# taz.de -- Musik zu Gottes Ehre: „Die Kirchenmusik ist doch etwas ganz Besonderes“
> Pascal Kaufmann ist Kantor in Augustusburg. Mit dem Musiksommer stemmt er
> in der sächsischen Stadt ein Festival. Er weiß: Musizieren braucht
> Freiheit.
(IMG) Bild: Lieber eins machen und das dann richtig: Pascal Kaufmann hat sich für Augustusburg entschieden
taz: Herr Kaufmann, Sie sind Kantor in der Kirche in Augustusburg. Was
macht man eigentlich als Kantor?
Pascal Kaufmann: Den Begriff Kantor nutze ich selbst gar nicht so häufig,
weil er eigentlich nur einen Teil des Berufes abbildet. Kantor kommt vom
lateinischen Wort cantare für singen. Aber dieser musikalische Aspekt ist
eben nur ein kleiner Teil meiner Arbeit. Außerdem stellen sich viele unter
„Kantor“ eher einen älteren strengen Herrn mit dicker Hornbrille vor.
taz: Ich denke da auch an Johann Sebastian Bach, der ja lange [1][Kantor in
der Thomaskirche in Leipzig] war. Vielleicht der bekannteste Kantor
überhaupt.
Kaufmann: Ja, das ist ein gutes Beispiel. Aber ich sage lieber einfach
„Kirchenmusiker“. Das umfasst auch das ganze Spektrum als Organist in
Gottesdiensten und bei Hochzeiten, Trauerfeiern, beim Einsegnen. Meine
Aufgabe ist es hier erst mal, mit Fingerspitzengefühl zu jedem Anlass die
passende Musik auszuwählen. Und dann gibt es natürlich die Probenarbeit mit
Ensembles. In unserem Ort umfasst das einen Jugendchor, die große Kantorei
und einen Posaunenchor. Klar gibt es dann auch noch administrative
Aufgaben, Organisation sowie die Pflege aller großen Instrumente. Die
künstlerische Leitung des [2][großen Musiksommers,] den wir 2019 ins Leben
gerufen haben, ist eine Besonderheit der Kirchenmusikstelle hier in
Augustusburg.
taz: Wie sind Sie denn in Augustusburg gelandet? Vorher haben Sie in
Dresden gearbeitet. Wieso hat es sie in diese kleine Stadt im Erzgebirge
gezogen?
Kaufmann: Zu Augustusburg habe ich schon immer einen emotionalen Bezug.
Früher war ich mit meinen Großeltern in den umliegenden Wäldern zum
Pilzesuchen oder wir waren auf der Sommerrodelbahn. Als ich mich vor acht
Jahren auf die Stelle als Kirchenmusiker beworben habe, war ich der einzige
Bewerber. Es war nur eine kleine Stelle und ich habe sie als Ergänzung zu
meiner Stelle als Assistenzorganist an der Dresdner Frauenkirche
übernommen. Irgendwann habe ich mir aber gedacht: „Du machst lieber eins
und das richtig.“ Inzwischen ist diese Stelle etwas aufgewertet worden und
ich unterrichte auch einmal in der Woche am Gymnasium in Augustusburg das
Fach Musik.
taz: Es klingt, als wären Sie in der Stadt verwurzelt.
Kaufmann: Ja, das sind natürlich große Synergieeffekte, wenn man als
Kirchenmusiker am Ort arbeitet, eine große Konzertreihe organisiert und
gleichzeitig noch die Gesichter der jungen Leute kennt, die auch in der
Stadt unterwegs sind. Aber das musste sich auch erst mal entwickeln.
taz: Wie meinen Sie das?
Kaufmann: 2018 habe ich eine erste, noch viel kleinere Konzertreihe als
Probelauf ins Leben gerufen. Ich weiß noch, dass beim ersten Konzert nur
rund 30 Leute da waren. Damals war ich maßlos enttäuscht und habe mich
gefragt, ob ich etwas falsch gemacht habe. Aber dann habe ich mich nicht
abhalten lassen. Und das war im Nachhinein gut so! Man braucht ein bisschen
Mut und Kontinuität, dann wird das bei den Menschen im Erzgebirge auch
wertgeschätzt.
taz: Wie sind denn die Leute im Erzgebirge?
Kaufmann: Natürlich kann ich nicht für alle Menschen hier sprechen. Aber
ich denke, dass man sich Vertrauen anfangs durchaus hart erarbeiten muss.
Wenn man dann aber diese Schwelle gemeistert hat, sind die Menschen sehr
herzlich.
taz: Augustusburg ist eine wirklich kleine Stadt mit nicht einmal 5.000
Einwohnern. Hatten Sie es zu Anfang dort schwerer, weil Sie kein
Augustusburger sind?
Kaufmann: Obwohl ich ja selbst am Fuße des Erzgebirges aufgewachsen bin,
hat es etwas gedauert, hier Fuß zu fassen. Vielleicht kam es mir entgegen,
dass ich nichts Bewährtes fortgeführt habe, sondern vieles neu aufbauen und
gestalten konnte. Damit gab es für vieles nicht die Option: „Aber so haben
wir es schon immer gemacht!“ Inzwischen haben wir einen großen
ehrenamtlichen Kreis von 80 Helfern für unsere Veranstaltungen zum
Musiksommer. Da backen Leute Waffeln, verkaufen Tickets, sammeln Spenden …
Die Konzerte sind gut besucht, von Alt und Jung. Es gibt auch 150
Dauerkartenbesitzer, die sich fast jedes Konzert der Reihe anhören.
taz: Der Augustusburger Musiksommer hat sich in den letzten Jahren zu einer
festen Größe in der Region entwickelt. Was ist das Erfolgsrezept?
Kaufmann: Ich denke, das Erfolgsrezept hat mehrere Zutaten. Natürlich
braucht man zuerst Geschick, sein potenzielles Publikum richtig
einzuschätzen. Dann braucht man eine raffinierte Programmgestaltung mit
einem roten Faden. Vor großen Bravourstücken positioniert man gern einen
Ruhepol. Jeder Konzertgast hat zu jedem Zeitpunkt im Konzert Erwartungen –
bewusst wie unbewusst. In der Dramaturgie spielt man mit diesen Erwartungen
– man bestätigt, man bricht, man überrascht.
taz: Was führen Sie denn zum Musiksommer auf?
Kaufmann: Für die Konzertreihe habe ich mich bewusst für die
Instrumentalmusik entschieden, mit einem Fokus auf die Romantik von Chopin
bis Tschaikowski. Ich mag auch Chormusik total gerne, aber diese
Konzertreihe soll die große Vielfalt an Klaviermusik, Kammermusik und
Orchestermusik präsentieren. Deswegen habe ich auch [3][das Steigerlied]
für unser Orchester, die Junge Philharmonie Augustusburg, neu vertont. Das
originale Steigerlied kann schon fast als sächsische Hymne bezeichnet
werden und hat im Erzgebirge eine unglaubliche Verbreitung. In der
Vertonung beginnt die Musik sanft und demütig, steigert sich, bis
schließlich die Melodie als Hymne erklingt. Ich durfte erleben, dass im
Konzert 800 Gäste in der Kirche aufgestanden und ihnen Tränen über die
Wangen gelaufen sind. Das war schon fast surreal.
taz: Das hört sich nach einem sehr verbindenden Erlebnis an. Schaffen Ihre
Musikprojekte Verbundenheit?
Kaufmann: Ja, schon! Gerade Heimatverbundenheit ist auch nichts Schlechtes.
Dass man einen Bezug zu seiner Herkunft aufrechterhält, ist etwas sehr
Schönes. Die Frage ist, in welchem Moment das Ganze ins Ungesunde
umschlägt. Und das ist in dem Moment der Fall, in dem andere Menschen
ausgegrenzt werden.
taz: Wie sind Sie zur Musik und zu Ihrem Instrument, der Orgel, gekommen?
Kaufmann: Wir, also mein Bruder und ich, hatten einen untypischen Weg zur
klassischen Musik. Unsere Eltern hatten nichts direkt mit Musik zu tun.
Irgendwann war in der Wohnung über uns ein altes Klavier übrig, das wir in
unsere Wohnung gestellt haben. Mein Bruder und ich haben dann beide
Klavierunterricht bekommen und hatten großes Glück mit unserem Lehrer. Er
hat uns unsere Stücke immer selber aussuchen lassen. Das, was wir
ausgesucht haben, war oft viel zu schwer, aber das hat uns dann auch
motiviert. Er war auch Organist, und über ihn haben wir Zugang zu den
Instrumenten in den Dörfern im Umland bekommen. Irgendwann durften wir auch
die große Orgel bei uns im Ort spielen. Das war die Erfüllung eines großen
Traums.
taz: Warum machen Sie Musik, was begeistert Sie daran?
Kaufmann: Der Hauptgrund ist einfach, dass ich Menschen etwas Gutes tun
will. Und mit der Orgel in der Kirche kann man nicht nur Begeisterung
stiften, man kann zum Beispiel auch Trost spenden. Und die zweite
Motivation, für mich als Kirchenmusiker, ist natürlich das „Soli Deo
gloria“, Gott allein sei die Ehre. Kirchenmusik mache ich also auch zur
Ehre Gottes. Das hat Bach übrigens unter seine Kompositionen geschrieben.
Und zum Dritten, das gebe ich gern auch zu, ist es auch die Begeisterung
für die Virtuosität. Aber die Kirchenmusik ist dann doch etwas ganz
Besonderes. Mir hätte es nicht gereicht, in einem Theater oder als
Freiberufler Musik zu machen. Ich möchte meine Musik in den Dienst für
etwas Größeres stellen.
taz: Meinen Sie damit auch die Stadt Augustusburg?
Kaufmann: Ja, vielleicht auch die Stadt. Augustusburg war früher der
tagestouristische Hotspot Sachsens. Das war seit der Wende lange nicht mehr
so. Und jetzt versuchen wir, diesem Ort wieder neues Leben einzuhauchen.
Ich denke, er hat das verdient! Der Musiksommer wird auch nicht unerheblich
durch die Stadt gefördert. Die Stadt erkennt das Potenzial des Projekts und
man merkt auch an der Frequentierung der Cafés, der Parkplätze, der Hotels,
dass auch andere davon profitieren können. Leider erhalten wir im Gegensatz
zu anderen vergleichbaren großen Festivals keine institutionelle Förderung.
Als Kirche sind wir da nicht antragsberechtigt.
taz: Würden Sie sich wünschen, dass das anders wäre?
Kaufmann: Es ist eigentlich nicht Sinn von Kultur, dass man
eigenwirtschaftlich funktionieren muss. Kultur ist ein Gut, das sich eine
Gesellschaft leisten können muss. Das hat Richard von Weizsäcker mal
gesagt, der Altbundespräsident. Ich bin sehr dankbar für die
Kulturförderung, gerade in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Mit
jedem Euro müssen wir verantwortungsvoll umgehen. Und vielleicht sollten
wir auch nicht nach „mehr“ rufen, sondern öfter fragen, wie wir die knapper
werdenden Gelder so verteilen können, dass sie langfristig besser wirken.
taz: Da würden viele Kulturschaffende aber widersprechen.
Kaufmann: Ich finde es total wichtig, dass Kultur eine große Zugänglichkeit
erfährt. Wir brauchen unbedingt kreativen Musikunterricht und Musikschulen.
Wir brauchen gerade im ländlichen Raum Menschen, die andere Menschen
anleiten, gemeinsam zu musizieren oder Kunst und Kultur zu genießen.
Momentan nehme ich eher wahr, dass vor allem Hochkultur extrem stark
subventioniert wird. Es wäre toll, wenn der Fokus stärker auf das
gemeinsame Musizieren in der Kleinstadt oder auf dem Dorf gerichtet wird.
Konkret: auf Musikschulen, Vereine, Kirchgemeinden.
taz: Sie sprechen gerade über kulturpolitische Maßnahmen. Die AfD, die in
Sachsen hohe Umfragewerte erzielt, [4][propagiert, dass es eine
„patriotische Kulturpolitik“ brauche]. Wie denken Sie darüber? Macht Ihnen
das Angst?
Kaufmann: Erst einmal: Es macht Sinn, öfter und genauso intensiv über
Kultur zu diskutieren wie über Sport und alle anderen Themen, die dieses
Land bewegen. Die politische Agenda der AfD sehe ich als Mahnung und
Ansporn, zukünftig noch deutlicher zu artikulieren, welchen Wert die
Freiheit der Kultur hat. Ohne diese Freiheit gäbe es heute viele
Meisterwerke nicht, die wir so schätzen und lieben.
taz: Halten Sie Ihren Job, Ihre Musik und Ihre Projekte für politisch?
Kaufmann: Musizieren ist für mich eine Einladung an jeden. Musizieren
braucht Freiheit – auch Freiheit von politischen Richtungspfeilen. Ich
glaube, dass es in diesen so erhitzten Zeiten Orte geben muss, wo die
Politik mal draußen bleiben darf. Wo ich mich einfach den wunderbaren
Klängen hingeben kann. So sollte es ja auch beim Sport sein – der Anruf von
Donald Trump zur Überprüfung einer Roten Karte hinterlässt ja wohl bei
jedem von uns Kopfschütteln!
taz: Diese Situation [5][gerade bei der Fußballweltmeisterschaft] mit der
Einmischung Trumps war wirklich absurd, da gebe ich Ihnen Recht. Aber
trotzdem hängen Sport und Kultur doch immer mit politischen Entscheidungen
zusammen, oder?
Kaufmann: Ja und nein – die Politik gibt natürlich die Mittelverteilung vor
und kann damit Vorhaben fördern oder eben auch verhindern. Aber die
Motivation und die Kreativität: Das lassen sich die Kulturschaffenden
niemals nehmen, zu keinem Zeitpunkt. Kultur und Musik finden immer ihren
Weg, es kommt nur auf den richtigen Impuls und starke Taktgeber an.
taz: Sie haben den Orgelneubau schon angesprochen. Neben dem Musiksommer
ist das Ihr anderes großes Projekt in Augustusburg, oder?
Kaufmann: Genau. Die Idee dazu ist 2020 geboren. Und nach einem sehr langen
Weg durch Genehmigungen und Finanzierungen bauen wir aktuell tatsächlich
neue Orgeln in der Augustusburger Stadtkirche. Wir bauen sie so, dass
Orgelpfeifen in der ganzen Kirche verteilt sein werden: hinterm Altar, auf
der Empore, an den Seitenwänden. So sitzt man in der Kirche und [6][hat ein
360-Grad-Klangerlebnis]. Vor acht Jahren, als ich in Augustusburg
angefangen habe, hätte ich mir nicht in meinen kühnsten Träumen erträumt,
dass wir so etwas realisieren können. Das passiert einem Organisten
meistens so im 65. Lebensjahr, nach dreißig Jahren Querelen, Frust und
nicht genehmigten Fördermittelanträgen. So gesehen sind sechs Jahre
vielleicht gar nicht so lang. Ende September können wir dieses europaweit
einzigartige Vorhaben einweihen.
taz: Was ist das Besondere an einer Orgel?
Kaufmann: Wenn man Orgel spielt, kann man mit seinen eigenen Möglichkeiten
den ganzen großen Raum einer Kirche füllen. Was gibt es Schöneres? Ich
spiele auch mit meinem Bruder ganz verschiedene Werke auf der Orgel. Da ist
natürlich die Orgelmusik von Bach, wenngleich ich dazusagen muss, dass das
nicht mein Hauptfokus ist. Ich übertrage gerne Orchesterwerke auf die
Orgel, die ich dann mit meinem Bruder vierhändig und vierfüßig spiele.
Orchestermusik ist viel vielseitiger angelegt. Da gibt es verschiedene
Stimmen, verschiedene Varianten, die gleiche Stimme unterschiedlich zu
artikulieren und so weiter. Wenn ich das dann für Orgel umschreibe, ist das
Ergebnis sehr vielseitig und das gefällt uns.
23 Jul 2026
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