# taz.de -- 1.549 Tage Krieg in der Ukraine: Bestickte Hemden als Akt der nationalen Selbstbehauptung
       
       > Die Wyschywanka, das traditionell bestickte Hemd, ist in der Ukraine mehr
       > als nur ein Kleidungsstück. Ihr ist sogar ein eigener Feiertag gewidmet.
       
 (IMG) Bild: Umzug in Charkiw zum Tag der Wyschywanka – Teilnehmer*innen mit dem 50 Meter langen, traditionell bestickten Tuch
       
       Niemand auf der Welt zweifelt das an: Ein Mann im Kilt ist ein Schotte.
       Kein Engländer, kein Ire und kein Waliser. In Großbritannien käme aktuell
       auch niemand auf die Idee, den Schotten das Recht auf ihren Kilt
       abzusprechen. Und überhaupt käme niemand darauf, die Schotten davon
       überzeugen zu wollen, sie seien Engländer. Und selbst, wenn das jemand
       versuchen sollte, käme niemand darauf, es zu glauben. Es wäre ja auch
       absurd.
       
       In der Russländischen Föderation aber ist sogar jetzt, im 21. Jahrhundert,
       alles ganz anders. In der offiziellen Propaganda und nach Meinung nicht
       unbedeutender Teile der Bevölkerung dort ist es ganz normal, Ukrainer als
       „Kleinrussen“ oder beleidigend als „Chocholy“ (nach einer Kosakenfrisur im
       17. Jahrhundert) zu bezeichnen. Und ganz allgemein die Existenz des
       ukrainischen Volkes und der ukrainischen Staatlichkeit zu leugnen.
       
       Und das, obwohl es diese abwertende Bezeichnung „Chocholy“ bei den Russen
       schon seit mindestens 400 Jahren gibt. Es gibt zahlreiche solcher
       Widersprüche in der russländischen Geschichtsschreibung.
       
       Chauvinismus ist der russländischen Kultur auf genetischer Ebene zu eigen.
       Und genau aus diesem Grund haben die Russen Jahrhunderte lang gegen
       jegliche Manifestation ukrainischer Identität und Eigenständigkeit
       angekämpft: Gegen eine Geschichte, die bis in die frühe Fürstenzeit
       zurückreicht, gegen die Sprache, die Literatur, das Theater und die
       Wyschywankas, die traditionell bestickten ukrainischen Hemden.
       
       ## Die ukrainische Identität
       
       Und aus genau diesem Grund haben alle diese Elemente der ukrainischen
       Identität die Menschen seit Jahrhunderten vereint und ihren Widerstand
       gestärkt. Wie in der Physik beim dritten Newtonschen Gesetz: Zu jeder Kraft
       wirkt immer eine gleich große Gegenkraft.
       
       Es ist ärgerlich, dass, so scheint es in der Ukraine, immer noch viele in
       Deutschland und Großbritannien nicht die wahre Natur des russländischen
       Krieges gegen die Ukraine verstehen.
       
       Russland kämpft nicht um Gebiete. Russland, nicht Wladimir Putin allein,
       kämpft gegen die ukrainische Identität. Russen wollen unsere
       Einzigartigkeit vernichten. Und genau deshalb kämpft die Ukraine so
       entschlossen gegen diese Invasion. Wir haben keine andere Wahl, keinen
       Ausweg. Eine Niederlage würde das Verschwinden einer ganzen Nation
       bedeuten.
       
       Sollten Sie es nicht wissen: Immer am 3. Donnerstag im Mai ist – weltweit
       übrigens – der Tag der Wyschywanka, dieses Jahr war er am 21. Mai. Trotz
       der Angriffe und Todesopfer am Morgen wurde in der ostukrainischen
       Großstadt Charkiw dieser Tag mit einem Umzug begangen. Wie auch schon vor
       dem Krieg.
       
       Hunderte von Menschen (würden die anderen nicht kämpfen, wären es Tausende
       gewesen) hatten ihre bestickten Hemden angezogen und trugen einen fünfzig
       Meter langen Rutschnyk, ein mit ostukrainischen Sloboschansker Ornamenten
       besticktes Tuch. Um zu zeigen, dass der Osten der Ukraine uraltes
       Kosakenland ist, das unter keinen Umständen Teil des modernen russischen
       Imperiums werden kann.
       
       Für uns ist der Wyschywanka-Tag ein fröhlicher Feiertag.
       
       Aus dem Russischen Gaby Coldewey
       
       22 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Juri Larin
       
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