# taz.de -- 1.618 Tage Krieg in der Ukraine: Dorfdatscha statt Hochhaus
       
       > Sängerin Ruslana Lotsman lebt in einer selbstrenovierten Datscha in ihrem
       > Heimatdorf. Geplant war das nicht, doch zeitgleich die beste Lösung für
       > sie.
       
 (IMG) Bild: Die ukrainische Sängerin und Hochschuldozentin Ruslana Lotsman in ihrer selbstrenovierten Datscha
       
       „Das war eine eher emotionale Entscheidung“, erzählt Ruslana Lotsman über
       ihren Umzug aufs Land. Als sie vor einigen Jahren mit der Renovierung einer
       alten Lehmhütte in ihrem Heimatdorf begann, ahnte die ukrainische Sängerin
       und Unidozentin noch nicht, dass dieses kleine Haus einmal zum
       Hauptwohnsitz ihrer Familie werden würde. Und ihre Kinder im Winter vor der
       Kälte in Kyjiw bewahren könnte, [1][nachdem die russischen Streitkräfte die
       Energieinfrastruktur der Hauptstadt zerbombt hatten].
       
       Ruslana trat damals, noch vor Beginn der Coronapandemie, regelmäßig als
       Sängerin auf und unterrichtete an der Pädagogischen Universität in Kyjiw.
       Ihr Ehemann drehte Filme, die beiden Töchter waren noch klein. Das Häuschen
       im Dorf Syhnajiwka, 190 Kilometer von Kyjiw entfernt, hatte viele Jahre
       leer gestanden.
       
       Ursprünglich hatten sie es als Datscha für die Ferien geplant und
       stückweise instand gesetzt. Während der Pandemie, als so vieles verboten
       war, zog die Familie vorübergehend aufs Dorf. Fast alle
       Renovierungsarbeiten machten sie selber, mit den Materialien, die auch
       ursprünglich verwendet worden waren: Lehm, Holz und natürliche Farbstoffe.
       
       ## Renovierung mit Livemitschnitt
       
       Während der Arbeit sang sie viel. Gemeinsam mit ihren Töchtern im
       Kleinkindalter lernte sie jeden Tag ein neues Volkslied. Ihr Mann filmte
       diesen Prozess, und so entstand ein [2][„Marathon Ukrainospiw“] auf
       Facebook: Jeden Tag veröffentlichten sie neue Videos. Ihre Follower konnten
       so live bei der Verwandlung der alten Lehmhütte in ein lebendiges Zuhause
       zusehen.
       
       Nach der Pandemie ging Ruslana mit ukrainischen Volksliedern auf
       Europatournee. „Es war sehr berührend“, erinnert sie sich, „als nach einem
       Konzert in Italien oder Spanien Menschen zu uns kamen und erzählten, dass
       sie uns von Facebook kannten“.
       
       Nach der russischen Vollinvasion und den heftigen Luftangriffen wurde das
       Leben in der ukrainischen Hauptstadt immer schwieriger – oft ohne Strom, im
       Winter häufig ohne Heizung. Dazu kam: Die Stadtwohnung der Familie im 16.
       Stock eines Plattenbaus wurde zur Belastung, zum Beispiel wenn der Aufzug
       nicht funktionierte, vor allem mit kleinen Kindern.
       
       ## Warm und sicher auf dem Land
       
       Und so siedelte die Familie irgendwann komplett nach Syhnajiwka über. Heute
       fährt Ruslana nur noch in die Hauptstadt, wenn sie Proben oder Vorlesungen
       hat. Die Kinder bleiben im Dorf bei den Großeltern, wo sie ruhig schlafen
       und es vor allem im Winter immer warm hatten.
       
       Denn während der Renovierung wurde auch der alte Ofen mit Sitzbank
       erhalten. Das stellt sich als kluge Entscheidung heraus. Traditionelle
       ukrainische Häuser wurden energieeffizient gebaut. Lediglich die alten
       Holzfenster mussten ersetzt werden. Insgesamt kostete die Renovierung etwa
       2.000 Euro. Vor allem eben, weil Ruslana, ihr Mann und ihre Eltern fast
       alles selber machten.
       
       Auch die Kinder hatten ihre Aufgabe: Sie durften die Ofenwand bemalen. So
       entstand ein großes, buntes Ei, das den Gästen der Familie als
       spielerisches Rätsel dient. „Die Kinder haben zuerst eine traditionelle
       Pysanka, ein traditionell verziertes ukrainisches Osterei, gemalt. Dann
       haben sie einen Teil als Worträtsel gestaltet“, erzählt Ruslana. „Wenn
       Gäste kommen, bitten wir sie, einige Wörter zu finden und sich an ein Lied
       mit diesen Wörtern zu erinnern. Erst danach bieten wir Tee. So lassen wir
       traditionelle Lieder wieder aufleben“, fügt sie lachend hinzu.
       
       Ruslana hat sich inzwischen an das Dorfleben gewöhnt. Seit dem Umzug hat
       sie ihre Dissertation abgeschlossen und ihr drittes Kind zur Welt gebracht.
       Dennoch verlässt sie ihr gemütliches Zuhause regelmäßig für Tourneen,
       insbesondere in den Osten der Ukraine. [3][Seit 2014 tritt sie vor den
       Landesverteidigern auf] und hat bereits Hunderte Konzerte organisiert.
       
       Ihr Traum für die Nachkriegszeit ist es, im Dorf einen künstlerischen Raum
       zu schaffen oder auch ein Festival für Volkslieder zu organisieren. „Immer
       mehr junge Familien in der Ukraine kehren aufs Land zurück, um hier
       ökologische Landwirtschaft und Tourismus zu entwickeln“, sagt sie.
       
       30 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /1429-Tage-Krieg-in-der-Ukraine/!6145750
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=wbborGHrs6w
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=yRBt2iEfwAM
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Grygorij Palij
       
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