# taz.de -- Deutsche Frauenbewegung: Als eine gelbe Broschüre viral ging
> Abitur ist für Mädchen lange Zeit nicht vorgesehen. Gegen den Zustand
> schreibt Helene Lange Ende des 19. Jahrhunderts an – mit Erfolg.
(IMG) Bild: Helene Lange war eine wichtige Stimme der deutschen Frauenbewegung
Es ist Januar im Berlin des Jahres 1888. Sechs Frauen warten auf die
Entscheidung des Preußischen Abgeordnetenhauses über ihre Petition. Sie
kämpfen um den Zugang zu höherer Bildung für Mädchen.
Im Deutschen Kaiserreich sind zunehmend mehr Frauen des Bürgertums auf
Erwerbsarbeit angewiesen, durch die Industrialisierung gerät das
traditionelle [1][Versorgermodell] ins Wanken.
Dennoch ist mehr Bildung für Mädchen nicht vorgesehen, und so schmettert
das Abgeordnetenhaus die Petition der Frauen ab, ohne diese oder die
beiliegende kleine Schrift im gelben Einband, die die Forderungen erklärt,
großartig zu würdigen. Ein Fehler, denn obwohl die Petition erfolglos
blieb, sollte [2][die „Gelbe Broschüre“] entscheidend zur deutschen
Frauenbewegung beitragen.
## Lehrerin ohne Abitur
Geschrieben hat sie die 1848 geborene Helene Lange. Nachdem sie jung ihre
Eltern verloren hat, muss Lange selbst Geld verdienen und wird Lehrerin.
Doch eine wissenschaftliche Ausbildung bleibt ihr verwehrt. In ihren
Memoiren „Lebenserinnerungen“ schreibt sie: Die Quellen, „die auch dem
dümmsten […] Manne offenstanden, waren mir verwehrt. Vielleicht war diese
Stunde die Geburtsstunde der ‚Frauenrechtlerin‘.“
Damals dürfen Mädchen in Preußen kein Abitur machen, geschweige denn
studieren. An sogenannten höheren Töchterschulen können sie bis zum 16.
Lebensjahr lernen – aber nur so viel, dass sich der Ehemann „am häuslichen
Herd nicht langweilte“. Lange kritisiert das scharf: „Solange die Frau
nicht um ihrer selbst willen als Mensch und zum Menschen schlechtweg
gebildet wird, […] so lange wird es mit der deutschen Frauenbildung nicht
anders werden.“ Mit anderen Frauen aus dem liberalen Bürgertum verbündet
sie sich.
In der „Gelben Broschüre“ – eigentlich „Die höhere Mädchenschule und ihre
Bestimmung“ – fordert Lange, dass Mädchen an höheren Schulen
wissenschaftlichen Unterricht erhalten und dass es staatlich finanzierte
Ausbildungsstätten für Lehrerinnen gibt.
## Auch ohne Petition erfolgreich
Obwohl die Abgeordneten die Petition ignorieren, verbreiten sich Helene
Langes Forderungen und Name schlagartig. Die sechs Petentinnen gründen 1890
den Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein. 1893 werden auf Langes
Initiative hin in Berlin die ersten Realkurse für Mädchen eingerichtet, die
sie gezielt auf das Abitur vorbereiten sollen. 1896 bestehen die ersten
sechs Schülerinnen in Berlin die Reifeprüfung.
Auch außerhalb des Bildungsbereichs engagiert Lange sich und bleibt ihr
Leben lang eine wichtige Figur der [3][deutschen Frauenbewegung]. 16 Jahre
nach der „Gelben Broschüre“ schreibt sie, das große Endziel der
Frauenbewegung sei, dass diese überflüssig werde. Dieses Ziel gilt heute
wohl ebenso wie damals.
1 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Geld-in-Liebesbeziehungen/!5666720
(DIR) [2] https://www.deutschestextarchiv.de/book/show/lange_maedchenschule_1887
(DIR) [3] /Grundgesetz/!6134608
## AUTOREN
(DIR) Hannah Marlene Göschel
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