# taz.de -- Supermarkt mit Genossenschaftsanteilen: Tante Enso, meine Kasse des Vertrauens
       
       > Im Nordwesten Brandenburgs gibt es jetzt einen genossenschaftlich
       > getragenen, rund um die Uhr zugänglichen Supermarkt. Ich will dran
       > glauben.
       
 (IMG) Bild: Einkaufen rund um die Uhr: Blick in einen Laden von Tante Enso
       
       Der Kasse des Vertrauens begegnet man im Sommer häufig an Brandenburgs
       Straßen. Für gewöhnlich steht sie in einem Holzregal neben selbst erzeugten
       Lebensmitteln: Marmelade, Eier, Gemüse, aktuell sind Zucchinis sehr
       beliebt. Das Geld dafür wirft man in eine kleine Sparbüchse.
       
       Will man andere Dinge kaufen, wird es schwieriger. [1][Dass Dorfläden
       sterben, ist Realität]. Sie lassen eine Lücke, die „Tante Enso“ füllen
       will. In Orten, die mindestens 5 Kilometer vom nächsten Supermarkt entfernt
       sind, sucht Enso Unterstützer:innen, die für 100 Euro
       Genossenschaftsanteile zeichnen. Sind 300 Leute beisammen, wird ein Markt
       eröffnet.
       
       In wenigen Jahren hat man es so auf deutschlandweit 80 Filialen gebracht.
       Eine davon steht in Wustrau im Nordwesten Brandenburgs, nicht weit von dem
       Haus, in dem ich seit Kurzem häufiger bin. Die Angebotspalette ist
       ordentlich breit, es gibt halt nicht von allem 20 Varianten, doch sie
       reicht von glutenfreier Bio-Falafel bis zu Deutschland-Deko-Fähnchen, vom
       Fitnessproteinpulver bis zur Tageszeitung. Nur bei Obst, Gemüse,
       Frischfleisch sieht es etwas schmal aus. Sweet ist dafür eine Tafel, auf
       der die Kund:innen Wünsche äußern können, was zukünftig verkauft werden
       soll.
       
       So weit, so dorfladig. Der Clou an Tante Enso ist aber, dass die Filialen
       zwar selten mit Personal besetzt sind, aber dennoch rund um die Uhr
       zugänglich. Man braucht nur eine Chipkarte, die man auch ohne
       Genossenschaftsanteil bekommt, und dann kann man um 3 Uhr nachts allein in
       den Supermarkt gehen und sich alles nehmen, bezahlt wird per
       Self-Check-out. Die Kasse des Vertrauens, da ist sie wieder. Okay – und
       diverse Überwachungskameras.
       
       Bei meinem ersten Besuch bei Tante Enso, zu den regulären Öffnungszeiten,
       gab es kein frisches Brot. Das kommt nämlich vom Bäcker nebenan und der hat
       montags Ruhetag. Dafür bekam ich die Nischenzutat Vanilleschote für einen
       geplanten Kuchen. Beim zweiten Besuch, diesmal an einem Abend,
       funktionierte das mit der Zugangskarte nicht, und ich musste hektisch
       weiter in die nächste Stadt mit „echtem“ Supermarkt fahren. Auf dem Rückweg
       versuchte ich es noch einmal, mit mehr Ruhe, und verstand, warum es erst
       nicht geklappt hatte. Ich kaufte noch Aprikosen.
       
       Das sind Startschwierigkeiten, aber ja nicht schlimm. Und ich hoffe so
       sehr, dass auch nix Schlimmes kommt. Dass kein fieser Skandal aufgedeckt
       wird, keine Mitarbeiter:innen ausgebeutet werden, kein
       Datenschutzshizzle passiert. Dass eine toll und weltverbessernd klingende
       Idee einfach mal genau das ist: toll und weltverbessernd. Weil ich dran
       glauben will, [2][habe ich mir sogar einen Genossenschaftsanteil geholt].
       Es sind meine 100 Euro Vorschuss in die Kasse des Vertrauens.
       
       5 Aug 2026
       
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