# taz.de -- Plan für Kliniken im Krisenfall: Hamburg will Krankenhäuser kriegstüchtig machen
> Ein Rahmenplan soll Hamburgs Kliniken auf den Verteidigungsfall
> vorbereiten. Die Linke kritisiert die Krisenmedizin, in der die Triage
> zur Regel wird.
(IMG) Bild: Nicht nur Soldaten sollen auf den Kriegsfall vorbereitet sein: Militär im Rahmen einer Übung im Hamburger Hafen
Es sind Szenarien wie aus Katastrophenfilmen, aufgeschrieben in trockenem
Behördendeutsch. Mit dem neuen „[1][Rahmenplan Zivile Verteidigung im
Bereich der Hamburger Krankenhäuser]“ (ZVKH) haben die Sozialbehörde, die
Hamburgische Krankenhausgesellschaft und die Plankrankenhäuser, also jene
33 Krankenhäuser, die in den [2][Landes-Krankenhausplan] aufgenommen worden
sind, einen gemeinsamen Handlungsrahmen für „außergewöhnliche und
langanhaltende Krisenlagen“ vorgelegt.
„Das Ziel ist es, ein tragfähiges Krisenmanagement in den Krankenhäusern
für möglichst alle denkbaren Szenarien sowie resiliente und skalierbare
Versorgungsstrukturen in der medizinischen stationären Versorgung zu
gewährleisten“, heißt es in dem Plan. „Darüber hinaus soll eine
Standardisierung der Kommunikation zwischen den beteiligten Akteuren
erreicht werden.“
Erstmals wird damit ausdrücklich auch die Vorbereitung auf einen
Nato-Bündnisfall und die militärische Nutzung ziviler Gesundheitsstrukturen
offiziell zum Bestandteil der Hamburger Klinikplanung.
Während die Behörde in dem Plan ein notwendiges Sicherheitsinstrument für
eine veränderte geopolitische Lage sieht, kritisiert die Linksfraktion die
Ausrichtung der neuen Strategie. Sie warnt vor den sozialen und
arbeitsrechtlichen Problemen, die entstünden, wenn Krankenhäuser nicht nur
krisenfest, sondern „kriegstüchtig“ gemacht würden.
## Konkrete Maßnahmen für Krisenfälle
Der Plan ist als „All-Gefahren-Ansatz“ und Ergänzung zu den bisherigen
Alarm- und Einsatzplänen konzipiert, die sich vor allem auf lokale
Ereignisse wie Großunfälle konzentrieren. Der neue Rahmenplan adressiert
nun Szenarien, die das ganze gesellschaftliche Gefüge gefährden könnten.
Darunter fallen etwa Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur,
[3][großflächige Stromausfälle] oder eben die veränderte
sicherheitspolitische Lage in Europa.
Die skizzierten Maßnahmen sind konkret: Der Plan regelt beispielsweise den
Informationsaustausch bei Totalausfällen der Informationstechnologie, er
gibt Empfehlungen, wie Notstromaggregate autark betrieben und verschüttete
Trinkwasserbrunnen reaktiviert werden können. Zudem entwirft der Plan
Logistikkonzepte, bei denen die Hamburger Hochbahn, der Flughafen oder die
Airbus-Werke Ankunftspunkte für Massen an Verletzten werden könnten.
Ein Aspekt ist die „personelle Resilienz“. Um den prognostizierten Bedarf
an medizinischem Personal in Krisenzeiten zu decken, soll ein „Landespool“
aus rund 20.000 Pflegeunterstützungskräften aufgebaut werden, die im
Ernstfall die medizinischen Einrichtungen verstärken sollen.
## Grundsatz „Alles für alle“ wird aufgegeben
Zudem soll die Steuerung von Patient:innen neu geordnet werden, die
greifen soll, wenn Kliniken überlastet sind. Geplant sind dafür
standardisierte Verfahren, die es ermöglichen sollen, Verletztenströme
überregional zu koordinieren, um Engpässe in den Krankenhäusern abzufedern.
Ethisch heikel ist, dass der ZVKH erstmals das Konzept einer
„dekompensierten Krisenversorgung“ ausbuchstabiert: Wenn eine
[4][individualmedizinische Standardversorgung] nicht mehr aufrechterhalten
werden kann, geht es ausdrücklich nur noch um eine reine
Überlebenssicherung, bei der [5][eine medizinische Triage] – also eine
Priorisierung nach Überlebenschancen – zur Regel wird. Der Grundsatz „Alles
für alle“ wird aufgegeben, medizinische Güter werden dann so verteilt, dass
die größtmögliche Anzahl an Menschenleben gerettet werden kann.
Der Plan unterscheidet vier Stufen: Während in der Standardversorgung ein
uneingeschränkter Krankenhausbetrieb möglich sei und medizinische Standards
erfüllt werden, gehe es bei einer „gesicherten kompensierten
Krisenversorgung“ noch darum, „Überleben und funktionelles Outcome“
sicherzustellen sowie die „Wiederherstellung der Lebensqualität“ zu
ermöglichen. In der dritten Stufe, der „gefährdeten kompensierten
Krisenversorgung“, gehe es nur noch um Überleben und funktionelles Outcome.
In der vierten Stufe, der „dekompensierten Krisenversorgung“ schließlich
gehe es nur ums Überleben möglichst vieler.
Funktionelles Outcome heißt in diesem Zusammenhang, dass ein:e
Patient:in nach einer Verletzung oder Krankheit wieder so gut wie
möglich am Leben teilnehmen kann. Bei einer „dekompensierten
Krisenversorgung“ reichen die Ressourcen nur aus, um den Tod abzuwenden,
aber nicht mehr, um eine Genesung oder Rehabilitation zu garantieren.
Dass mit dem Rahmenplan explizit in Kauf genommen wird, medizinische
Standards abzusenken und auch das Arbeitszeitgesetz im Krisenfall
weitgehend auszusetzen, lässt bei der Linksfraktion die Alarmglocken
läuten. Sie fordert, dass die Hamburgische Bürgerschaft sich umfassend mit
dem Konzept auseinandersetzt.
Krankenhäuser müssten krisenfest sein, sagt Deniz Çelik,
gesundheitspolitischer Sprecher der Fraktion. Er warnt aber davor,
Krankenhäuser „kriegstüchtig“ zu machen. „Wenn im Bündnisfall militärisch
zugeführte Verwundete in Hamburger Krankenhäuser verteilt werden, stellt
sich die zentrale Frage: Wer verliert dann Betten, Personal, OP-Kapazitäten
und Intensivplätze?“, so Çelik. „Der Rahmenplan bleibt gefährlich unklar,
was das für zivile Patientinnen und Patienten bedeutet.“
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Finanzierung. Während Hunderte Millionen
Euro für die Militarisierung im Krankenhauswesen vorgesehen seien, fehle es
im Alltag an Personal, Notaufnahmen seien überlaufen und [6][die Pflege am
Limit], kritisiert die Linke.
Um die Krankenhäuser auf einen Ernstfall vorzubereiten, veranschlagt der
Plan Investitionskosten von 134,7 Millionen Euro und jährliche
Betriebskosten von 30 Millionen Euro. Bislang gibt es dafür aber weder auf
Bundesebene noch im Hamburger Haushalt verbindliche Zusagen.
13 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://dokumente.hamburg.de/resource/blob/1195138/9fe0a28976467c32c6b5bd9d1b2604ce/d-rahmenplan-zvkh-broschuere-data.pdf
(DIR) [2] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/sozialbehoerde/themen/gesundheit/krankenhaus/krankenhausplanung
(DIR) [3] /Lehren-aus-dem-Stromausfall-in-Berlin/!6193731
(DIR) [4] /Gruenen-Politiker-zu-Gesundheitsreformen/!6191503
(DIR) [5] /Triage-Regel/!6126912
(DIR) [6] /Das-Reformpaket-und-seine-Folgen/!6193820
## AUTOREN
(DIR) Robert Matthies
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