# taz.de -- Biopic „Milk“ über schwulen Aktivisten: Sie wollen verdrängen, dass es Mord war
       
       > Als sie vom Anschlag auf den CSD hört, ist die Autorin in San Francisco.
       > Dabei erinnert sie sich an Harvey Milk und seinen gewaltsamen Tod 1978.
       
 (IMG) Bild: Filmszene aus „Milk“ mit James Franco und Sean Penn
       
       Als am Samstag mein Handy aufleuchtete, weil in sämtlichen Gruppenchats
       gleichzeitig nachgefragt wurde, ob alle in Sicherheit sind, brauchte ich
       ein paar Sekunden, um zu verstehen, was passiert war. Während in Berlin um
       23 Uhr langsam klar wurde, dass ein Attentäter [1][den CSD angegriffen]
       hatte, lief ich in der Mittagssonne durch San Francisco. Vor mir lag das
       National AIDS Memorial.
       
       Auf meinem Handy prasselten im Sekundentakt SMS von Freund*innen und
       Pushnachrichten von News-Apps ein. Am Mahnmal vor mir tanzten Menschen
       unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten, jeden Alters und verschiedener
       Herkunft mit bunten Batiktüchern. Um ihrer verstorbenen Freund:innen zu
       gedenken, als Zeichen der [2][Resilienz], als Zeichen von Freude, als
       Widerstandspraxis und vor allem, um Gemeinschaft zu zelebrieren.
       
       Dieses monatliche „Flagging in the Park“-Event auf einer Wiese inmitten des
       Denkmals ist ein Treffpunkt für alte und junge Queers und ihre Allys. Durch
       die massive Gentrifizierung, die San Francisco in den letzten dreißig
       Jahren erlebt, verliert die Stadt immer mehr Community- und damit auch
       Schutzräume. Gerade diese Stadt, die wie wenige andere für queeres Leben
       und Selbstbestimmung steht, die mit The Castro und seit 2020 auch The
       Transgender District gleich zwei offizielle LGBTQI+-Viertel hat.
       
       Aber diesen Status hat die dortige queere Community nicht ohne fortlaufende
       Kämpfe erhalten – und leider auch nicht ohne Opfer durch Hasskriminalität.
       Das bekannteste: Harvey Milk, Bürgerrechtler, Stadtrat und der erste offen
       schwule Politiker der USA.
       
       Vor diesem Lebensabschnitt, ganz am Anfang seiner Politisierung, filmte ihn
       [3][Rosa von Praunheim] auf dem Christopher Street Day 1971 für seinen
       Kurzfilm „Homosexuelle in New York“, ein Film, der heute nur noch selten zu
       sehen ist (einen zweiminütigen Ausschnitt findet man in sozialen Medien).
       Wesentlich bekannter ist das vielfach ausgezeichnete Biopic „Milk“ von Gus
       Van Sant („My Own Private Idaho“, „Good Will Hunting“) von 2008, mit dem
       der Regisseur und sein Hauptdarsteller Sean Penn dem Leben und Wirken Milks
       ein Denkmal setzten. Und eben auch seinem gewaltsamen Tod 1978.
       
       ## Ein hasserfüllter Mord
       
       Den wahren Krimi im Nachgang aber, den lässt der heute zum Klassiker
       avancierte Film, den man aktuell auf vielen Streamingplattformen sehen und
       auch in den meisten öffentlichen Bibliotheken ausleihen kann, aus. Der
       Täter Dan White war ein ehemaliger Polizist. Und das Gericht blickte
       überraschend milde auf ihn. Nicht für Mord, sondern für Totschlag im Affekt
       wurde er verurteilt, zu nur siebeneinhalb Jahren Gefängnis. Im Vorfeld
       hatten Mitglieder von Polizei und Feuerwehr Spenden für seine Verteidigung
       gesammelt.
       
       Von den siebeneinhalb Jahren saß White dann nur fünf ein. Später gab er zu,
       nicht im Affekt getötet, sondern die Morde an Milk und San Franciscos
       Bürgermeister George Moscone sehr wohl geplant zu haben.
       
       Die queere Community San Franciscos protestierte nach der Verkündung des
       Urteils im Mai 1979, die Polizei antwortete mit massiver Gewalt und
       Eskalation. Sie zerschlug die Demonstration, griff Schwulenbars in The
       Castro an und verprügelte wahllos Passanten.
       
       Gus Van Sant fokussierte sich zwar in seinem Film lieber auf die
       Inspiration, die Harvey Milk gegeben hat, auf sein politisches Leben, seine
       richtungsweisende Community- und Bündnisarbeit, auf seine Hingabe an die
       Lokalpolitik.
       
       Eine Erfolgsgeschichte, die der hasserfüllte Mord an Milk aber zum
       Kriminalfall macht. Trotz allen Fortschritts der letzten Jahre ist Milks
       Geschichte leider auch in ihrer Gewalt bis heute erschreckend relevant.
       
       31 Jul 2026
       
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