# taz.de -- Soziale Netzwerke: Ist W das bessere X?
> Mit W Social geht eine neue europäische Alternative zu Elon Musks
> Netzwerk X an den Start. Ist das die langersehnte Lösung?
(IMG) Bild: Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist bei W Social schon dabei
Transparenzhinweis: In einer früheren Version des Textes hieß es, auch der
Londoner Bürgermeister Sadiq Khan sei auf W Social. Das ist nicht richtig,
sein Konto ist weiterhin auf den Servern von Bluesky gehostet, seine
Beiträge werden lediglich von W Social eingebunden.
Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist schon da und die
ehemalige taiwanische Digitalministerin Audrey Tang auch. Es sind diese Art
Nutzer:innen, über die sich die Betreiber des noch jungen Onlinenetzwerks W
Social sehr freuen werden: Sie wollen ihre [1][Plattform als bessere
Alternative zum Elon-Musk-gesteuerten US-Dienst X] positionieren.
Im Juni ist die öffentliche Beta-Phase gestartet, Interessent:innen
können sich auf die Warteliste setzen lassen. „Wir glauben an die
Notwendigkeit einer globalen, vertrauenswürdigen Social-Media-Plattform,
die in Europa betrieben wird und in europäischer Hand liegt“, heißt es in
der Selbstdarstellung. Wird W Social zum Befreiungsschlag Europas von X?
Spätestens seit Tech-Milliardär Elon Musk Twitter übernahm und daraus die
Desinformation, Manipulation und rechten Inhalten zugeneigte [2][Plattform
X] gemacht hat, wächst in Europa der [3][Wunsch nach einer Alternative].
Denn gerade für Multiplikator:innen aus Politik, Wissenschaft,
Zivilgesellschaft und Journalismus war Twitter ein wichtiger Kanal zur
Vernetzung und zum Verbreiten der eigenen Inhalte.
Das zunächst als Alternative gehandelte Open-Source-Netzwerk [4][Mastodon]
zog zwar zahlreiche Wechselnde an. Aber nicht in dem Maße, dass es für
einen mit Twitter/X vergleichbaren Netzwerkeffekt gereicht hätte. Mastodon
bietet nicht die niedrigschwellige Anmeldung und das Nutzungserlebnis, das
Big-Tech-Nutzer:innen gewohnt sind.
Daher hat sich zunehmend [5][Bluesky als praktische Alternative] etabliert:
Die Plattform ist im Nutzungserlebnis ähnlich wie das frühere Twitter.
Bluesky ist Open Source, im Unterschied zu Mastodon aber zentral
organisiert und Teil eines Unternehmens. Als US-Firma ist diese den
geheimdienstlichen Überwachungsanforderungen und etwaigen Trump’schen
Restriktionen unterworfen.
## Ein schwedisches Unternehmen als Ausweg?
Als komplementärer Akteur will sich nun W Social platzieren. Das
schwedische Unternehmen hat die Rechtsform einer aktiebolag. Laut der
Industrie- und Handelskammer ist das die in Schweden häufigste
Unternehmensform, ähnlich einer deutschen GmbH. Nach eigenen Angaben kommt
das Geld primär von einer schwedischen Medienplattform im Klimabereich. Da
W Social das gleiche technische AT-Protokoll wie Bluesky nutzt, starten
Nutzende dort mit ebendiesen Inhalten.
Kopf hinter der Plattform ist die promovierte Juristin Anna Zeiter. Die
Geschäftsführerin von W Social war lange zuständig für Datenschutz bei der
Handelsplattform Ebay und arbeitet als Professorin an der Uni Bern. Vor
diesem Hintergrund präsentiert sich die Plattform als
privatsphärefreundliche Alternative zu X – und als Ort ohne Bots. Wer sich
registriert, muss sich und sein Menschsein per Ausweis verifizieren. Das
passiert über den Dienst W Identity, der juristisch von W Social getrennt
ist.
Der Prozess läuft ähnlich ab wie bei einem Video-Ident-Verfahren. An W
Social werden dabei laut deren Nutzungsbedingungen neben der
Identifikationsnummer des Accounts das Ausstellungsland des Ausweises und
das Geburtsjahr übermittelt.
Zeiter stellte ihr Projekt Anfang des Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum
in Davos vor. In der damals überschwänglichen Rezeption ging die erste
leise Kritik daran unter, dass die neue Firma den Eindruck erweckte, Europa
wäre ein leerer Fleck ohne eigene Plattformen – wie unter anderem Mastodon
und die anderen Teile des [6][dezentralen Open-Source-Netzwerks Fediverse].
Seitdem nimmt die Kritik zu: „W Social ist nicht der Fortschritt, den
Europa braucht“, sagt Sebastian Marg vom Verein Digitale Gesellschaft. Er
kritisiert gleich mehrere Punkte: W Social ist anders als Mastodon und
Bluesky nicht Open Source. Die Pflicht zur Identifizierung sorge womöglich
für deutlich weniger Bots, sei aber zugleich problematisch. „Es ist
bezeichnend, dass prominente Personen wie Ursula von der Leyen oder
Christine Lagarde das Netzwerk offen promoten – und damit solch eine
Verifikation über amtliche Dokumente normalisieren“, sagt Marg.
## Irgendwann geht es auch bei W Social um Geld
Zumal arbeitet W Social gewinnorientiert. Erste Modelle zum Geldverdienen
hat die Firma bereits angekündigt, etwa Werbung, Premium-Funktionen und
Micropayments. Bei Letzterem können Nutzer:innen für einzelne Inhalte,
etwa von Medien, bezahlen, ohne gleich ein Abo abzuschließen. Marg sieht
darin ein Grundsatzproblem. Profitorientierung sei die Ursache der
Probleme, die die Tech-Konzerne verursachen. Das Streben nach Gewinn soll
Nutzende so lange wie möglich auf der jeweiligen Plattform halten – wenn
nötig mithilfe von süchtig machenden Designs und [7][polarisierenden
Algorithmen].
Dass sie um W Social vor allem einem Hype sieht, der von der Realität nicht
gedeckt sei, kritisiert die italienische Aktivistin Elena Rossini in
zahlreichen Blogbeiträgen. W Social ignoriere existierende europäische
Alternativen, zeige Nachlässigkeiten in Sachen Sicherheit und mangelnde
Transparenz: So sei die Plattform anfangs durchaus Open Source gewesen, bis
die Firma den Code still und leise aus dem Netz genommen hat. Eine Anfrage
der taz ließ W Social unbeantwortet.
Für Marg liegt die Lösung für das X-Problem daher nicht in W Social.
Stattdessen brauche es Onlinenetzwerke als Non-Profit-Organisationen. Das
gibt es bereits mit Mastodon und anderen zum Fediverse gehörenden Diensten.
Und es gibt noch eine weitere, vielversprechende Alternative: Eurosky. Das
Projekt wurde im vergangenen Jahr vorgestellt, in diesem Juni kam dann mit
Mu eine passende App dazu. Genau wie Bluesky und auch W Social baut Eurosky
auf dem AT-Protokoll auf. Wer also dort unterwegs ist, kann bei den anderen
Plattformen mitlesen. Hinter Eurosky steckt kein Unternehmen, sondern die
niederländische Modal-Stiftung, die aus einer Kampagne zur Förderung von
Alternativen für Big Tech entstand.
## Eine Frage des Geldes
Doch irgendwann wird es auch um Geld gehen. Nach Angaben von Euroksy ist
die Finanzierung für den Aufbau der Infrastruktur gesichert und zum Teil
auch die Wachstumsphase, in der neue Funktionen dazukommen sollen. Je
stärker der Dienst wächst, desto teurer wird der Betrieb jedoch. Der
Messengerdienst Signal etwa, hinter dem ebenso eine Stiftung steht,
bezifferte seine Finanzen 2026 auf 50 Millionen US-Dollar. Einen
zweistelligen Millionenbetrag kostet demnach alleine die Finanzierung der
technischen Infrastruktur.
Das Beispiel [8][Signal] zeigt, dass es zwar auch ohne das Sammeln und
Vermarkten der Nutzer:innendaten und ohne öffentliche Förderung geht.
Aber gerade Spenden sind eine volatile Einnahmequelle. Marg schlägt daher
eine öffentliche Förderung aus dem Tech Sovereignty Package vor, mit dem
die EU-Kommission digitale Souveränität stärken will.
Und was ist mit Nutzer:innen, die jetzt wechseln wollen, weg von X? Marg
plädiert für Mastodon oder Eurosky. Oliver Marsh von der NGO Algorithmwatch
dagegen findet, man müsse auch an Nutzer:innen denken, die Social Media
nicht für die berufliche oder für politische Kommunikation brauchen,
sondern die abends einfach nur durch lustig-belanglose Videos scrollen
wollen. Für den oder die könne auch eine US-Plattform die geeignetste sein.
Er will sich daher weniger auf einzelne Namen als auf eine
politisch-gesellschaftliche Grundlage festlegen: Wahlfreiheit. „Wichtig
ist, dass Nutzer:innen eine gute Auswahl haben und nicht in
Lock-in-Effekten gefangen sind.“
27 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Svenja Bergt
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