
       Wochenende]. Abdulhadi hat sich bereits vor zwei Jahren, am ersten
       Jahrestag des 7. Oktober, zu dem Angriff der [7][Hamas auf Israel]
       geäußert. Sie trat eine Welle der Empörung los, weil sie sich nicht vom
       menschenverachtenden Charakter dieses Überfalls distanzierte.
       
       Von Villiez forderte die Veranstalter der Habitat-Festivals auf, den
       Auftritt von Abdulhadi abzusagen. „Der systematische Einsatz schwerer
       sexualisierter Gewalt und der Mord an Hunderten Menschen sind keine Form
       des Widerstands, sondern ein Verbrechen – diese Umdeutung verhöhnt die
       Opfer und ihre Angehörigen“, sagte sie der taz.
       
       Das Festival habe mit kollektiver Weltflucht geworben, sagte sie im
       Rathaus, zugleich aber solch einer Position eine Bühne geboten. Sie frage
       sich, was das mit jungen jüdischen Menschen mache, die auch die kollektive
       Weltflucht suchten.
       
       21 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Juedische-Schule-in-Hamburg/!6100343
 (DIR) [2] /Juedische-Gemeinden-in-Hamburg/!6117508
 (DIR) [3] https://tempel-poolstrasse.de/
 (DIR) [4] /Hamburger-Appell-zum-Holocaust-Gedenktag/!6147191
 (DIR) [5] /Nach-langem-Streit-in-Hamburg/!6192343
 (DIR) [6] /Kritik-an-palaestinensischer-DJ/!6195705
 (DIR) [7] /Hamas-Angriff-auf-Israel/!5962347
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gernot Knödler
       
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