# taz.de -- AfD-Fakes gegen Postkolonialismus: Weiße Schuld weißwaschen
> Der AfD-Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich greift die postkoloniale
> Forschung an. Eine Studie offenbart Intentionen und Fakes.
(IMG) Bild: Will mit Fakes die Geschichte des Kolonialismus umdeuten: AfDler Matthias Helferich, aktiv im Internet und auf Social Media
Gedenken kann auch dazu dienen, die Erinnerung zu verzerren. Die Website
„Post“-Kolonialismus hat ein modernes Design. Freundlich schaut der
Verantwortliche mit gepflegten Haaren und ordentlichen Jackett auf der
Startseite. Matthias Helferich hat sich früher mal ironisch eine
Selbstbeschreibung gegeben, die bis heute an ihm haftet: „Das freundliche
Gesicht des NS“. Die [1][postkoloniale Forschung] will er nun als eine von
Mythen getragene Erzähung darstellen. Mit der Kampagne deutet der
AfD-Bundestagsabgeordnete den Postkolonialismus zum „linken Kulturkampf“
um, der eine „weiße Schuld“ propagiere, sagt Berit Kö. Die
wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts „Geschichte statt Mythen“ an
der Universität Jena betont, dass Helferich sowohl die Geschichte des
Kolonialismus als auch des Nationalsozialismus relativieren wolle.
In der selbst ernannten Alternative g[2][reift Helferich, der seit 2021 der
AfD im Bundestag und seit 2025 der Bundestagsfraktion angehört], nicht
alleine die Aufarbeitung der deutschen Geschichte an. Alexander Wolf,
AfD-Bundestagsabgeordneter, beklagte 2024 noch als Hamburger
Bürgerschaftsfraktionsvize, dass mit der Aufarbeitung des Kolonialismus
eine Umdeutung betrieben werde, „um uns Deutschen ein ganz überwiegend
negativ geprägtes Bild unserer Geschichte einzubläuen“.
Mit der Website, auf der sich auch eine Broschüre zum Downloaden befindet,
soll die Debatte nun weiter forciert werden. Die Intention verschweigt
Helferich nicht: „Hiermit sollen Argumente gegen diesen neuen ‚Schuldstolz
für ganz Europa‘ geliefert werden.“ Der Terminus „Schuldstolz“, so Kö in
einer Studie zu der Kampagne, wird hier als ein „perverser Stolz der
Deutschen auf die eigene Schuld“ verwendet.
Die Relativierung der Kritik am Kolonialismus will Helferich mit einem
„Mythen-Check“ forcieren. In den 16 Seiten der Broschüre folgen jedoch
statt Fakten Fiktionen beziehungsweise Fehler. Schon auf Seite 3, betont
Kö, wird Ambalavaner Sivanandan als „afrikanischer Aktivist“ zitiert: „Wir
sind hier, weil ihr dort wart.“ Sivanandan stammt allerdings aus Sri Lanka,
nicht aus Afrika, und leitete das Institute of Race Relations in London.
„Eine Publikation, die antritt, Geschichtsmythen zu entlarven, scheitert an
der Herkunftsangabe ihres ersten Zitatgebers“, hebt Kö hervor. Diese
„rassifizierende Pauschalisierung“ wird mit einem KI-generierten Bild –
neben dem Zitat – von einer schreienden Schwarzen Frau mit erhobener Hand
verdichtet.
## Kö warnt vor einer Doppelstrategie
Viele Mythen will Helferich aufdecken. Etwa den, dass die Sklaverei nicht
erst „mit dem transatlantischen Handel begann“. Eine
„Strohmann“-Argumentation, sagt Kö: „In den Standardwerken zur Geschichte
der Sklaverei wird diese Darstellung gar nicht bestritten.“ Ein weiterer
Mythos, dass Europa die Sklaverei in Afrika aufrechterhielt, soll zudem
widerlegt werden. Kö zeigt aber auf, dass im „Auftakt der kolonialen
Aufteilung Afrikas“ auf der Berliner Kongokonferenz 1884/85 nicht die
Abschaffung der Sklaverei das „Hauptziel“ war, sondern die Abstimmung für
eine „Art Freihandelszone“.
Dass die [3][Niederschlagung des Herero-Aufstands ein Völkermord] war,
möchte der AfD-Bundestagsabgeordneter ebenso als „Mythos“ abwehren. Die
Opfer seien selbst schuld gewesen, da sie entschieden hätten, nach Omaheke
zu gehen. „‚Wählen‘ konnten die am Waterberg Eingekesselten zwischen den
deutschen Gewehren und der Wüste – auf ihrem eigenen Land, in einem Krieg,
den es ohne die Kolonialherren gar nicht gegeben hätte“, so Kö.
In der Studie weißt Kö auf eine weitere Argumentation gegen die
Verantwortung für den Kolonialismus hin. 2021 führte Martin Sellner auf
sezession.net aus, dass ein „postkolonialer Angriff auf den
‚Auschwitz-Mythos‘“ zu einen „Kampf zwischen dem deutschen postnazistischen
Schuldstolz“ führe, da die „Unvergleichbarkeit“ hinterfragt werde.
Kö warnt vor einer Doppelstrategie: „Einerseits wird postkoloniale
Forschung als ideologischer Angriff auf Europa und den Westen bekämpft;
andererseits werden sich einzelne ihrer Interventionen dort angeeignet, wo
sie als Hebel gegen jene kritischen Erinnerungsregime fungieren.“ Das
verbindende Ziel liege in der Schwächung der Erinnerung an die koloniale
und nationalsozialistische Gewalt.
Keine bloße Theorie. Der AfD in Sachsen-Anhalt erscheint die „historische
Aufarbeitung“ inklusive Provenienzforschung so auch als eine weitere
„politische Schuldpolitik“. Der Landeszuschuss für das Deutsche Zentrum
Kulturgutverluste in Magdeburg soll gestrichen werden. Helferich macht den
Postkolonialismus aber auch mitverantwortlich für die „Transformation
Europas in ein multikulturelles Siedlungsgebiet“. Die Kritik an der
postkolonialen Forschung wird so mit der „Remigration“ verbunden. In der
Broschüre führt Helferich unter „Meine Projekte im Kulturkampf“ auch gleich
„Remigration jetzt“ an.
17 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Andreas Speit
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