# taz.de -- Berlins Olympia-Bewerbung: „Ich sage ja nicht, dass Olympia alle Probleme löst“
> Der Olympia-Beauftragte Kaweh Niroomand widerspricht Kritik und Zahlen
> der Bewerbungsgegner. Und will gehört haben, dass Berlin gut im Rennen
> liegt.
(IMG) Bild: Baustelle Olympia-Bewerbung: Warum noch mal sollte Olympia gut für die Stadt sein?
taz: Herr Niroomand, woher nehmen Sie eigentlich noch Ihre Motivation als
Olympia-Beauftragter, zumal als ehrenamtlicher? Die Sache mit der Bewerbung
ist doch de facto gelaufen.
Kaweh Niroomand: Wie kommen Sie denn darauf?
taz: Weil der DOSB, der alles entscheidende Deutsche Olympische Sportbund,
kaum einer Stadt den Zuschlag gibt, bei der danach noch ein ablehnender
Volksentscheid droht, während die Einwohner der Konkurrenz – nur Hamburg
steht noch aus – alle zugestimmt haben.
Niroomand: Also ich höre aus dem DOSB anderes. Man hat uns gerade in den
letzten Wochen noch bescheinigt, dass wir gut im Rennen liegen. Wichtig zu
wissen ist: Der DOSB bewertet die internationale Strahlkraft einer
Bewerberstadt drei-bis viermal so hoch wie die Beteiligung der Bevölkerung.
taz: „Das kann der DOSB nicht sehenden Auges machen“, hat der frühere
DOSB-Chef Torsten Burmester über einen Zuschlag für Berlin gesagt – auch
wenn der zugegebenermaßen inzwischen Oberbürgermeister von
Olympia-Konkurrent Köln ist.
Niroomand: Das ist nicht ganz in Ordnung gewesen, was der Torsten Burmester
da gemacht hat, das habe ich ihm auch persönlich gesagt. Er hat dafür auch
vom DOSB eine Ansage bekommen.
taz: Warum?
Niroomand: Es gibt eine Vorgabe für die Bewerber, sich nicht übereinander
zu äußern. Außerdem ist es auch faktisch nicht richtig, was Burmester
gesagt hat.
taz: Sie waren doch selbst Mitglied im DOSB-Präsidium – Sie hätten allen
Ernstes eine Vergabe befürwortet, über der ein solches Damoklesschwert
hängt? Später die Bewerbung zurückziehen zu müssen, weil die ausgesuchte
Stadt doch nicht will?
Niroomand: Aber das Szenario ist doch gar nicht so.
taz: Wieso nicht? Die Gegenbewegung NOlympia steuert ja auf einen
Volksentscheid 2027 zu, der Spiele in Berlin verbieten soll.
Niroomand: Meine Aufgabe ist es, dieses Verfahren richtig
auseinanderzudröseln und den DOSB-Mitgliedern zu erklären, was das
eigentlich heißt.
taz: Und das wäre was?
Niroomand: Dass NOlympia für einen Volksentscheid zwar in einer ersten
Stufe nur 20.000 Unterstützer finden muss – die werden sie auch kriegen -,
dass aber in der zweiten über 175.000 nötig sind. Da bezweifle ich sehr,
dass die zusammen kommen. Gucken Sie sich doch an, wie das gerade bei
[1][„Berlin autofrei“] nicht klappt, bei „Berlin werbefrei“ noch weniger.
Und selbst wenn, dann wird es keine Mehrheit bei einem Volksentscheid geben
taz: Beim Enteignungs-Volksbegehren war das kein Problem.
Niroomand: Aber das sprach ein Grundthema an, hier ist das etwas anderes.
Das erkläre ich auch den Leuten beim DOSB so – und dann merken die, dass
das Risiko wirklich sehr gering ist, die Bewerbung nachher wieder absagen
zu müssen.
taz: Die Olympia-Gegner argumentieren aber genau in die Richtung, die beim
Enteignungs-Entscheid erfolgreich war: dass die Spiele die Stadt teurer
machen und für Verdrängung sorgen würden. Und der starke Mann bei NOlympia,
Uwe Hiksch, hat bei Großprotesten mehrfach bewiesen, dass er sehr gut
mobilisieren kann.
Niroomand: Spüren Sie denn in der Stadt eine solche Gegenstimmung? Selbst
jetzt beim Landesparteitag der Linken hat das keine Rolle gespielt …
taz: Dafür gab es beim Grünen-Parteitag sehr lauten Beifall, als [2][die
Abgeordnete Klara Schedlich] gegen eine Bewerbung geredet hat.
Niroomand: Das kam nur von einem Teil der Grünen, so denken nicht alle
dort. Warum sitzt denn sonst mit Jörn Oltmann ein grüner
Bezirksbürgermeister im Olympia-Kuratorium? Und auch Dietmar Bartsch von
der Linkspartei?
taz: Mal zurück zu Ihrer Motivation, die ja auch eine Zeitfrage ist –
[3][die Berlin Volleys, die Sie managen], stehen gerade in den Finalspielen
gegen Lüneburg um die Deutsche Meisterschaft.
Niroomand: Ich habe mich neben meinem, ich sage mal, normalen Alltag, ob
als Student oder im Berufsleben, immer gesellschaftlichen Themen gewidmet.
Weil ich glaube, dass zivilgesellschaftliches Engagement eine ganz wichtige
Säule der Demokratie ist. Olympische und Paralympische Spiele sehe ich da
neben allem anderem auch als ganz große Chance für den Zusammenhalt in
unserer Stadt. Alle kritisieren doch gerade, dass eine Vision fehlen würde
– und Berlin braucht eine positive Perspektive. Genau das kann Olympia
sein.
taz: Ihre Motivation muss ja sowieso ziemlich altruistisch sein, zumal Sie
ja noch nicht mal Geld dafür kriegen: Sie sind jetzt 73 und müssten, falls
es 2044 mit den Spielen klappen sollte, schon 91 werden, um die selbst
mitzuerleben.
Niroomand: Meine Mutter ist jetzt 93 …
taz: Okay, das könnte also doch klappen. Aber gehen wir doch mal konkret
die Gegenargumente durch.
Niroomand: Sehr gerne. Da stimmt nämlich vieles nicht.
taz: [4][NOlympia-Organisator Hiksch] hat im taz-Interview gesagt: So wie
sie geplant sind, hätten die Spiele mit Nachhaltigkeit und
Klimagerechtigkeit überhaupt nichts zu tun. Das sei reines Greenwashing.
Niroomand: Das ist völlig falsch. Es gibt vom IOC (Internationales
Olympisches Komitee, Anm. d. Red.) genaue Vorgaben zu Nachhaltigkeit, die
auch für die Vergabe entscheidend sind. Wir wollen komplett CO2-neutrale
Spiele in Berlin. Wir wollen ein Vorbild sein, mit anderen Materialien und
mehr Kreislaufwirtschaft. Das könnte eine Blaupause für viele andere
Großveranstaltungen werden.
taz: Das IOC, das Sie gerade erwähnt haben, ist für die Olympia-Gegner
weiter ein ziemlich dubioser Verein.
Niroomand: Dieser Vorwurf ist längst überholt. Das IOC hat sich stark
reformiert, gerade mit Blick auf Frauen und Nachhaltigkeit. Auch bei mir
findet nicht alles Zustimmung, was dort entschieden wird. Bei so einer
großen Organisation geht das auch gar nicht. Aber gerade die Vergabe der
Spiele ist anders geworden. Früher hat das IOC gesagt: Das sind unsere
Vorgaben, jetzt verändert Ihr Eure Stadt danach. Heute gibt es
Dialogprozesse und keine Entscheidung mehr im Hinterzimmer.
taz: Ein weiteres zentrales Argument: Berlin müsse, statt an
Großveranstaltungen zu denken, erst mal dafür sorgen, dass die Sportanlagen
und Bäder in der Stadt in Ordnung sind.
Niroomand: Erstens: Wir müssen ja keine neuen Sportstätten bauen, sondern
werden nur bestehende Sport- und Veranstaltungsstätten nutzen. Und
zweitens: Ja, Berlin hat einen Sanierungsstau von 1,2 Milliarden Euro bei
den Sportanlagen und dafür gibt es absehbar kein Geld im Haushalt.
taz: Die Gegner sagen: Wegen Olympia aber noch viel weniger – auf 6 bis 16
Milliarden Euro Kosten würde Berlin sitzen bleiben.
Niroomand: Auch das ist so nicht richtig. Dazu komme ich gleich noch.
Lassen Sie uns zunächst bei den Sportanlagen bleiben: In Paris wurden 80
Turnhallen modernisiert, zudem viele Bahnhöfe saniert und barrierefrei
ausgebaut. Außerdem sind mehr als 70 Radwege mit einer Gesamtlänge von rund
275 Kilometern entstanden.
taz: Berlin hat rund 1.200 Sporthallen – 80 klingen da erstmal nicht nach
viel.
Niroomand: Das wäre sehr viel! Wenn wir Olympia nicht machen, wird da viel
weniger passieren. Ich sage ja nicht, dass Olympia alle Probleme löst – so
ein Versprechen darf man nicht geben. Aber wir können damit den
Sanierungsstau auflösen, wir können da Fluss reinbringen.
taz: Kommen wir zu den Kosten – bis zu 16 Milliarden Belastung für Berlin
stimmen also nicht?
Niroomand: Nein, überhaupt nicht. Das lässt sich auch klar erklären. Wir
unterscheiden drei Budgets: eines für die konkrete Durchführung der Spiele,
eines für die Infrastruktur und eines für den Bereich Sicherheit. Das
Organisationsbudget lag in Paris bei rund 5 Milliarden Euro – daran
orientieren wir uns. Dieses Budget wird vollständig privat finanziert, also
durch Einnahmen aus Tickets, Sponsoring und Beiträge des IOC. Paris hat
hier einen Überschuss von etwa 75 Millionen Euro erzielt. Ein ähnlich
positives Ergebnis erwarten wir auch für mögliche Spiele in Berlin.
taz: Was ist mit dem zweiten Bereich, der Infrastruktur?
Niroomand: Dort lagen die Kosten in Paris bei etwa 3,6 Milliarden Euro. In
Berlin würden sie deutlich niedriger ausfallen, da wir bereits über mehr
als 95 Prozent der erforderlichen Sportstätten verfügen. Diese müssten vor
allem saniert und modernisiert werden. Davon würde die Stadt über
Jahrzehnte profitieren. Die Finanzierung dieses Budgets würden sich das
Land Berlin, der Bund – schließlich wäre es im Falle eines Zuschlags eine
nationale Bewerbung – sowie die Privatwirtschaft teilen.
taz: Rund drei Milliarden durch drei – das Land Berlin müsste also etwa
eine Milliarde beisteuern?
Niroomand: Nein, so hoch wird es definitiv nicht ausfallen. Die genaue Höhe
der Investitionen steht noch nicht fest, da wir derzeit noch nicht wissen,
wie groß die Anteile von Bund und Privatwirtschaft sein werden. Klar ist
aber: Der Beitrag Berlins wird deutlich unter einer Milliarde Euro liegen …
taz: … für NOlympia ist das eben gar nicht klar …
Niroomand: … und zudem entsteht ein erheblicher Gegenwert bei dem, was in
einem Unternehmen „Anlagevermögen“ heißt: Etwa durch sanierte Sportstätten
und Straßen, neue Radwege und weitere Infrastrukturmaßnahmen, die aus dem
regulären Landeshaushalt so nicht realisierbar wären. Ein weiterer Vorteil
ist der entstehende Zeitdruck: Mit Olympia gibt es feste Fristen, die dazu
beitragen, Verfahren und Genehmigungen zu beschleunigen und Projekte zügig
umzusetzen.
taz: Und wie groß ist das dritte Budget, das für Sicherheit?
Niroomand: In Paris waren das rund drei Milliarden. Aber das sind ja auch
Aufträge, die in die Stadt oder in die Region nach Brandenburg gehen.
4 May 2026
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