# taz.de -- Buch über Frauenfreundschaften: Geschichten, die wir uns über Freundschaft erzählen
       
       > Was passiert, wenn Freundschaften enden? Die Historikerin Tiffany Watt
       > Smith schreibt originell über begleitende Scham, Zweifel und
       > Verletzlichkeit.
       
 (IMG) Bild: Zum Mythos geronnen: demonstrative Frauenfreundschaft
       
       Was eigentlich ihr Problem sei, fragte sich die britische Historikerin
       Tiffany Watt Smith in ihrem Buch „Gute Freundin, schlechte Freundin“.
       Gerade hatte sie T-Shirts ihrer Tochter tief unten im Wäschekorb versteckt.
       Und zwar jene, auf denen in pinkfarbener Glitzerschrift, von Herzchen
       umrandet, „Best Friends Forever“ oder „Girlfriends!“ prangt. T-Shirts, die
       das Glück feiern, eine beste Freundin zu haben. Oder zu sein.
       
       Ein Glück, das Watt Smith zu dieser Zeit verwehrt blieb: Ihre langjährige
       beste Freundin zog sich immer mehr zurück, Watt Smith fühlte sich in ihrer
       Gegenwart zunehmend unsicher. Der Begriff „beste Freundin“ war für sie
       plötzlich vor allem mit einem Gefühl verbunden: Scham. Dabei war es weniger
       das Ende der Freundschaft, das sie beschämte, als die Vorstellung, als
       Freundin versagt zu haben.
       
       Über dieses Schamgefühl hat Watt Smith ein Buch geschrieben: „Gute
       Freundin, schlechte Freundin“, 2025 in Englisch und nun auch in deutscher
       Übersetzung erschienen, ist eine wilde und lustvolle Mischung aus
       autobiografischen Skizzen, historischen Ausflügen und gegenwärtigen
       Beobachtungen – und eine ebenso kluge wie unterhaltsame Entzauberung des
       [1][Mythos „Frauenfreundschaft“.] Watt Smith gelingt es, die eigene Scham
       produktiv zu machen: Sie wird zum Forschungsantrieb, zum roten Faden.
       
       Dass sie dabei bisweilen stillschweigend voraussetzt, ihre Leserin lebe
       ähnlich wie sie selbst – neugierig, sozial erfolgreich, mit einem
       ungewöhnlich intensiv gelebten Leben – mag man ihr kaum verdenken. Doch wer
       das nicht von sich behaupten kann, ertappt sich gelegentlich dabei, mehr
       Zuschauerin als Gesprächspartnerin zu sein.
       
       ## Langjährige Schamforschung
       
       Watt Smith ist Gefühlshistorikerin und Emotionsforscherin, ihr
       Spezialgebiet: Scham im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Erwartungen.
       Seit fast zwanzig Jahren lehrt und schreibt sie darüber, welche Geschichten
       über Gefühle erzählt werden, welche unrealistischen Erwartungen sie
       auslösen und wie dadurch Schamgefühle entstehen.
       
       Kein Wunder also, dass sie ihre Freundinnen-Scham nicht als privates
       Problem verstand, sondern als Forschungsauftrag. Also macht sie sich auf in
       die Archive und sammelt alles, was sie über Frauenfreundschaften finden
       kann. Sie liest Liebesbriefe, Ratgeber, Zeitungsartikel, soziale Studien,
       philosophische Abhandlungen und Romane, sieht sich Filme und Bilddokumente
       an, spricht mit anderen Frauen, experimentiert mit KI und taucht tief in
       ihre eigenen Freundschaftserfahrungen ein.
       
       Um ihr umfangreiches Material zu ordnen, gliedert die Autorin es in drei
       Kapitel: „Verstrickungen“, „Trennungen“ und „Bündnisse“. Jedes umfasst etwa
       vier Jahrzehnte zwischen 1900 und der Gegenwart. Eine Chronologie, die eher
       als loses Gerüst dient, nicht als strenges Ordnungssystem.
       
       Watt Smith’ Methode ist die der assoziativen Spurensuche: Sie tanzt durch
       die Jahrhunderte, wechselt zwischen Liebesbriefen und Soziologiestudien,
       zwischen Hollywoodarchiven und mittelalterlichen Stadtprotokollen. Nicht
       immer folgt sie dabei einer klaren Beweisführung, ihre Deutungen sind
       manchmal spekulativ, ihre Verbindungen weit gespannt. Doch gerade diese
       Freiheit macht den Reiz des Buches aus. Was dabei sichtbar wird, ist ein
       durchgehendes Muster: Frauenfreundschaften waren nie nur privat.
       
       ## Das eigene Netzwerk verleugnen
       
       Sie wurden geformt, begrenzt und instrumentalisiert: Durch die aufkommende
       Homophobie des frühen 20. Jahrhunderts, die Sexualität und Freundschaft
       sauber voneinander trennte. Durch Ratgeber, die der arbeitenden Frau
       vorschrieben, wie sie sich zu befreunden hatte. Durch eine Filmbranche, in
       der auch [2][Dorothy Arzner] – eine der wenigen Regisseurinnen im Hollywood
       der 1930er Jahre – ihr eigenes Frauennetzwerk verleugnen musste, um als
       Künstlerin ernst genommen zu werden.
       
       Besonders deutlich wird diese gesellschaftliche Formung an den
       Frauennetzwerken, die Watt Smith durch die Jahrhunderte verfolgt. In ihnen
       vermischt sich seit jeher bedingungslose und berechnende Freundschaft. Watt
       Smith entdeckt sie im mittelalterlichen Paris als Überlebensstrategie
       alleinstehender Frauen, findet sie in den 1960er Jahren, als Frauen sich
       verbünden, um Kindererziehung und Selbstverwirklichung zu vereinbaren, und
       im Hier und Jetzt, wenn ältere Frauen [3][Co-Housing-Projekte] gründen.
       
       Genau diese historisch gewachsenen Erzählungen prägen, so Watt Smith’
       Argument, bis heute, was wir von Frauenfreundschaften erwarten – und wie
       wir scheitern. Auf Plattformen wie Instagram oder Tiktok erscheinen sie als
       perfekt kuratierte Nähe: gemeinsame Urlaube, identische Outfits,
       ritualisierte Selfies. Populäre Serien wie „Friends“ oder „Sex and the
       City“ haben dieses Bild emotional aufgeladen und als Lebensmodell
       etabliert.
       
       Widersprüche, Konkurrenz oder Distanz passen nicht in diese Erzählungen –
       und werden deshalb als persönliches Versagen erlebt, nicht als
       strukturelles Problem. Genau hier setzt Watt Smith’ kulturhistorischer
       Blick an.
       
       ## Nicht die Freundschaften sind das Problem
       
       Vielleicht müssen die glitzernden „Best Friends Forever“-T-Shirts gar nicht
       im Wäschekorb verschwinden. Watt Smith zeigt überzeugend, dass nicht die
       Freundschaften das Problem sind, sondern die Geschichten, die über sie
       erzählt werden.
       
       Dass auch ihr eigenes Buch eine solche Geschichte ist – erzählt aus dem
       Leben einer Londoner Akademikerin, die sich in Theaterwelten bewegt, Kinder
       großzieht und trotzdem immer wieder neue, intensive Freundschaften eingeht
       – merkt man bisweilen. Doch das schmälert den Erkenntnisgewinn kaum. Watt
       Smith schreibt über Scham, Zweifel und Verletzlichkeit mit so viel Neugier
       und Originalität, dass ihr Buch auch dann lohnt, wenn sich nicht jede
       Leserin in diesem Leben wiederfindet.
       
       20 Jul 2026
       
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