# taz.de -- Rassismus bei der WM: Nachsicht mit Menschenfeinden
       
       > Die Fifa rühmt sich gern für ihren Kampf gegen Rassismus. Falsch ist das
       > nicht. Wenn aber der Rassismus von oben kommt, fehlt es an Haltung.
       
 (IMG) Bild: Vinícius Júnior ist häufig Betroffener von Rassismus. Der letzte Vorfall hat zu einer neuen Regel bei der WM geführt
       
       „Rassismus ist etwas Schreckliches“, das hat Verbandschef Gianni Infantino
       auf dem Fifa-Kongress 2024 in Bangkok festgestellt. Damals wurde ein
       Zeichen vereinbart, das Spieler seither verwenden können, um für alle
       sichtbar auf rassistische Vorfälle auf und neben dem Spielfeld aufmerksam
       zu machen: gekreuzte Arme vor dem Oberkörper.
       
       Der Kampf gegen Rassismus ist bei der Fifa schon seit geraumer Zeit ein
       großes Thema. Etliche Maßnahmen wurden eingeführt, [1][Kampagnen gestartet]
       und Sanktionsmechanismen verschärft. Dass bei dieser WM Fußballspieler
       ihrem Gegner nicht mehr hinter vorgehaltener Hand etwas sagen dürfen, geht
       auf eine kurzfristige Initiative von Infantino zurück. Der Brasilianer
       Vinícius Júnior wurde auf diese Weise im März bei einem
       Champions-League-Spiel rassistisch beleidigt. So etwas sollte bei der
       Fifa-WM verunmöglicht werden.
       
       Und über die Hassportale im Internet wacht die Fifa mit zunehmender
       Intensität. Anfang Juli vermeldete der Verband, man habe während der WM
       sechs Millionen Beiträge gescannt. Darunter seien 225.000 Kommentare zur
       manuellen Überprüfung weitergeleitet worden. Dabei seien 89.000 Posts mit
       beleidigenden Inhalten identifiziert worden. 11 Prozent davon seien
       rassistisch motiviert gewesen. Generell wird eine Zunahme von Rassismus auf
       Social Media im Vergleich zur WM 2022 attestiert.
       
       Der Fifa ist im Kampf gegen den Rassismus ein gewisses Engagement nicht
       abzusprechen. Was aber bei dieser WM auffällt: Der Einsatz ist besonders
       intensiv, wenn es um die anonyme und breite „Masse“ rassistischer Vorfälle
       geht. Je konkreter und prominenter es wird, desto zahnloser erscheint die
       Fifa.
       
       ## Kein Protest gegen rassistische Abweisung
       
       Beim Fifa-Kongress 2024 hatte Infantino die politischen Entscheidungsträger
       weltweit dazu aufgefordert, Rassismus zu einem Straftatbestand zu erklären.
       Vergleichsweise nachsichtig geht er nun während der WM mit dem Rassismus
       um, der von politischen Entscheidungsträgern ausgeht.
       
       Keinen Protest gab es von der Fifa, als die von der US-Regierung
       dirigierten Behörden den somalische Schiedsrichter nicht für die WM
       einreisen ließen. Er wurde pauschal wegen Terrorismusverdachts abgewiesen,
       ohne irgendwelche konkreten Belege. Ebenso wie Fußballfans aus der Côte
       d'Ivoire, Senegal oder Haiti pauschal die Einreise verweigert wurde.
       
       Als Paraguays Senatorin Celeste Amarilla de Boccia den französischen
       Ausnahmekönner [2][Kylian Mbappé aufs Übelste rassistisch beleidigte,]
       verurteilte dies Infantino zwar „unmissverständlich“, aber als
       Straftatbestand bewertete er den Rassismus der Politikerin lieber nicht.
       
       Und dass diese Woche mit dem spanischen ehemaligen Regierungschef
       [3][Mariano Rajoy ein weiterer Berufspolitiker seine Menschenfeindlichkeit
       an Mbappé ausließ], war der Fifa bislang nicht einmal eine Stellungnahme
       mehr wert.
       
       Der eigenen Glaubwürdigkeit im Kampf gegen Rassismus dient das natürlich
       nicht, wenn mit zweierlei Maß gemessen wird. Und selbst die scheinbar
       griffigsten Regeln helfen nichts, wenn sie zur Interpretationsmaterie
       werden. Paraguays Miguel Almirón wurde vom Platz gestellt, als er im Spiel
       gegen die Türkei die Hand vor den Mund nahm. Marokkos Issa Diop durfte
       trotz des gleichen Vergehens in der Partie gegen Frankreich weiterspielen,
       weil das in diesem Fall angeblich nicht so konfrontativ aussah.
       
       Der als homophob und diskriminierend verstandene „Puto“-Ruf der
       mexikanischen Fans (ins Deutsche am ehesten mit dem Wort „Stricher“ zu
       übersetzen) wurde von der Fifa schon mehrfach sanktioniert. Bei dieser WM
       sah man wiederum großzügig darüber hinweg. Es folgte nicht einmal eine
       Durchsage des Stadionsprechers, wie es das Fifa-Protokoll vorsieht.
       
       Das Grundproblem dieser WM aber scheint der Rassismus von oben zu sein.
       Angesichts dessen wirken die Löscherfolge von menschenverachtenden
       Kommentaren auf Social Media, welche die Fifa so gern vermeldet, wie
       Sisyphusarbeit. Wenn die Fifa dem Rassismus von politischen Vertretern
       weiter so zahnlos entgegentritt, wird es immer mehr zu löschen geben.
       
       14 Jul 2026
       
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