# taz.de -- Besuch in Obdachlosencamps in Kansas: Die Hoffnung auf etwas Güte
> In der WM-Stadt Kansas City ist die große Zahl der Obdachlosen nicht zu
> übersehen. Das Turnier hat deren Lage teils verschlimmert, teils
> verbessert.
(IMG) Bild: Helfer spricht in einem Obdachlosencamp von Kansas City mit einer Frau im Zelt
Das Camp liegt im Wald an einer Schnellstraße verborgen. Ein matschiger
Pfad führt steil abwärts; man muss den Ort kennen, um ihn zu finden. Im
Schutz einer Brücke an einem trüben Bach sind Zelte aufgebaut, Menschen
haben sorgsam Sitzgelegenheiten aufgebaut und Pappen ausgelegt.
Habseligkeiten und Müll liegen herum. Ein Obdachlosencamp in Kansas City,
etwa zehn Männer und Frauen sind an diesem Vormittag dort. Die Organisation
[1][Care Beyond the Boulevard (CBB)] reist heute auf Wunsch an. Es gab eine
Bitte aus dem Camp, Wunden sollen versorgt werden. Die Helfer:innen
kündigen sich laut an. „Medizinisches Team!“ Niemand soll sich überrumpelt
fühlen. Oberhalb führt die Brücke zum WM-Stadion. „Ich wette, keiner der
Fans hat die Leute bemerkt“, sagt Russell Kohl.
Er ist Arzt und heute ehrenamtlich hier. Care Beyond the Boulevard soll ein
wenig von der Dysfunktionalität des US-Gesundheitssystems auffangen. Die
Organisation, die sich durch Freiwilligenarbeit, Spenden und Fördermittel
finanziert, bietet kostenlosen medizinischen Service vor allem für
Obdachlose, Wohnungslose und Menschen ohne Krankenversicherung. Es gibt
einen festen Ort namens „Beehive“ (Bienenstock), wo Betroffene Ärzt:innen
aufsuchen können, aber auch Hilfe bei psychischen Problemen und Sucht, beim
Beantragen von Papieren oder bei der Wohnungssuche erhalten. Und mehrfach
pro Woche fährt ein Team eine Liste von Straßenvisiten ab wie heute. CBB
versorgt nach eigenen Angaben mithilfe von etwa 300 Ehrenamtlichen und 30
Festangestellten rund 3.500 Patient:innen. In einer Stadt, die geschätzt
4.000 Obdachlose zählt, übernimmt sie eine quasistaatliche Funktion.
Obdach- und Wohnungslosigkeit, das ist in den Medien kein Thema bei dieser
WM. Und das, obwohl es in vielen US-Gastgeberstädten Debatten über
Vertreibungen und Räumungen gab, auch in Kansas City. Doch die offiziell
[2][über 770.000 Menschen in den USA, die auf der Straße oder in
Notunterkünften leben,] empören wenige. Obdachlosigkeit als Normalität,
nicht als Verbrechen am Menschenrecht auf Wohnraum und ein würdevolles
Leben.
Ihre Zahl entspricht etwa der Bevölkerung Frankfurts. Die Zahlen steigen
seit Jahren, zuletzt um einen Rekordwert von 18 Prozent innerhalb eines
Jahres. Fehlender Wohnraum und explodierende Mieten, Inflation und
stagnierende Gehälter, die Ursachen sind [3][ähnlich wie in Deutschland].
Verschärfend hinzu kommt eine hohe Straßenobdachlosigkeit, sie betrifft
etwa ein Drittel der Menschen ohne Wohnung. In der Gastgeberstadt Kansas
City leben 95 Prozent der chronisch Obdachlosen auf der Straße. So viele
wie in keiner anderen US-Stadt.
## Alles verloren nach dem Tod ihres Mannes
Ihre Geschichten sind oft die von Menschen, die lange Teil der Gesellschaft
waren. „Vor sechs Jahren ist mein Mann an Krebs gestorben“, erzählt eine
Frau. „Ich hatte alles, und plötzlich hatte ich nichts mehr.“ Dreimal sei
sie verheiratet gewesen, zwei schlechte Ehen seien darunter gewesen. „Ich
passe auf mich selbst auf.“ Alle möglichen Jobs habe sie gehabt, sechs
Jahre lang sei sie Lehrerin gewesen. „Sie fanden mich unorthodox, denn
statt des vorgeschriebenen Lehrplans habe ich den Kindern Themen zur
Auswahl gegeben. Die Kinder haben das geliebt.“ In ihrer zweiten Ehe sei
ihre Stieftochter erschossen worden. Der Mörder sei im Gefängnis, aber sie
selbst habe einen Nervenzusammenbruch gehabt und sei kurz in einer Anstalt
für psychisch Kranke gewesen. „Ich habe dort Dinge gesehen, die ich nicht
hätte sehen sollen.“
Viele dumme und verrückte Sachen habe sie in ihren Dreißigern gemacht. Bis
ihr letzter Mann gekommen sei. Nicht viel hätten sie besessen, aber
glücklich seien sie gewesen. „Wir waren beste Freunde. Seine letzten Worte
waren: ‚Ich liebe dich.‘ Ich höre sie jeden Tag.“ Er habe gewollt, dass sie
glücklich sei. „Man muss sich aufrappeln.“ Im Camp hat sie wieder einen
festen Freund, sie möchte ihn symbolisch heiraten, CBB will ein Kleid
organisieren. Ein Mann, ihre Hunde, eine Gitarre, was sonst, fragt sie,
brauche man zum Glück? „Ich will wieder auf die Füße kommen und arbeiten.
Ich will nicht, dass sich jemand um mich kümmert.“ Sie hat eine Aussicht
auf eine Wohnung. Der neue Freund soll mitkommen. „Es wird ein volles und
glückliches Haus.“
„Die meisten unserer Patient:innen sind durchs Raster gefallen“, sagt
der Arzt Russell Kohl. Nach offiziellen Angaben waren 2025 rund 28
Millionen US-Amerikaner:innen unter 65 Jahren ohne Krankenversicherung. Das
entspricht 10 Prozent der Bevölkerung. „Die allgemeine Ansicht unter
Regierenden ist: Wer jung und gesund ist, soll arbeiten.“
Unter seinen Patient:innen beobachte er einen Teufelskreis: Etwa ein
Drittel habe psychische Probleme, oft Schizophrenie, zumeist schon vor dem
Wohnungsverlust. „Medikamente würden helfen, aber sie können sich die
Medikamente nicht leisten. Und solange es ihnen nicht besser geht, nehmen
sie diese nicht regelmäßig.“ Dann konsumierten viele, die lange auf der
Straße leben, Meth, um wach zu bleiben. „Denn wer nachts einschläft, wird
ausgeraubt, vergewaltigt oder verprügelt.“ Die Droge aber verunmögliche es,
einen Job zu bekommen. „Bei quasi jedem Job gibt es vorab einen Drogentest.
Ohne Job kriegen sie keine Krankenversicherung. Und ohne die kommen sie
nicht von den Drogen los.“
## Hilfsprogramm anlässlich der WM gestartet
Was helfen kann? Wenn es nach Russell Kohl geht, vielleicht die WM. Kansas
City habe die Obdachlosigkeit der Welt nicht zeigen wollen. Der Arzt hatte
befürchtet, es würde zu Vertreibungen kommen. Zwar sei etwas passiert; aber
vor allem habe Kansas City konstruktiv agiert und ein
Housing-First-Programm für zentrale Viertel gestartet. Sechs bis neun
Monate könnten die Menschen in ihren neuen Wohnungen bleiben, inklusive
etwa Suchthilfe. Vielleicht gehe das Programm danach weiter und werde
ausgeweitet. „Hoffentlich wird die WM eine Starthilfe für Housing First.“
Turniere sind vielschichtig: Sie können Ausgangspunkt für weitere
Gentrifizierung und Vertreibung sein. Oder für Lösungsideen. Vielleicht in
diesem Fall eine Mischung aus beidem. Jaynell Assmann ist die Gründerin von
CBB und nurse practitioner, in den USA ein Job zwischen Krankenschwester
und Ärztin. Heute bietet ihre Organisation auch etwa eine Kurzzeitpflege,
wo Menschen ohne Obdach nach Krankenhausaufenthalten bleiben können. Kansas
City sei im vergangenen Jahr in der US-Spitze bei steigenden Wohnraumkosten
gewesen, sagt Assmann. „Es gibt sehr viel Gentrifizierung. Wir haben
[4][das erste Stadion weltweit nur für Frauen im Profifußball gebaut,] und
die Stadt ist stolz darauf. Aber in der Gegend haben viele Obdachlose
gelebt. Sie wurden vertrieben.“
Busfahrten seien bislang kostenlos gewesen, sehr wichtig für ihre
Klient:innen. „Aber kurz vor der WM haben sie wieder Bezahlung eingeführt.
Und man muss entweder eine spezielle Karte, eine Kreditkarte oder ein Handy
haben. Das ist fast unmöglich für die meisten unserer Patient:innen.“ In
einer Suppenküche seien die Besuchszahlen seither um 200 bis 400 Personen
pro Woche eingebrochen. „Manche haben das Gefühl, dass sie zur WM mehr Geld
machen wollen. Vielleicht wollen sie es auch für Menschen ohne Obdach
schwieriger machen, in den Bus zu steigen, wo Ausländer sie sehen.“
Sie hofft, die Regel bleibe nicht. Lokale Politiker:innen seien
andererseits auch engagiert. CBB habe gerade von der Stadt eine große
Geldsumme erhalten, um eine niedrigschwellige Notunterkunft zu integrieren.
Und bei Housing First etwa sei das Problem nicht die Stadtregierung,
sondern vor allem die US-Regierung, die das Thema blockiere.
## Umfassende Betreuung hilft
Jaynell Assmann wünscht sich, was naheliegend scheint: eine allgemeine
Gesundheitsversorgung, Regulierung der Mieten, weniger Steuervorteile für
Überreiche. „Wir müssen aufhören, die Reichen zu schützen, und anfangen,
uns um unsere Community zu kümmern.“ Vor allem brauche es Bildung. „Viele
Leute in den USA sagen: Ach, die wollen obdachlos sein. Nein, die meisten
wollen das nicht. Aber wenn man obdachlos ist, ist es so schwer, da wieder
herauszukommen.“ Welche Chancen in umfassender Betreuung liegen, zeige ihre
medizinische Kurzzeitpflege. 60 Prozent der Patient:innen 2025 seien
nicht auf die Straße zurückgekehrt.
Die Bandbreite von Menschen in prekärer Lage ist groß, wie die Fahrt mit
dem Team zeigt. Sie reicht vom zufriedenen älteren Mann im Wohnwagen bis
hin zu schwer Süchtigen im verarmten Osten von Kansas City, dabei etwa ein
Mann mit SS-Tattoo und Messer, der von Genozid fantasiert. Am anderen Ende
der Skala liegt vielleicht das Camp eines Mannes, der eine Legende unter
Obdachlosen ist und, so wird erzählt, bemerkenswert organisierte Camps
führt, in denen etwa LGBT-Menschen geschützt leben. Wie der Mann im Wagen
lebe er freiwillig so.
Doch für viele ist es kein Wunsch. Im Camp am Bach spricht ein Mann langsam
und bemüht, er hat einen Hirntumor. Seit zwei Jahren lebe er draußen. „Ich
habe alles verloren“, sagt er. Eine Scheidung habe er gehabt, im Gefängnis
sei er gewesen. „Es ist hart. Ich habe eine Tochter, sie wird 16, und ich
kann sie nicht mal sehen, weil ich kein Fahrzeug habe. Die Menschen
verurteilen dich. Es ist eine erniedrigende Erfahrung.“ 61 Jahre werde er
dieses Jahr. „Ich will nicht hier draußen sein. Ich will nicht immer
schmutzig sein und für meine nächste Mahlzeit kämpfen. Ich kann nicht mehr
arbeiten, weil ich mich an nichts mehr erinnern kann. Ich brauche jemanden,
der mich pflegt.“ Ein anderes Bedürfnis als die Frau, die betonte, auf
eigenen Beinen stehen zu wollen. Was ihm am meisten helfen würde? „Güte“,
sagt er.
11 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.carebeyondtheboulevard.org/
(DIR) [2] /Obdachlosigkeit-in-den-USA/!6101618
(DIR) [3] /Obdachlosigkeit-und-Aufbruch/!5931604
(DIR) [4] /Erster-Stadionneubau-fuer-Fussballerinnen/!5996114
## AUTOREN
(DIR) Alina Schwermer
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