# taz.de -- Gesundheitsversorgung von Obdachlosen: „Wir sind Überzeugungstäter:innen“
> Die Arztmobile versorgen Menschen, die keinen Zugang zur
> Gesundheitsversorgung haben. Die Hitze bringt besondere Herausforderungen
> mit sich.
(IMG) Bild: Olaf Schüßler, nicht im Einsatz, aber bei einem Pressetermin vor der Caritas-Beratungsstelle in Moabit
Olaf Schüßler sitzt auf der Ladefläche eines weißen Transporters. Im
Innenraum sind ein Behandlungsstuhl und mit Medikamenten und Verbandszeug
vollgepackte Schränke. Normalerweise fährt der Rettungssanitäter und
Sozialarbeiter mit dem Arztmobil der Caritas durch die Stadt, um obdachlose
Menschen medizinisch zu versorgen. „Zu uns können die Menschen in jedem
Zustand kommen, egal ob sie alkoholisiert oder [1][entzügig] sind“, sagt
Schüßler.
Doch am Dienstagvormittag im Berliner Ortsteil Moabit sind es vor allem
Journalist:innen, die zu Schüßler kommen. Anlass ist eine Spendenübergabe
des Pharmaunternehmens Bayer. 21.000 Euro für die Caritas und die
Stadtmission, die ein weiteres Arztmobil betreibt. Geld, das dringend
benötigt wird: „Die Schere zwischen dem, was wir brauchen und dem, was wir
bekommen, wird jedes Jahr größer“, sagt Schüßler.
Dabei gibt es mehr als genug zu tun. Wie viele Menschen in Berlin auf der
Straße leben, ist nicht erfasst. Im Februar 2024 waren es laut der
Senatsverwaltung rund 6.000. Doch Expert:innen schätzen die Dunkelziffer
viel höher und sind sich sicher, dass sie zunimmt. Allein die Zahl der in
Wohnheimen, Trägerwohnungen und Notunterkünften Untergebrachten stieg in
den letzten beiden Jahren um über 10.000 auf 57.575 Menschen.
Dagegen wirken die rund 900 Menschen, die das Arztmobil pro Jahr behandelt,
wenig. „Wir sind nur zwei mobile Fahrzeuge in Berlin und kämpfen jedes Jahr
um die Gelder“, so Schüßler. [2][Die Kürzungspolitik des Senats] mache sich
auch in seiner Arbeit bemerkbar.
## Kein Zugang zur Gesundheitsversorgung
Viele Menschen auf der Straße hätten aus unterschiedlichsten Gründen
Schwierigkeiten, Arztpraxen oder Notaufnahmen aufzusuchen. Einige seien
Mobilitätseingeschränkt und säßen im Rollstuhl, andere hätten schlechte
Erfahrungen mit Behörden gemacht. Viele hätten keine Krankenversicherung
und würden vor Ort abgewiesen.
„Gesundheit ist ein Menschenrecht“, sagt Schüßler, sich selbst und seine
Kolleg:innen bezeichnet er als „Überzeugungstäter:innen“. Das Arztmobil
fährt mit einem Team aus Mediziner:innen, Sozialarbeiter:innen und
Ehrenamtlichen von Montag bis Donnerstag bekannte Orte ab, an denen
Obdachlose sich aufhalten.
„Wir machen vor allem hausärztliche und pflegerische Versorgung“, sagt
Schüßler. Im Grunde hätten die Patienten die gleichen medizinischen
Probleme, die Menschen mit Wohnung auch haben – etwa Atemwegserkrankungen
und Infekte, sagt Schüßler. Aber es gebe auch Krankheitsbilder, die vor
allem Menschen beträfen, die auf der Straße leben. „Das sind vor allem
infektiöse Hauterkrankungen wie Schleppe“, erklärt der Rettungssanitäter.
Auch die durch Milben verursachte Krätze sei weitverbreitet.
Aufgrund von [3][Drogen oder Alkoholkonsum] seien die Gefäße von vielen
Patient:innen angegriffen, erklärt Schüßler. Daher seien vor allem die
unteren Extremitäten im schlechten Zustand. „Die Beine sind sehr
geschwollen und gespannt, Wunden heilen nur langsam.“
## Herausforderung Hitze
Im Sommer kämen dann noch Fliegenlarven hinzu, die Eier in die Wunden
legten. Die Maden seien eigentlich „gar nicht so schlecht“, da sie nur
totes Gewebe fressen, müssten aber dennoch entfernt werden. Ein Großteil
der Arbeit bestehe daher daraus, Wunden zu versorgen und Verbände zu
wechseln.
Zudem verlierten die Menschen viel Flüssigkeit durch den Alkoholkonsum.
„Dann kann es schnell zur Hitzeerschöpfung kommen“, sagt Schüßler. Auch
Sonnenbrände müssten häufig behandelt werden.
Die meisten medizinischen Probleme seiner Patient:innen seien gut
behandelbar, sagt Schüßler. Die weitaus größere Herausforderung sei, die
Menschen zu erreichen und vertrauen aufzubauen. Es sei keine leichte
Aufgabe, Patient:innen zu überzeugen, ihre Ansprüche auf
Krankenkassenleistungen wahrzunehmen, damit sie einen Facharzt aufsuchen
können.
Neben dem Bus bietet die Caritas auch eine Beratungsstelle an, die Menschen
ohne Papiere oder Krankenversicherung hilft, Gesundheitsleistungen in
Anspruch zu nehmen, in etwa durch einen Notfallfonds. Doch das Angebot ist
ungleich hochschwelliger als das Arztmobil, besonders für Suchtkranke oder
Menschen mit psychischen Problemen.
## Verdrängung funktioniert nicht
Soziale Arbeit und medizinische Versorgung sind im Angebot des Arztmobils
deshalb eng miteinander verflochten: Ein Verbandswechsel kann Vertrauen
aufbauen, um auch Hilfe für die Wohnungssuche in Anspruch zu nehmen. „Die
beste Art mit Menschen umzugehen, ist, sie ernst zu nehmen. Das machen wir,
egal was sie uns erzählen“, sagt Schüßler. So habe das Team einen Umgang
mit den in den letzten Jahren stark zugenommenen psychischen Problemen der
Patient:innen gefunden.
Doch das funktioniere nicht immer. „Man muss die Prozesse oft wieder neu
beginnen, weil die Menschen wegbrechen und sich nicht mehr um sich
kümmern“, sagt Schüßler. Auch der politische Umgang mit obdachlosen
Menschen, der zunehmend auf Verdrängung setzt, mache seine Arbeit nicht
einfacher.
Zuletzt sorgte die Ankündigung der Deutschen Bahn, [4][ein generelles
Alkoholverbot an den Bahnhöfen] durchzusetzen, für Kritik in der
Obdachlosenhilfe. Die Maßnahme ziele vor allem darauf ab, wohnungslose und
suchtkranke Menschen zu verdrängen, sagt Schüßler. [5][Auch der Zaunbau um
den Görlitzer Park] wurde vor allem als Versuch gesehen, den Ort für die
dort ansässige Drogenszene unattraktiv zu machen. „Wenn unsere
Patient:innen von den klassischen Orten verdrängt werden, müssen wir
sie suchen.“
29 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
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